Krawall auf hohem Niveau

Deichkinds neues Album Aufstand im Schlaraffenland

Deichkind: Aufstand im SchlaraffenlandEinen kleinen Vorgeschmack auf ihr neues Album »Aufstand im Schlaraffenland« gaben Deichkind bereits beim Bundesvision Song Contest 2005. Auch wenn sie es mit ihrem Beitrag »Electric Super Dance Band (E.S.D.B.)« offiziell nur auf den 14. Platz schafften, gehörte ihr Auftritt doch zu den Highlights eines ansonsten extrem tristen Fernsehabends, denn ihre Show, inklusive der interessanten Kostüme, grenzte schon an Aktionskunst – ein beinah surreales Erlebnis, weil es vollkommen aus dem Rahmen fiel. Aber vielleicht ist auch hier unter den Blinden der Einäugige König? Wer bei Deichkind noch immer an »Nicke mit dem Beat und beweg deinen Arsch« denkt, ist auf dem Holzweg. Seit ihrer ersten Single »Bon Voyage« aus dem Jahr 2000 hat sich bei dieser Band viel getan. Obwohl das Lied ein beachtenswerter Erfolg war und auf ihrem ersten Album Kollaborationen mit so namhaften Größen wie Dendemann von Eins Zwo vertreten waren, gehörten Deichkind nie zu den ganz Großen der deutschen Hip-Hop-Szene. Das könnte auch darin begründet sein, dass die Band schon immer etwas untypisch für ihr Genre war: mit ihren Texten, die stets mit Augenzwinkern zu verstehen sind, ihrem Auftreten und sicher auch ihrer Optik, die sehr wenig mit dem Hip-Hop-Klischee der Baggiepants und Kapuzenpullover tragenden Kleingangster zu tun hat. Dass sie auch musikalisch aus dem Rahmen fallen, beweisen sie nun mit »Aufstand im Schlaraffenland«. Was sich bereits bei der Single »Limit« aus dem Album »Noch fünf Minuten, Mutti« abzeichnete, wird auf diesem Album konsequent weitergeführt: die Abkehr vom herkömmlichen zum Elektro-Hip-Hop. Eröffnet wird das Album mit einem angeberischen Gladiatoren-Intro, das auf die Hip Hop-Wurzeln der Band hinweist, doch schon beim zweiten Lied, »Voodoo«, merkt man eine deutliche Veränderung. Hip-Hop zeichnet sich für gewöhnlich durch typische, stark vordergründige Bässe und Beats aus, die aber immer so sanft bleiben, dass eine entspannte Atmosphäre entsteht. Die Klänge jedoch, die hier aus den Boxen dringen, gehören eher ins Genre House: Sie sind deutlich härter und laden mehr zum Tanzen als zum Entspannen ein. Gekoppelt mit interessanten Lyrics und deren Darbietung beschleicht einen ein wenig das Gefühl, das Lied solle einen in Trance versetzen. Der Gesang pendelt zwischen Sprechgesang und bizarrem Flüstern, die Stimmen werden bis zur Unkenntlichkeit mit Effekten verzerrt, die eine interessante Atmosphäre schaffen. Doch noch bevor man »Voodoo« richtig verarbeiten konnte, beginnt »Remmidemmi« mit einem an Mr. Oizo erinnernden Sound, um dann mit einem harten Beat aufzuwarten. Textlich dreht es sich in der gelungenen Auskopplung um »Krawall und Remmi Demmi« auf einer Yuppie-Party: »Impulsive Menschen kennen keine Grenzen, schmeiß die Möbel aus dem Fenster, wir brauchen Platz zum Dancen«. Melodien sucht man hier zwar vergebens, aber der Beat zieht einen schnell in seinen Bann. Erst bei »Show 'n Shine« kommen die Hip-Hop-Wurzeln klarer zum Vorschein. Allerdings ist auch hier nicht der typische, langweilige Hip-Hop-Beat mit dickem Bass zu hören, sondern eher der Hip-Hop im Stile von Pharrell Williams, sprich: alle Sounds sind auf das Minimum reduziert, aber das Lied schafft es dennoch, den Kopf zum Nicken zu bringen. Das einzige Hip-Hop-typische Lied ist »Prost«, das zusammen mit Das Bo aufgenommen wurde. Der Text lässt sich auf die Zeile »Ich hab Bock zu saufen« herunterbrechen und das Lied ist, im Verhältnis zum Rest des Albums, sehr konventionell geraten. Bei Liedern wie »Aufstand im Schlaraffenland«, »Betäube mich« oder »Krieg« hört man eine deutliche Referenz zu Mediengruppe Telekommander, die auch durch die überwiegend sozialkritischen Texte ins Auge springt. Wie schon in deren Lied »Trend« wird in »Aufstand im Schlaraffenland« offen der Konsumterror angeprangert:

Die Leute kommen und protestieren, sie wollen nicht mehr konsumieren [...] Aufgequollene, fette Frauen, naschen am Spaghettibaum. Am weißen Strand aus Kokain, sonnen sie sich und ziehen, ziehen, ziehen. Ich trinke vom Vodkawasserfall, zieh durchs Land und mach Krawall. Ich zünd den ganzen Laden an, weil ich’s nicht mehr ertragen kann.

In »Show 'n Shine« werden die Oberflächlichkeit und Künstlichkeit der Menschen zum Thema der Kritik: »Alle machen mit, egal ob groß oder klein, zeig mir, wer du bist, das ist Show und Shine. Chic und en vogue, ja so ist fein…« Die verschiedenen Stimmeffekte bieten viel Abwechslung, so dass dem Hörer so schnell nicht langweilig wird. Auch musikalisch hält dieses Album einiges Neue bereit, wie man es von deutschen Hip-Hop- oder Elektro-Bands selten gehört hat. Hiermit lohnt es sich, auf längere Entdeckungsreise zu gehen. Leider ist das Album durch seine teils sehr harten Beats auch etwas anstrengend und mit Sicherheit auf der Tanzfläche eher zu Hause als im heimischen Wohnzimmer. Liebhaber anspruchsvoller Musik werden ihre Freude daran haben, doch wer hingegen Melodien und entspannten Pop bevorzugt, ist hier mit Sicherheit an der falschen Adresse.

 

Deichkind: Aufstand im Schlaraffenland. Universal Music, 2006. Ca. 43 Min. Spielzeit. Ca. 15,- Euro. Deichkind im Internet: www.deichkind.de

 

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