kettcar: von spatzen und tauben, dächern und händen

Ja, es gibt sie noch, die Guten, die, die noch etwas zu sagen haben über das Hier und Jetzt, das Ich und Du, über das Leben und seine Spatzen, Tauben, Dächer und Hände! Marcus Wiebusch ist mittlerweile schon seit mehr als einer Dekade einer der wenigen, die uns in drei Minuten erklären können, was bei uns alles falsch läuft, wie wir’s besser machen können und was sich einfach nie ändern wird. Der Sänger, Texter und Gitarrist von kettcar konnte schon bei seiner Vorgänger-Band …but alive das außerordentliche Können vorweisen, die „Befindlichkeit“ (eine der Lieblingsphrasen des Hamburgers) unseres seltsamen Volks aufzuspüren und zu karikieren. Dabei aber mit einem Pathos in der Stimme (wer traut sich das schon noch außer diesem großen Künstler?), das zeigt: Ich weiß, Ihr macht euch alle lächerlich, und ich wünschte, ich könnte drüber lachen, aber ich kann nur noch weinen. Gleich im ersten Lied der neuen Platte „von spatzen und tauben, dächern und händen“ zeigt sich das. Im schnellen Opener „deiche“ halten Wiebusch und Kollegen uns den Spiegel vor die Nase und das, was wir da sehen, ist nicht sonderlich schmeichelhaft:

ein volk steht wieder auf - na toll - bei aldi brennt noch licht du weißt: deiche brechen richtig - oder eben nicht

Das können nur kettcar aussprechen: Diese bittere Ironie zwischen Volk und Aldi, die traurige Erkenntnis, dass kein Deutscher sich wirklich auflehnt gegen Ungerechtigkeiten, solange er noch das „Reduziert!“-Plakat im Billig-Discounter sieht. Aber nicht nur politisch-gesellschaftliche Aspekte spielen eine Rolle auf der neuen kettcar-CD; es ist eben diese Mischung aus persönlichen und allgemeinen Tragödien und Komödien, die das neue Werk ausmacht. Es gibt ebenso Lieder über die zwischenmenschlichen Probleme, die man als Ottonormalverbraucher hat, wenn sich zum Beispiel eine Beziehung auflöst, weil einer der beiden Partner nach Berlin geht („48 stunden“), oder wie man damit umgeht, wenn die große Liebe zum Alltag wird: „balu“ ist diese Ballade, die sicherlich einer der Höhepunkte auf dem Album ist, vor allem textlich:

manche sagen es wär einfach, ich sage es ist schwer du bist audrey hepburn und ich balu der bär immer pläneschmiedend dastehen so schön und stumm und ich fang an zu tanzen und werf' erstmal alles um

Beziehungsweise später im Lied:

manche sagen es wär einfach, ich sage es ist heikel du bist new york city, und ich bin wanne-eickel

Cover des neuen kettcar-AlbumsJa, es gibt sie noch, die Guten, die, die noch etwas zu sagen haben über das Hier und Jetzt, das Ich und Du, über das Leben und seine Spatzen, Tauben, Dächer und Hände! Marcus Wiebusch ist mittlerweile schon seit mehr als einer Dekade einer der wenigen, die uns in drei Minuten erklären können, was bei uns alles falsch läuft, wie wir’s besser machen können und was sich einfach nie ändern wird. Der Sänger, Texter und Gitarrist von kettcar konnte schon bei seiner Vorgänger-Band …but alive das außerordentliche Können vorweisen, die „Befindlichkeit“ (eine der Lieblingsphrasen des Hamburgers) unseres seltsamen Volks aufzuspüren und zu karikieren. Dabei aber mit einem Pathos in der Stimme (wer traut sich das schon noch außer diesem großen Künstler?), das zeigt: Ich weiß, Ihr macht euch alle lächerlich, und ich wünschte, ich könnte drüber lachen, aber ich kann nur noch weinen. Gleich im ersten Lied der neuen Platte „von spatzen und tauben, dächern und händen“ zeigt sich das. Im schnellen Opener „deiche“ halten Wiebusch und Kollegen uns den Spiegel vor die Nase und das, was wir da sehen, ist nicht sonderlich schmeichelhaft:

ein volk steht wieder auf - na toll - bei aldi brennt noch licht du weißt: deiche brechen richtig - oder eben nicht

Das können nur kettcar aussprechen: Diese bittere Ironie zwischen Volk und Aldi, die traurige Erkenntnis, dass kein Deutscher sich wirklich auflehnt gegen Ungerechtigkeiten, solange er noch das „Reduziert!“-Plakat im Billig-Discounter sieht. Aber nicht nur politisch-gesellschaftliche Aspekte spielen eine Rolle auf der neuen kettcar-CD; es ist eben diese Mischung aus persönlichen und allgemeinen Tragödien und Komödien, die das neue Werk ausmacht. Es gibt ebenso Lieder über die zwischenmenschlichen Probleme, die man als Ottonormalverbraucher hat, wenn sich zum Beispiel eine Beziehung auflöst, weil einer der beiden Partner nach Berlin geht („48 stunden“), oder wie man damit umgeht, wenn die große Liebe zum Alltag wird: „balu“ ist diese Ballade, die sicherlich einer der Höhepunkte auf dem Album ist, vor allem textlich:

manche sagen es wär einfach, ich sage es ist schwer du bist audrey hepburn und ich balu der bär immer pläneschmiedend dastehen so schön und stumm und ich fang an zu tanzen und werf' erstmal alles um

Beziehungsweise später im Lied:

manche sagen es wär einfach, ich sage es ist heikel du bist new york city, und ich bin wanne-eickel

Natürlich könnte man meinen, das wäre kitschig bis peinlich, aber Wiebusch interpretiert wieder einmal so wunderbar diesen Text, dass es nur symphatisch wirken kann. kettcar dürfen das! Die schöne Lösung des Problems „Die Liebe wird zum Alltag“ ist bei „balu“: es macht gar nichts, der Alltag ist mindestens soviel wert, wie die Liebe:

vergiss romeo und julia wann gibt's abendbrot? willst du wirklich tauschen am ende waren sie tot ich werd' immer für dich da sein, bist du dabei? in dem gefühl wir wären zwei

Das ist es eben, was diese Platte ausmacht: Sie ist fröhlich, positiv, ironisiert das allgemein empfundene Selbstmitleid, wie in „tränengas im high-end-leben“:

ist es ein bisschen bitter oder wirklich schwer? das glas halbvoll oder doch halbleer? und wen interessiert das bitte sehr? ich fands auch toll wie die geschichten sich zur trauer bückten in den ach so großen augenblicken vom balkon oder irgendwelchen brücken ich fands auch mies panzerschlacht im sommerregen sich selber viel zu wichtig nehmen tränengas im high-end-leben

kettcar haben sich abgefunden, ja angefreundet mit dem Leben. Die Musik ist entspannt, befreit, angenehm. Die Ruhe nach dem Sturm. Man kann das schade finden. Muss man aber nicht, man kann sich ebenso für die fünf Gutmenschen aus Hamburg freuen, weil sie auch mal endlich die Sonnenseiten des Lebens sehen. Aber die Musik leidet darunter - leider. Der Sturm war „du und wieviel von deinen freunden“, kettcars erste Platte von 2002. „Landungsbrücken raus“ zeigte damals, was für ein Befreiungsschlag notwendig war, um aus der Traurigkeit herauszukommen:

aufstehen, atmen, anziehen und hingehen. zurückkommen, essen und einsehen zum schluss: dass man weiter machen muss.

kettcar brauchten bombastische Musik, Wut, Trauer, eine brachiale Befreiung mit Hilfe von Gitarren, Verstärkern, allem, was das Schlagzeug zu bieten hat, um zum Entschluss zu kommen:

2002 the year schwachsinn broke jenseits von cool und raus aus selbstmitleid will sätze die sagen: das war's

Was für ein Lied! Und das war’s wirklich: kettcar haben jetzt eine ganz neue CD gemacht, die sagt: das war’s. Und deshalb fehlt was bei dieser Band: diese Gefühlsausbrüche, diese tiefe Traurigkeit, die sich sogar zum Teil aus der Stimme von Wiebusch verflüchtigt hat, der immer so sang, als würde er jeden Moment anfangen müssen zu weinen und man selbst aus Mitleid mit. Statt Emotionen sind jetzt deren ironische Brechungen bei den Hamburgern angesagt. Und das ist wahrscheinlich auch besser so, denn eine zweite „du und wieviel von deinen freunden“ wäre nach „Landungsbrücken raus“ nicht mehr möglich gewesen. Textlich nicht – denn „das war’s“ –, und musikalisch kann wahrscheinlich keine deutsche Band in den nächsten zwanzig Jahren dieses Lied übertreffen, auch nicht kettcar selbst. Und das ist wiederum symphatisch an diesen Gutmenschen: Sie wollen es auch nicht. Sie waren klug genug, eine Platte zu machen, die eben vollkommen anders klingt, reifer, erwachsener, vielleicht auch abgestumpfter, aber auf jeden Fall glücklicher. Wie bei „balu“: Der Alltag ist eben doch wichtiger als die ganz großen Emotionen. kettcar: von spatzen und tauben, dächern und händen. Hamburg: Grand Hote/Indgo, 2005. Ca. 40 Min. Spielzeit. Best.-Nr. IND052982. kettcar im Internet: www.kettcar.net

Coole Scheibe!!! Super Songs

Coole Scheibe!!! Super Songs und super Texte! Wie bereits gesagt: Jeder findet sich sicher irgendwo wieder...
Aber musste es in "balu" wirklich "heikel" heißen, bzw. hätte man nix anderes finden können was sich darauf reimt??? Denn wenn man in einem solchen Lied auch noch seine Heimatstadt in diesem Zusammenhang hört, kommt das es nochmals etwas anders rüber...

... da geht was ! Dieses

... da geht was ! Dieses Spiel von Gefühl und Kritik an liebgewonnenen Bequemlickeiten sucht seines Gleichen. Jeder hört, sucht Parallelen in seinem Leben und wird nachdenklich - traurig - trotzig ... Das Schöne ist wohl: Jeder findet sich wieder. Wer kann diese Botschaft schon von sich behaupten...Die Jungs machen Spaß - bald wird´s ernst ... aber hoffentlich nur im Zirkus der Anerkennung ... ich glaube da klopfen bald die Bigboys an die Tür... ( und die kommen erst, wenn was geht - schade oder Gott sei Dank !!! )

 

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