Klicken, Klackern und Blut

Ziv Frenkel; Linda Ryser (Ulrike Meinhof); Valenti Rocamora i Tora – Foto: © Thilo BeuZunächst ist nur das dröhnende Klackern einer Olympia- Reiseschreibmaschine zu hören. Immer wieder schlagen die Buchstabentypen gegen die Walze. Klirren, scheppern und bohren sich ins Bewusstsein. Auf den eisernen Vorhang der Bonner Oper wird diffus die Deutschlandfahne projiziert. Eine Saaltür öffnet sich. Im Gegenlicht steht eine Frau im Trenchcoat. Verwirrt und dennoch unbewegt schaut sie, gleich dem Publikum, auf eine bis auf die Brandmauern fast leere Bühne. Sie trittt näher heran. Stahlträger schweben über ihr. Eine Steinwand, nicht hoch, nicht breit, scheint aus dem Hintergrund zu leuchten. Über allem, gleich einer vagen Verbindung zur Realität, erhellt eine Hamburgerreklame den oberen Bühnenraum. Weiter scheppern die Tasten. Auf dem Boden ein Schlachtfeld aus diffusen kleinen rechteckigen Gegenständen. Steine? Schutt? Zunehmend deutlicher erahnt man die Beschaffenheit der vermeintlichen Trümmer: Es sind Styroporschachteln. Jene Schachteln, die in längst vergangenen Zeiten zum Einpacken von Burgern und frittiertem Hühnerklein Gebrauch fanden. Relikte heute beinahe zärtlich verklärter Tage...

Wir schreiben das Jahr 1990. Die zwei Deutschlands haben sich vereint, die Gesellschaft taumelt in Trance durch die Wendejahre. Viel Wasser ist in den sechzehn Jahren seitdem den Rhein hinabgeflossen und irgendwie sehnt man sich fast in diese unbescholtene Zeit zurück. So offensichtlich auch Johann Kresnik, das zwar durchaus in die Jahre gekommene, künstlerisch aber keineswegs angegraute enfant terrible der internationalen Tanzszene. Wie schon 1993 zum Amtsantritt als Tanzleiter der Berliner Volksbühne, brachte Kresnik jüngst seine Journalistenbiographie aus dem Wendejahr, Ulrike Meinhof (Uraufführung 1990 in Bremen), in Bonn erneut auf die Bühne – und beweist Erstaunliches: Auch nach so langer Zeit funktioniert sein Alptraum vom freien Geist in einer zerrütteten Gesellschaft. Manches mag angestaubt wirken, einiges kontrovers, insgesamt jedoch bleibt seine Vision eindringlich und bewegend.

Die junge Frau (Francina Borges) ist eine von drei Meinhof-Figuren. Als Geist und Wiedergänger einer vergessenen Republik steht sie vor den Auswüchsen einer ihr unbekannten Welt. Aus dem hinteren Bühnenraum wälzen sich wurmgleich Fastfood verschlingende Gestalten in Richtung Orchestergraben. Fressen, stopfen und – wie könnte es bei Kresnik auch anders sein – kotzen die unverdaulichen Kunststoffe einer globalisierten Welt wieder aus. In den nächsten Minuten wird die junge Frau genauso wie das Publikum überrollt von unterschiedlichsten Szenen und Eindrücken. Im Hintergrund liegt die zweite Meinhof (Simona Furlani). In grauen Lumpen, an allen Extremitäten ein Blatt Papier mit dem Symbol der RAF, vegetiert sie auf einem Opferstein vor sich hin. Eine „Deutschland einig Vaterland“-Demonstration dreht ihre Runden. Gottlieb Wendehals schmettert seine Polonaise und tanzt mit den Demonstranten. Hitler und Stalin marschieren in einer gemeinsamen Lederhose über die Bühne. Katja Ebstein säuselt „Im Leben, im Leben, geht mancher Schuss daneben“ und wird umgehend vom „Blau blüht der Enzian“ trällernden Vorzeigedeutschen Heino abgelöst. Inmitten dieses Tanz-Panoptikums arbeitet sich Francina Borges durch die ersten Lebensstationen der Meinhof. So recht will Kresniks Symbolik und Bildsprache zu diesem Zeitpunkt noch nicht greifen und vermag wundersamerweise doch zu fesseln. Entzückend die Episode, in der Meinhof, längst mit dem konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl (Patrick Entat) verheiratet, gleich einer Braut zum Sozialismus findet. Eingehüllt im roten Tüllkleid mit Hammer-und-Sichel-Aufdruck (jetzt wieder Furlani) ähnelt sie beinahe der jungen Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Noch unschuldig, doch sichtbar zufrieden geht es der Weltveränderung entgegen.

Linda Ryser (Ulrike Meinhof) – Foto: © Thilo BeuRichtig Fahrt gewinnt Kresniks Inszenierung in den "Terror-Tagen". Jetzt erst spielt er seinen großen Trumpf aus und lässt die hinreißende Linda Ryser aus der Loge, wo sie bis dahin für das infernalische Tippgeräusch gesorgt hat, herabsteigen. Rysers tänzerische Qualitäten sorgen für die rechte Intensität der Darstellung. Wenn sie als Ratio einer anderen Meinhof das Feuerzeug zum Entzünden der eigenen Schriften aus der Hand nimmt, schaudert es dem Zuschauer unwillkürlich. Gefangen im abgleitenden moralischen Wertesystem steuert die Choreographie plötzlich auf Stammheim zu. Zu spät, möchte man fast sagen, da gerade in diesem Teil des Stückes die bedrückendsten Bilder vorkommen. Meinhof und Schergen unter der Eisdusche. Meinhof unter der Folter zweier mit knapp vier Meter langen Eisenkrallen bewaffneter Polizisten. Nicht zu vergessen die Zwangsernährung. Dies sind Szenen, die unter die Haut gehen. Geschenkt, dass sie mitunter ein bisschen an die Sensationsgier des Publikums appellieren. Zu welcher Ausdruckskraft Kresnik seine Tänzer antreiben kann, ist hier nicht mehr nur zu erahnen, sondern wird offensichtlich. Wenn Meinhof sich zum Ende hin die eigene Zunge abschneidet, eine weitere Ulrike zwischen zwei Plexiglasscheiben eingesperrt, gleichsam in die Vitrinen der Historie eingemauert wird, kommt die Idee vom Martyrium, die das Stück beherrscht, zur vollen Entfaltung.

Kresniks Ideen greifen noch heute. Aus der Distanz zu den geschichtlichen Ereignissen und der Entstehungszeit des Stückes wirken manche davon zwar mitunter abstrus oder zumindest ein wenig krude, aber wenn es um seine wirklich großen Einfälle geht, bleibt er als Provokateur doch unschlagbar. So etwa klingt noch einige Zeit, nachdem sich der eiserne Vorhang gesenkt hat, die erste Strophe des Deutschlandliedes in der Interpretation Heinos (!) nach – ähnlich der Dame im Trenchcoat zu Beginn ein Wiedergänger der Geschichte.

Ulrike Meinhof. Choreographisches Theater von Johann Kresnik. Oper Bonn.
Premiere: 12.02.2006. Inszenierung und Choreographie: Johann Kresnik.
Weitere Aufführungen: 19.02., 09.03., 16.03. und 22.03.2006
Weitere Informationen unter: www.theater-bonn.de

(Fotos: Thilo Beu)

 

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