Klischee, Spott und Komik

Szenenfoto: Daniel Andone, Julianna VicziánEin Käse ausbrütender Bauer und eine Bauersfrau, die ihrem verstorbenen Mann Geld ins Paradies senden will. Zwei wirklich heitere Szenarien bringt der ungarische Regisseur Peter Tömöry mit Hans Sachs' Fastnachtsspielen Der fahrende Schüler ins Paradies und Kälberbrüten auf die kleine, aber gerade deswegen dem Publikum so mitreißend nahe Bühne des Euro Theater Central in Bonn.

 

»Mein lieber Herr, was hör ich sagen! Ihr kommet her vom Paradies?«

Erstaunt und gutgläubig empfängt die Bäuerin (Julianna Viczián) den fahrenden Studenten (Daniel Andone). Der Student, der eigentlich aus Paris angereist ist und das Publikum bereits vertraulich in seinen Plan eingeweiht hat, weiß die Dummheit der Bäuerin für sich zu nutzen. Er erzählt ihr von der Armut ihres verstorbenen ersten Mannes, den er im Paradies getroffen habe. Bereitwillig und voller Freude gibt sie dem Studenten Geld und Kleidung für ihren Ex-Gatten mit. Als ihr zweiter Mann, der Bauer (Mike Weber), heimkehrt und seine Frau ihm aufgeregt Bericht erstattet, kann er nur schwer seinen Zorn unterdrücken. Unter dem Vorwand, dem Studenten noch mehr Geld für den Toten bringen zu wollen, reist er ihm hinterher. Seine eigentliche Absicht, die teuren Kleider und das Geld zurück zu holen scheitert aber daran, dass er den verkleideten Studenten in seiner Tölpelhaftigkeit nicht erkennt und sich von ihm auf eine falsche Fährte locken lässt. Letztendlich ergattert der Student auch noch des Bauern Pferd, sodass dieser zu Fuß zurückkehren muss. Zu seinem Schrecken hat seine Frau inzwischen begeistert dem ganzen Dorf von dem vermeitlichen Reisenden aus dem Paradies erzählt und sich damit zum Gespött der Leute gemacht.

Der Meistersinger Hans Sachs prangert in dem Fastnachtsspiel auf amüsante Art und Weise die Gutgläubigkeit und den Aberglauben der ländlichen Bevölkerung an. Die Entblößung der Dummheit und Tölpelhaftigkeit der Bauern ist auch Thema des zweiten Schwanks, »Kälberbrüten«.

 

»Gack gack… goock… gack gack«

Der faule Bauer Hans (Mike Weber) sitzt auf einem großen Stück Käse und gibt sich allergrößte Mühe, ein Kalb auszubrüten. Seine Frau Grete (Julianna Viczián) ist schon früh auf den Markt gegangen und hat ihm zuvor in unheilvollem, tyrannischem Ton sein Tagewerk aufgetragen. Doch das Essen verbrennt ihm und ein Kalb, das im Garten weiden sollte, ertrinkt im Brunnen. Um dem Zorn der Bäuerin zu entgehen, beschließt er, ein neues Kalb aus einem Laib Käse auszubrüten. Als die Frau Zeugin seiner Brutversuche wird, ruft sie verzweifelt den Pfaffen (Daniel Andone) herbei, der ihn beschwört und so dazu bringt, seine Angst vor Grete einzugestehen. Nach einem deftigen Streit und der Flucht des Pfaffen sieht Grete nur eine Lösung: »Das Marktgeld wollen wir verzechen und uns zusammen am Weine zu rächen.«

Gekonnt bedient sich Peter Tömöry bei der Inszenierung der Fastnachtspiele von Hans Sachs, die um 1550 entstanden, aus der Klischeekiste. So gelingt es ihm und seinen Schauspielern, das Bild der dummen, abergläubischen Bauern und der geldgierigen Kirche deutlich herauszuarbeiten. Mike Weber stellt den Hans sehr überzeugend in der Rolle des brütenden Federviehs dar – für den Zuschauer ein herrlich komisches Bild. Der feuchte Segen, den der an Geldgier und Doppelmoral kaum überbietbare Pfaffe der Bäuerin immer wieder voll Genugtuung auf die Stirn drückt, und die inbrünstige Beschwörung des Bauern sind weitere Beispiele gekonnt inszenierter Komik. Das naive, triebhafte Handeln der Bäuerin gegenüber dem fahrenden Studenten unterstreicht Julianna Viczián mit übertriebener Mimik. Durch die Wiederholung bestimmter Gesichtsausdrücke und Bewegungen wirkt ihr Auftreten künstlich und puppenhaft, was den Klischeecharakter ihrer Figur freilich nur verstärkt. Dies gilt auch für den Bauern, der wie eine Marionette auf einem imaginären Pferd durch die Kulisse reitet.

Diese besteht übrigens aus mit schwarzen Stoffbändern bezogenen Stellwänden, die nicht nur als Türen oder Fenster dienen, sondern zugleich, indem sie bewegt werden, die Stimmung einzelner Szenen verdeutlichen, so etwa die überspitzte Angst und Hektik, in die der Bauer verfällt, um seiner Frau zu genügen. Daneben verleiht mal die volkstümliche Tanzmusik, mal eine Knittelvers-Rap-Einlage den turbulenten und ungestümen Szenen zusätzliche Komik. Zudem verwandelt Tömöry die beengten Verhältnisse des Euro Theater Central geschickt zum Vorteil und bezieht, indem er den fahrenden Schüler durch die Zuschauerränge auf die Bühne kommen lässt, das Publikum unmittelbar ins Geschehen ein. So gelingt es seiner Inszenierung mühelos, die amüsante Stimmung der Sachs'schen Fastnachtsspiele auf die Zuschauer überspringen zu lassen.

 

Der fahrende Schüler ins Paradies. Zwei Fastnachtsspiele von Hans Sachs. Euro Theater Central, Bonn.
Premiere: 6. April 2006. Inszenierung: Peter Tömöry.
Weitere Aufführungstermine unter www.eurotheater.de.

 

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