Kerner, Körner – oder Keiner?

Manfred Poser beginnt 2010 mit einem literarischen Rätsel, das jeden Krimi schlägt. Wer weiß die Antwort?

Das neue Jahr beginnt in den »Ausreißversuchen« mit einem Rätsel. Seit fast zwei Jahren liegt ein literarisches Problem, verwandt mit einem Schachproblem, bei mir in der Schachtel »Unerledigtes« und lässt mir keine Ruhe. Darum hoffe ich nun auf die Mithilfe von Leserinnen und Lesern. Dabei winkt kein Geldpreis, allenfalls ein Stückchen Unsterblichkeit ...Das neue Jahr beginnt in den »Ausreißversuchen« mit einem Rätsel. Seit fast zwei Jahren liegt ein literarisches Problem, verwandt mit einem Schachproblem, bei mir in der Schachtel »Unerledigtes« und lässt mir keine Ruhe. Darum hoffe ich nun auf die Mithilfe von Leserinnen und Lesern. Dabei winkt kein Geldpreis, allenfalls ein Stückchen Unsterblichkeit.

 

Die Scole Group

Ab März 2008 bereitete ich für das Museum für Kommunikation in Bern die Ausstellung »Goodbye & Hello« über Jenseitskontakte vor. Also las ich Dutzende Bücher und stieß dabei auch auf die »Scole Group«. Robin und Sandra Foy hielten mit Diana und Alan Bennett als Medien in Scole in Norfolk im Keller ab 1993 Séancen ab. Bald kam es zu frappierenden Phänomenen: Objekte tauchten im Raum auf (Apporte), Handschriften zeichneten sich auf Papier ab, Stimmen instruierten und informierten. Die Experimentatoren und ihr Jenseitsteam stellten viele einfallsreiche Versuche an, um greifbare Beweise für das Überleben des Todes zu liefern. »Wenn Geistwesen in solider Form mit uns im Raum waren – oft befanden sie sich nur 10 oder 20 Zentimeter vor uns –, dann musste man nicht medial begabt sein, um die Liebe zu fühlen, die sie mit sich brachten«, schrieb Robin Foy einmal enthusiastisch. 1999 brach der Kontakt nach drüben leider abrupt ab. Gut dargestellt haben das Wirken der Gruppe Grant und Jane Solomon in ihrem Buch »The Scole Experiment« (1999). Foy selbst hat 2008 ein 560-seitiges Buch über die fünf Jahre verfasst. Unter anderem sollten Filme belichtet werden. Wenn man wirklich einen Beweis haben will, muss dabei jeder Schritt des Experiments protokolliert und kontrolliert werden. Am 26. Juli 1996 brachte ein Teilnehmer, Walter Schnittger, einen selbst gekauften Film mit, ließ ihn nicht aus den Augen – und als er dann entwickelt wurde, zeigte sich in alter Handschrift ein achtzeiliges deutsches Gedicht, dessen Verfasser niemand kannte.

 

Das Gedicht
Quelle: Website von Alan Bennett (inzwischen leider nur noch fragmentarisch im »Internet Archive« zu finden)

 

Das Gedicht

Ich habe später Walter und Karin Schnittger im Taunus besucht, und er wiederholte, er habe den Film stets unter Kontrolle gehabt. Eine Manipulation scheine ihm unmöglich. Walter Schnittger war früher Ingenieur und ist ein sehr exakter Mensch. Bei dem Gedicht dachte man zunächst an Friedrich Rückert, verwarf den Gedanken aber wieder. Es wurden auch Professoren konsultiert, doch es braucht nicht viel Phantasie, sich deren Reaktion vorzustellen, wenn man schilderte, wie man zu dem Gedicht gekommen war. Die Zeilen lauten:

Ein alter Stamm mit tausend Aesten, Die Wurzeln in der Ewigkeit, Neigt sich von Osten hin nach Westen In mancher Bildung weit und breit. Kein Baum kann blüthenreicher werden, Und keine Frucht kann edler sein, Doch auch das »Dunkelste« auf Erden Es reift auf seinem Zweig allein.

Das ist nicht genial, aber gut. Nun saß ich im Frühsommer 2008 am Computer, gab aus Spaß die Zeile mit dem Wort »blüthenreicher« ein – und, kaum zu glauben, es kam ein Ergebnis! Das war 1998 noch nicht möglich gewesen, denn erst danach waren viele Bücher digitalisiert worden. Plötzlich war das Gedicht da, genau die acht Zeilen, und sie standen in dem Buch »The History of the Supernatural« von William Howitt, erschienen 1863. Darunter war ein Wort vermerkt: Kerner. Ich war überglücklich! Ich hatte den Fall gelöst! Ich war unsterblich! In Teil zwei des Buches gab es noch einen Verweis, diesmal ohne Kerner. Komisch. Jedenfalls schrieb ich das Robin Foy, mit dem ich in Kontakt stand, und auch er meinte: Das war’s.

Justinus Kerner (Quelle: Wikipedia)
Justinus Kerner (Quelle: Wikipedia)

Walter und Karin Schnittger machten sich an die Überprüfung, und Zweifel kamen auf. Zwar war William Howitt (1792–1879) in Deutschland gewesen und auch vor 1830 im Weinsberger Pfarrhaus bei Justinus Kerner (1786-1862). Doch Kerner-Experten blieben skeptisch, und unter seinen Gedichten fand es sich nicht. Schade! Der württembergische Arzt Justinus Kerner hatte in Weinsberg praktiziert, dabei Friederike Hauffe kennengelernt, eine hellsichtige Frau, die leider früh starb. Kerners Buch »Die Seherin von Prevorst« wurde 1830 zum Bestseller. Seine Zeitschrift »Magikon« (1840–1853) war die erste parapsychologische Zeitschrift überhaupt.

Vielleicht war es einer aus dem Kerner-Umkreis? Die schwäbische Dichterschule oder »schwäbische Romantik«! Womöglich Eduard Mörike, Fürchtegott Gellert, Wilhelm Hauff, Ludwig Uhland ... oder etwa Christian Friedrich Körner? Es wäre zu schön gewesen, wenn sich Howitt verschrieben hätte: Körner statt Kerner. Karin Schnittger erinnerte sich noch, das Jenseitsteam hätte etwas gesagt, das wie »Keiner« geklungen hätte. Wer denkt da nicht an Homer und die Odyssee, wo der Held den einäugigen Riesen Polyphem blendet und sagt, es sei »Niemand« gewesen; und als die anderen Polyphem fragen, wer ihm das angetan habe, erwidert er: niemand! Humor gibt es auch auf der anderen Seite. Ich ackerte an der Kantonsbibliothek St. Gallen ein Dutzend Bände von Gedichtsammlungen möglicher Autoren durch: nichts.

 

Der »geschätzte vaterländische Dichter«

Dann fand Walter Schnittger durch beharrliches Suchen etwas Neues. Das Gedicht war abgedruckt in der berühmten sechsbändigen »Zauber-Bibliothek« von Georg Conrad Horst (1821).

Titelseite des ersten Bandes der »Zauber-Bibliothek«
Titelseite des zweiten Teils der »Zauber-Bibliothek« (Quelle: Google Books)

Der Autor schreibt dazu, es sei das, was »ein geschätzter vaterländischer Dichter von der Cultur überhaupt sagt«. Wer galt damals als geschätzter vaterländischer Dichter? Das waren wohl die nationalistischen, freisinnigen Dichter, Hölderlin etwa, doch die Zeilen klingen nicht nach ihm. Wir wussten also, dass das Gedicht vor 1821 entstanden sein musste.

Es geht im Inhalt um die alte Kultur, die gerne mit einem Baum verglichen wurde – das erinnert an alte indische Mythologie und an Romantiker wie Schelling, die Sanskrit lernten und Mythen verglichen. In den Jahren von 1770 bis 1800 widmeten sich Autoren der dunklen Seite des Menschen. Franz Anton Mesmer (1734–1815) praktizierte von 1778 bis 1793 in Paris und wurde mit seinem »animalischen Magnetismus« zum Vorläufer der Hypnose und der Parapsychologie überhaupt; Karl Philipp Moritz (1756–1793) gab ab 1783 das »Magazin zur Erfahrungsseelenkunde« heraus, die erste psychologische Zeitschrift; und Friedrich Schiller hatte mit seinem (unvollendeten) Fortsetzungsroman »Der Geisterseher«, zwischen 1787 und 1789 in der Zeitschrift »Thalia« erschienen, den größten Publikumserfolg seiner Laufbahn. In dieser Epoche also müssen die acht Zeilen entstanden sein, doch damit sei es genug: Das Rennen ist eröffnet!

Lieber Herr Finck, im März

Lieber Herr Finck, im März erscheint die neue Kritische Ausgabe zum Thema »Familie«. Das Thema des nächsten Heftes, das für den Herbst geplant ist, lautet »Angst«; eine Ausschreibung dazu veröffentlichen wir in den nächsten Wochen hier auf unserer Website.

Ich freue mich, daß Manfred

Ich freue mich, daß Manfred Posers Beitrag nicht kommentarlos geblieben ist.
Zum Verfasser des Gedichts:
Im Kerner-Haus in Weinsberg habe ich alle dort gesammelten Gedichte und Schriftstücke durchgesehen und die mit dem Kerner-Haus verbundenen Experten befragt, leider ohne Erfolg. Ich kann und will aber auf keinen Fall Justinus Kerner ausschließen, ich kann nur sagen, daß es mir nicht gelungen ist, ihm das Gedicht zuzuordnen, auch nicht mit allen möglichen Suchprogrammen im Internet.
Was den Film betrifft, so könnte man durchaus einen Scherz als Erklärung anführen, wenn nicht die Randbedingungen dies ausschließen würden.
Der Film wurde von mir in Norwich/England in einem normalen Foto-Geschäft gekauft, ohne Vorankündigung oder Bestellung, sondern es war ein ganz normaler Kauf.
Ich könnte mir vorstellen, daß ein Scherz-Film bei einer Polaroid Qualitätskontrolle nicht sonderlich gut ankäme, insbesondere, wenn jemand seine gewünschten, vielleicht mit viel Aufwand verbundenen Aufnahmen nicht erhalten würde.
Ich gebe zu, daß Engländer manchmal einen eigenen Humor haben können, aber selbst bei größter Langeweile halte ich den Aufwand für zu groß, ein nicht auffindbares Gedicht in alt-deutscher Sprache handschriftlich über die gesamte Filmlänge aufzubringen und dies in der Hoffnung, daß sich einige Personen darüber Gedanken machen könnten.
Die Wahrscheinlichkeit, daß der Film so zustande kam, ist für mich mit der Kenntnis der damaligen Randbedingungen gleich Null.
Irgendwie habe ich jedoch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, daß der Dichter doch noch gefunden wird.
MfG, Walter Schnittger

In

In http://www.archive.org/details/pioneersofspirit00howi gibts auf Englisch eine lange Vita von Kerner aus dem 19. Jh. Nach dem, was ich dort bis S. 44 las, scheint mir das Gedicht von ihm zu sein. Es gibt hoffentlich an der Uni jemanden, der mal alle Seiten über Kerner (die erste Buchhälfte) durchschaut. Das Gedicht passt gut zu seiner Weltanschauung, dass es heute nicht mehr tradiert wird, sagt wenig, er hat damals viel publiziert, wer will das jemals durchgucken?? Und die Verse auf einen unbelichteten Film zu bringen, ist sicher überhaupt keine Kunst, man kann den Mitarbeitern einer solchen Fabrik ja auch mal einen Scherz gönnen, der Job ist sicher langweilig. -Was mich noch interessiert: was wird das Thema des 2010-Heftes sein? Mfg, R. Finck

 

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