Ein Hippie auf paranormaler Mörderjagd

In ihrem Debüt gelingt Jess Kidd eine Mischung aus skurriler Gesellschaftskomödie und magischer Detektivgeschichte

Bei der Aufklärung des Mordes seiner Mutter erhält der irische Hippie Mahony nicht nur von der ehemaligen Schauspielerin Mrs. Cauley, sondern auch von den Geistern der Verstorbenen Hilfe. Mit Der Freund der Toten gelingt Jess Kidd eine humorvolle Mischung aus Mystery und romantischer Liebesgeschichte. Neben der spannenden Mörderjagd bietet der Roman exzentrische Figuren und ergreifende Melodramen, die das Buch absolut lesenswert machen.

Als im Mai 1976 ein Unbekannter im kleinen irischen Dorf Mulderrig auftaucht, stellt er das beschauliche Dorfleben komplett auf dem Kopf. Der charmante Hippie Mahony verdreht den Frauen reihenweise den Kopf, beunruhigt diejenigen, denen sein Gesicht merkwürdig vertraut vorkommt und bringt den Priester zur Weißglut. Bald stellt sich heraus, dass Mahony der Sohn von Orla ist, einem vor 26 Jahren, auf mysteriöse Weise verschwundenem Mädchen. In einem Dubliner Waisenhaus aufgewachsen, glaubte Mahony Zeit seines Lebens, dass seine Mutter ihn aus Gleichgültigkeit weggegeben habe. Doch ein Brief deutet eine ganz andere, brutale Geschichte an, die er nun in seinem Geburtsort aufdecken will. Bei der Aufklärung des mysteriösen Falls steht ihm die ehemalige Schauspielerin und Exzentrikerin Merle Cauley bei, die glaubt, dass Orla ermordet wurde. Der Freund der Toten ist kein gewöhnlicher Krimi, denn Mahonys Gabe mit den Toten kommunizieren zu können, verändert die gesamte traditionelle Detektivarbeit.

Der Freund der Toten ist Jess Kidds erster Roman. Die Autorin verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in einem Dorf an der irischen Westküste. Ihr Literaturstudium absolvierte sie in Twickenham an der St. Marys University. Derzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman. Ihr Debüt wurde auf Englisch unter dem Titel Himself veröffentlicht und von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann gekonnt ins Deutsche übertragen. Mit viel Sinn für Atmosphäre erschafft Kidd bizarre Gestalten und schräge Charaktere. Die wechselnden Tonarten und jede Menge originelle Situationskomik sorgen zusätzlich für einiges Gelächter beim Lesen. Mithilfe ihres poetischen Schreibstils erweckt sie einen magischen Feenwald zum Leben, der dem ländlichen Aberglauben seine Berechtigung zugesteht.

Eine verschworene Dorfgemeinschaft hütet ein Geheimnis

Kidds Romanwelt in Der Freund der Toten setzt sich aus realistischen und fantastischen Elementen zusammen. Trotz der wundersamen Begebenheit, dass Mahony mit Toten redet, handelt es sich beim Roman keineswegs um eine Horror-Geschichte. Vielmehr reihen sich die Toten in die Riege liebenswerter Figuren ein. Da wären unter anderem der hilfsbereite Kneipenwirt und Autoliebhaber Tadgh, die bis über beide Ohren in Mahony verliebte Vermieterin des Gasthauses Shauna, die Katzenfrau und Klatschexpertin Mulderrigs Bridget Doosey, sowie der ungeliebte Father Quinn, der sich von Merle Cauley dazu überreden lässt ein Theaterstück im Gemeindesaal der Kirche aufführen zu lassen. Kidds Charaktere illustrieren meisterhaft die Macken der menschlichen Natur. Mit viel Charme, Karikatur und Witz wird das irische Dorfleben der 70er Jahre dargestellt. Außerordentlich schön gestaltet Kidd zudem die langsam entstehende Freundschaft zwischen Merle und Mahony, die sich trotz ihres Altersunterschiedes zu engen Vertrauten entwickeln.

Dabei ist es Kidds Rhetorik zuzuschreiben, dass der Roman von einer magischen, düsteren und dennoch humorvollen Atmosphäre geprägt ist. Mithilfe von Anthropomorphisierungen, wiederholten Phrasen und Metaphern konstruiert sie einen nostalgischen Kosmos voller Rätsel. Der Freund der Toten erzählt dabei auf witzige und spannende Weise von Vorurteilen, der großen Liebe, der Freundschaft, dem (Dorf-)Leben und dem Tod.    

Jess Kidd: Der Freund der Toten. Köln: Dumont Buchverlag, 2017. 384 Seiten. ISBN 978-3-8321-9836-7. 20 Euro. – Auch als E-Book erhältlich.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!