Keine Fragen offen

Das Literarische Quartett. Gesamtausgabe aller 77 Sendungen von 1988 bis 2001»Wir sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.« Das war einmal. Die Berliner »Directmedia Publishing GmbH« lüpft in ihrer »Digitalen Bibliothek« den Vorhang zum Literarischen Quartett und macht alle Debatten aus den 77 Sendungen auf rund 2000 Seiten in drei Bänden sowie auf einer CD-ROM zugänglich. Nachzulesen ist damit also endlich die legendäre Diskussion zu Haruki Murakamis Roman Gefährliche Geliebte zwischen Marcel Reich-Ranicki (Sigle: MR) und Hellmuth Karasek (HK) mit Sigrid Löffler (SL), die einst zum Eklat führte. Und auf der CD-ROM zudem äußerst bequem abrufbar, ausgestattet mit den Segnungen der Directmedia-Software für eine digitale Handhabung klassischer Texte, Stichwort: »Copy & Paste«. Ihr Rezensent, geneigter Leser, tippt also nicht mehr mühsam ab, um Ihnen den Skandal in Erinnerung zu rufen, sondern kopiert die folgenden Zeilen leichthändig. Das sieht dann so aus:

SL: Also ich würde –

MR: Frau Löffler?

SL: Ich würde für dieses Buch einfach für diese Sendung einen Platzverweis aussprechen und würde sagen, das ist keine Literatur, das ist bestenfalls literarisches Fastfood! Gut.

MR: Fastfood?

SL: Fastfood!

MR: Aha.
[2000: Haruki Murakami: Gefährliche Geliebte. Das Literarische Quartett, S. 4666]

Aha! Ja, so nahm der Fall am 30. Juni 2000 in Hannover seinen Lauf. Die eckige Klammer am Ende des Zitats wird bei Kopiervorgängen wie diesem übrigens automatisch generiert und erleichtert dem Kopisten so die Zitation. Während aber etwa bei Nietzsches Gesamtwerk eine seitenkonkordante Ausgabe als äußerst sinnvoll gelten darf, so wird dieses Werkzeug hier zu einer Spielerei – und wirft zugleich die Frage auf: Hegt allen Ernstes jemand die Absicht, aus dem Fernseher zu zitieren? Im übrigen ist die Seitenangabe im Text auf der CD-ROM nicht identisch mit dem in der Buchausgabe: Auf dem Bildschirm umfassen die einzelnen Seiten – vermutlich der Lesbarkeit halber – wesentlich weniger Text. So umfasst der digitale Text insgesamt 5410 »Seiten«.

Naja, dennoch: Der Silberling, der unabhängig vom 49,90 Euro teuren Schuber erstanden werden kann oder muss, kostet rund 30 Euro und bewahrt unter seinen multimedialen Dreingaben (mehrere Stunden mp3-Aufzeichnungen) sogar ein Tondokument mit der gesamten Sendung vom 30. Juni 2000. Das literarhistorische TV-Ereignis des Jahres 2000 ist aber eben – und das mag überraschen – nicht die einzige Frucht, die die ausdauernde Arbeit von fünf Transkribenten trägt: Auch die 67 Sendungen davor sowie die neun Sendungen danach wurden verschriftet, kurzum: jedes gesprochene Wort von Marcel Reich-Ranicki, Hellmuth Karasek, Sigrid Löffler, Jürgen Busche, Klara Obermüller und Iris Radisch sowie von allen Gästen (insgesamt 53 verschiedene, von Elke Heidenreich bis Johannes Rau) dieser Sendung, die vom Zweiten Deutschen Fernsehen zwischen 1988 und 2001 ausgestrahlt wurde, ist schriftlich fixiert und für die Nachwelt festgehalten (es fehlen freilich die Sondersendungen aus den Jahren 2005 und 2006). Damit ist die wohl prominenteste Form der »TV-Literaturkritik« in Deutschland also in dem Format angekommen, das zugleich ihr zentraler Gegenstand ist: dem Buch.

Auf diese Idee muss man erst mal kommen. Denn möglicherweise möchte mancher sich tatsächlich auf diese erlesene Art und Weise das Literarische Quartett fünf Jahre nach Einstellung der Sendung im mannigfarbigen und reich bebilderten Schuber wieder ins Wohnzimmer holen. Bei der Transkription habe man versucht, so erläutert ein Vorwort der Directmedia-Redaktion, »die Dynamik des Gesprächs – ein Markenzeichen des Literarischen Quartetts – abzubilden«. Der erste Entwurf der Transkription, die vollständig der neuen Rechtschreibung folgt, wurde redigiert und redaktionell bearbeitet und kann treuen Zuschauern vielleicht tatsächlich manche Debatte lebhaft in Erinnerung rufen. Man blättert neugierig durch die Seiten, in denen sich das Quartett ausschließlich in gedruckte Worte auflöst: Keine Bilder, keine Illustrationen, nichts, was vom Wesentlichen, dem gesprochenen Wort, ablenken würde. Die Sendungen sind nur nach den besprochenen Büchern unterteilt und mit Zwischenüberschriften versehen, um auch eine gezielte Recherche nach einzelnen Besprechungen zu erleichtern.

So richtig spannend wird eine Wiederentdeckung des Literarischen Quartetts aber doch erst mit der CD-ROM: Unversehens gerät man in fieberhaftes Suchen nach Stichwörtern. Der »Liebesroman« soll ja ein Problembereich gewesen sein für Sigrid Löffler, wie wir spätestens seit dem Murakami-Eklat wissen. Gibt man den Suchbegriff »Liebesroman« also in die Volltextsuche ein, so erhält man 18 Treffer, in denen man den Ursprüngen der feindseligen Stimmung zwischen »SL« und »MR« nachspüren kann. Tatsächlich deutet sich bereits bei der ersten Fundstelle aus der Sendung vom 1. Oktober 1990, in der Diskussion zu Bodo Kirchhoffs Roman Infanta, eine nennenswerte Dissonanz zwischen Löffler und den beiden Herren an. Insbesondere Karasek schwärmt für das Buch, das Löffler hingegen ablehnt:

SL: [...]dieses Buch, das ich wirklich unerträglich fand. Ich muss das jetzt so deutlich sagen. [...] Angeblich ist es ja ein Liebesroman. Es ist so das kälteste Buch, das uneinsichtigste Buch über die Liebe, das ich je gelesen habe. Und es sind die uninteressantesten Helden. Die Frau ist eine reine Männerphantasie, die wird überhaupt nie plastisch, eine solche Frau gibt es nicht, würde ich mal behaupten.

Jawohl: »Männerphantasie«! Genau dieses Wort fällt zehn Jahre später auch während der Murakami-Diskussion, gleichfalls vorwurfsvoll und erneut aus Frau Löfflers Mund. 1990 aber war MR noch merklich weniger auf Krawall gebürstet:

MR: Frau Löffler, Sie werden verblüfft sein, dem Bodo Kirchhoff ist etwas Ungewöhnliches gelungen – nämlich uns beide zu vereinen. Meine Ansichten sind in der Nähe Ihrer Ansichten. Ich glaube –

HK: [unterbricht] Dann muss das Buch gut sein.

MR: Aber es ist etwas besser, die Sache, etwas günstiger, als Sie sie dargestellt haben. Sie wollen den Autor hinrichten. Sie sind ein bisschen sehr streng.

SL: Nein, ich will nur sagen dürfen, dass er Männerkitsch schreibt.

(Nur am Rande sei hier erwähnt: Das schöne Wort »Männerkitsch« ist im gesamten Quartett nur an dieser einen Stelle belegt.) Auch beinahe alle anderen Treffer rund um das Stichwort »Liebesroman« weisen tatsächlich auf Konfliktherde zwischen SL und den Herren MR und HK hin (u.a. zu Gert Hofmanns Die kleine Stechardin, Monika Marons Animal triste, Marlene Streeruwitz’ Verführungen oder Eduard von Keyserlings Wellen). Ebenso wie zu der Frage nach einer Definition von Liebe in der Diskussion zu Brigitte Reimanns Alles schmeckt nach Abschied:

SL: Nein, das glaube ich überhaupt nicht. Um die Liebe geht es überhaupt nicht. Es geht um die Gier und um die Sinnlichkeit und nicht um die Liebe.

HK: Das ist die Liebe, Entschuldigung, Frau Löffler!

SL: Nein, Entschuldigung, [Gelächter im Publikum] das ist die Erotik oder die Sexualität oder was auch immer Sie nennen wollen.

Die Rollen vertauscht sind hingegen in der Diskussion um Michael Köhlmeiers Roman Kalypso: hier ist Löffler dem Roman gegenüber durchaus nicht völlig abgeneigt, dafür gibt sich Karasek prüde und Reich-Ranicki spricht von »Kitsch«, nennt aber dafür recht eindringlich das Wort beim Namen, das offenbar in verschiedenen Variationen zahlreich Eingang in den Roman gefunden hat (und für das es im gesamten Literarischen Quartett exakt zwölf Fundstellen gibt):

MR: [...] Ich werde ficken, ich habe gefickt, wir werden ficken, ich bin gefickt, [Gelächter im Publikum] die Welt ist eine Fickerei, das einzige Glück ist das Ficken.

Auch den ganz ähnlichen Satz »Wir werden ficken, wir haben gefickt, wir wollen ficken!« aus dem Munde von Reich-Ranicki hat es, die Volltextsuche beweist es zweifelsfrei, gegeben: am 22. Februar 1996 zu John Updikes Roman Brasilien.

Befeuert von solchen gehobenen S(ch)ätzchen möchte der Rezensent noch zu weiteren Stichworten, die ihm gerade – natürlich vollkommen subjektiv – in den Sinn kommen, wenigstens die Zahl der Fundstellen zur Kenntnis bringen:

Goethe: 365 Fundstellen
Schiller: 105 Fundstellen
Heine: 26 Fundstellen
Kafka: 139 Fundstellen
Grass: 199 Fundstellen
Walser: 211 Fundstellen
Köln: 59 Fundstellen
Bonn: 3 Fundstellen
Kritik: 261 Fundstellen
Emanzipation: 2 Fundstellen
Beliebig: 2 Fundstellen
Postmodern: 14 Fundstellen
Literaturwissenschaft: 7 Fundstellen
Literaturkritik: 21 Fundstellen
Gute Literatur: 19 Fundstellen
Schlechte Literatur: 13 Fundstellen
Wunderbar: 148 Fundstellen
Hinreißend: 17 Fundstellen
Großartig: 34 Fundstellen
Toll: 39 Fundstellen
Bezaubernd: 1 Fundstelle
Gut: 1702 Fundstellen
Schlecht: 336 Fundstellen
Entsetzlich: 26 Fundstellen
Grässlich: 12 Fundstellen
Schauderhaft: 5 Fundstellen
Furchtbar: 137 Fundstellen
Fürchterlich: 13 Fundstellen
Pfui deibel: 2 Fundstellen

Das bekanntermaßen allerwichtigste Suchwort überhaupt (»Sex«) kann immerhin 16 Fundstellen für sich beanspruchen. Sehr viel erfolgreicher ist die Suche nach der Formel, die die Transkribenten stets dann eingefügt haben, wenn die Diskutanten einen Lacherfolg landen konnten: »Gelächter im Publikum« bringt es auf 730, »allgemeines Gelächter« auf weitere 297 Eintragungen. »Beifall« gab es immerhin 169 Mal und ins Wort gefallen ist man einander auch immer wieder gerne: »Unterbricht« bietet eindrucksvolle 1457 Fundstellen. Mit der Volltextsuche bleiben selbst für das Literarische Quartett keine Fragen offen.

Im Anhang ergänzen Angaben zu allen Teilnehmern und Gästen sowie zu allen besprochenen Büchern dieses arbeitsame Projekt aus dem Hause Directmedia. Der enzyklopädische Anspruch der »Digitalen Bibliothek« lässt es auch nicht zu, dass die Abspanne der 77 Sendungen verloren gehen: sie sind auf acht Seiten verteilt im Anhang zu finden. Somit ist auch jener denkwürdige Abspann vom 14. Dezember 2001 für die Nachwelt festgehalten, in dem es da hieß:

Sie sahen das letzte Literarische Quartett – Mit: Marcel Reich-Ranicki, Iris Radisch, Hellmuth Karasek und Jürgen Busche – Technische Leitung: Helmut Karch – Bildtechnik: Joachim Rösch – Licht: Dirk Heppner – Ton: Wolfgang Gerwin, Kamera: Peter Metzler, Martin Baer, Till Kind, Manfred Schebsdat, Manuel Stahl, Gerion Wirthensohn – Bildschnitt: Birgit Schneider – Bühnenbild: Ursula Gielnik – Maske: Karin Friedrich – Aufnahmeleitung: Iris König, Sylvia Wahmes – Produktionsleitung: Wolfgang Fähndrich (ZDF), Gerda Weissenberger (ORF) – Regie: Peter Czichos – Redaktionelle Mitarbeit: Marianne Heitmann – Redaktion: Werner von Bergen (ZDF), Krista Fleischmann (ORF) – Leitung: Manfred Eichel – Eine GemeinschaftsSendung von ZDF/ORF (2001)
[Anhang: Das Literarische Quartett, S. 5410]

Das Literarische Quartett. Gesamtausgabe aller 77 Sendungen von 1988 bis 2001, Drei Bände im Schuber, Hardcover, 1952 Seiten, Berlin: Directmedia, 2006, ISBN-13 978-3-89853-301-0. 49,90 Euro.
Das Literarische Quartett. Gesamtausgabe aller 77 Sendungen von 1988 bis 2001, Volltext mit mp3-Aufnahmen, CD-ROM. Berlin: Directmedia, Digitale Bibliothek 126, 2006. ISBN-13 978-3-89853-526-7. 30, – Euro.

[Anm. d. Red.: Ein Exemplar der Gesamtausgabe können Sie gewinnen, wenn Sie an der Leserumfrage der Kritischen Ausgabe teilnehmen, die dem aktuellen Heft zum Thema Verbrechen beiliegt.]

 

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