Kleist aus der Ferne

Stefan Heiseke setzt den Prinzen von Homburg in den Bonner Kammerspielen in Szene

Als nach anderthalb Stunden »Prinz Friedrich von Homburg« in den Bonner Kammerspielen das Licht ausgeht, setzt der Premierenapplaus ein, der zwar höflich auf drei Vorhänge ausgedehnt wird, aber sehr auffällig ohne große Anteilnahme oder Leidenschaft gegeben wird. Es ist kein Ärger und keine Ablehnung im Saal zu hören, aber ebensowenig Jubel, als der Regisseur Stefan Heiseke auf die Bühne gebeten wird, sich kurz verbeugt und schnell abgeht. Das Publikum bleibt der Inszenierung gegenüber distanziert. Heißt das nun, dass das Stück nicht angekommen ist, dass der Regisseur ‚versagt‘ hat? Das letzte von Heinrich von Kleist beendete Stück fühlt sich beim Lesen fern an. Die Geschichte vom ruhmsüchtigen Prinzen, der ohne Erlaubnis ins Kampfgeschehen eingreift, den Sieg erringt, aber wegen Befehlsverweigerung angeklagt wird, das ganze Preußische und Militärische an der Geschichte, ebenso die seltsame Schlafwandelszene und der unwirkliche, traumartige Schluss, nicht zuletzt die sonderbar verquaste Kleistsche Sprache: Alles das führt zu der Frage, ob uns das Stück heute noch etwas sagen kann. Mehr noch als bei anderen Stücken steht und fällt ein Homburg-Abend mit der Antwort, die der Regisseur auf diese Frage findet. Heisekes Inszenierung setzt mit einer Überraschung ein: Zu Beginn weht ein Hauch von Residenztheater, ein Hauch historischer Inszenierung durch die schmucklosen Kammerspiele. Gemalte Bühnenbilder, Theaterprospekte, sind zu sehen: links und rechts der Bühne als Säulen, der eiserne Vorhang als bemalter roter Stoffvorhang. Und die Zeitreise geht gleich weiter: Wie noch um 1800 Sitte, beginnt der Abend mit einer musikalischen Ouvertüre, ehe der hochgezogene Vorhang den Blick frei gibt – auf noch mehr Prospekte (sich rankende Pflanzen links und rechts, hinten ein gemaltes Schloss) und Bonner Schauspieler in historisch-historisierender Kostümierung (Bernd Braun als Kurfürst mit Perücke und Puder!). Nur einer bleibt von der karnevalesk anmutenden visuellen Opulenz auffallend ausgenommen: der Prinz, gespielt von Arne Lenk. In der ersten Szene flicht er traumverloren an einem Lorbeerkranz und lässt sich nicht erwecken von den Rufen seines Kurfürsten. Erst als dieser ihm den Lorbeerkranz abnimmt und ihn Natalie (Maria Munkert) gibt, erwacht er. – Und mit seinem Erwachen, das heißt, mit Ende der Eingangsszene, verändert sich auch die Bühne radikal: Die Ouvertüre ist aus, der Kostümball abgesagt, nach einem kurzen Vorhang steht die Bühne nackt da (nur die vorderen Säulen bleiben erhalten) und gibt den Blick frei auf eine jener Spielflächen, die für das zeitgenössische Theater so typisch sind: Eine breite und tiefe schwarze Treppe führt zur Bühnenrückwand, die mit Wellblech verkleidet ist (was dem Ort einen schwarz-weiß schraffierten Hintergrund einbringt), links hinten ein Perkussionist mit allerlei Arbeitsgerät, um die Treppe herum Stühle. Willkommen im Theater des 21. Jahrhunderts. – Was will uns das? Ist die radikale Aktualisierung der Bühnensituation der Startschuss für eine ebenso radikale Aktualisierung des Textes? Immerhin ist der Text ordentlich gekürzt wurden, von ehedem fünfzehn Sprechrollen sind sechs geblieben. Auch die Kostüme haben sich vom barocken Brandenburg-Preußen entfernt und sind farblich einheitlich schwarz-weiß.

 

 

»Prinz Friedrich von Homburg« in einer Inszenierung des Theaters Bonn (Foto: © Thilo Beu)
(Foto: © Thilo Beu)

 

 

Und tatsächlich wandelt sich auch der Regiestil zunächst, die Beratungen der Militärs und die anwesenden Damen sind auf der Treppe in symbolhaften Dreiecken und Achsen angeordnet, es wird frontal zum Publikum gesprochen. Aber dieses formalistische Theater wird nicht durchgehalten: Bis zum Schluss dominiert eher ein fast naturalistisches Spiel und die Schauspieler agieren ihre Rollen solide aus. Es fällt allerdings auf, dass sie oft eher bei sich sind und bisweilen so leise sprechen, dass sie kaum zu hören sind. Es ist, als ob die Akteure den Text und ihr Spiel nicht ins Publikum tragen wollten, sondern ganz im Sinne Diderots spielen, als sei keiner anwesend. In der Schlussszene, in der dem Prinz Gnade widerfährt und ihm die geliebte Natalie versprochen wird, woraufhin er fragt, ob es sich um einen Traum handelt, echoen die fünf übrigen Figuren um den somnambulen Prinzen fern und monoton ihre Heilrufe und lassen damit das einzige Mal ein bisschen Uneigentlichkeit aufscheinen, ein bisschen Distanz zum Text, ein Theatermittel, das bis dato als einziges vermieden wurde, denn der Text und seine Themen werden sehr ernst genommen. Der Variantenreichtum der Sprachen und Haltungen an diesem Abend erzeugt aber keine große emotionale Wirkung, und darin ist Stefan Heisekes eigentliches Regiekonzept zu sehen: Heiseke hält den Text am Leben, indem er ihn – paradoxerweise durch Einsatz vieler Mittel – auf Distanz hält. Ja, er benutzt Klang, aber die Perkussion dient kaum der emotionalen Unterstreichung, sondern schafft eher eine rhythmische Grundstimmung, deren Puls nicht zum Mitmachen einladen soll. Ja, auf der Bühne wird geschrien und gebrüllt, Fahnen werden gehisst, Briefe versendet und emfangen, und doch bleibt das Publikum hinter einer Wand, als sei das vor ihr Liegende eine Versuchsanordnung: Auf Buntheit wird verzichtet. Ja, der Text ist gekürzt, aber das Wesentliche ist erhalten geblieben, ohne dass Heiseke es dem Publikum so einfach macht, eine bestimmte Lesart anzubieten. Die Frage nach der Anschlussfähigkeit der bei Kleist verhandelten Themen gibt Heiseke zurück ans Publikum, es soll es für sich selbst entscheiden. Die Vielzahl an nebeneinander stehenden Regieeinfällen zeugt von den Möglichkeiten, die dem Publikum gegeben werden: Keine große Erzählung, sondern kleine Ideen bestimmen diesen Kleist-Abend: So sind die schwarz-weißen Kostüme fast alle mit Stilbrüchen in ihrer Bedeutung aufgewertet, trägt etwa der Kurfürst zum schwarzen Anzug einen Nietengürtel, seine Frau zum klassisch-schlichten Spitzenkleid beige Pumps und der Prinz einen Frack aus Leder. Auch hier wird eine allzu leichte Einordnung verhindert. Vor dieser Folie erscheint der Wechsel des Bühnenbilds als Vergegenwärtigung der Theatermöglichkeiten, und dies ist spätestens seit Brecht ein Mittel, um Distanz zum Inhalt zu wahren. Heiseke hat gesagt, was er sagen wollte, nämlich dass wir den Homburg in seiner Ferne aushalten und seine Themen und Geschichten selbst auf Aktualität oder Interesse abklopfen sollen. Der etwas leidenschaftslose Applaus gibt somit dem Regisseur, was er will: Heiseke will nicht begeistern, er will Raum für den Text und seine Möglichkeiten bieten. Das ist ihm gelungen, der Text lebt. Allerdings: Wer ins Theater geht, um mitgerissen zu werden, der wird mit dieser Inszenierung nicht glücklich. Prinz Friedrich von Homburg. Schauspiel von Heinrich von Kleist. Theater Bonn – Kammerspiele Bad Godesberg. Regie: Stefan Heiseke. Premiere: 24. September 2010. Weitere Termine: 19. und 27. November, 18. und 29. Dezember. www.theater-bonn.de

 

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