Nichts für schwache Nerven

Joe R. Lansdale beweist sein erzählerisches Können in Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick

Mit seinem neuen Werk bietet der amerikanische Autor Joe R. Lansdale spannende Lesestunden. Sein rasanter Roman erzählt die Geschichte des freigelassenen Sklaven Nat Love, der sich auf den Weg macht, um den Tod seines Vaters zu rächen. Typisch für einen echten Western fließt eine Menge Blut und auch humorvolle Momente kommen nicht zu kurz. Doch allein schon wegen der Sprache lohnt sich die Lektüre.

Auf dem Weg zum Gemischtwarenladen erhascht Willie Jackson, ehemaliger Sklave, plötzlich unbeabsichtigt einen Blick auf die Unterwäsche einer weißen Frau. Ruggert, ihr Mann, erwischt ihn dabei, fühlt sich auf den Schwanz getreten und eröffnet seinen persönlichen Rachezug gegen Willie. Dieser muss fliehen und seinen Vater mitsamt der Farm zurücklassen. Nachdem er erfährt, dass sein Vater von Ruggert und seinem Gefolge getötet und die Farm niedergebrannt wurde, findet Willie Unterschlupf bei einem ehemaligen Soldaten namens Loving, der ihn das Lesen und Schießen lehrt und ihn wie einen eigenen Sohn behandelt. Als Bekannte von Ruggert Willie bei Mr. Loving entdecken, muss er erneut die Flucht ergreifen. Er ändert seinen Namen zu Nat Love und meldet sich freiwillig bei der Armee. Gemeinsam mit seinem Kollegen Cullen, einem weiteren freigelassenen Sklaven, überlebt er einen Apachenhinterhalt und schließt sich mit ihm zusammen. Sie reiten zusammen nach Deadwood, wo Nat sich in die hübsche Win verliebt, Leben rettet und die Rache an seinen Verfolgern plant.

Joe R. Lansdale, 1951 in Texas geboren und Autor dieses Werks, hat schon vor Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick zahlreiche Romane veröffentlicht, für die er auch mehrfach ausgezeichnet wurde. Sein neues Buch basiert auf der ursprünglichen Idee für einige Kurzgeschichten. Als er bereits geschriebene Textpassagen revidierte, geriet er in den Schreibfluss und entschied sich dazu, doch einen Roman zu schreiben. Zur Vorbereitung las er die Autobiografie des realen Nat Love und ließ sich davon inspirieren. Das, was er daraus gemacht hat, ist eine gekonnte Mischung aus wahrer Geschichte und Western-Mythologie.

Gefühlschaos beim Leser ist vorprogrammiert

Beim Lesen dieses Buches begegnet man einem Potpourri aus interessanten aber auch sonderbaren Persönlichkeiten. Nat Love selbst wirkt für seine knapp 20 Jahre sehr erwachsen und vernünftig, er zeichnet sich durch seinen starken Charakter und ein gutes Herz aus. Vor allem die drei Chinesinnen, die Nat und Cullen auf ihrem Weg kennenlernen, bereichern die Handlung mit ihrem Charakter. Eine davon hat ein Holzbein und einen so komplizierten Namen, dass Nat sie gelegentlich einfach liebevoll »Ching-a-ling« nennt. Sie schließen sich Nat und seinem Begleiter an, reisen mit ihnen nach Deadwood und erledigen diverse Dienste für die beiden. Ruggert und seine Gefolge dagegen sind ungenießbare Typen, was sich schon zu Beginn der Handlung abzeichnet, gegen Ende des Buches dann aber ganz klar sichtbar wird. Brutalität ist an der Tagesordnung – und das nicht zu knapp. Auch das Aufeinandertreffen mit Indianern bereitet sowohl Nat als auch Ruggert erhebliche Unannehmlichkeiten und versetzt beide in schier ausweglose Situationen.

Geschildert wird das ganze Geschehen aus der Perspektive von Nat Love selbst. Die überwiegend schlichte, fast schon naive Sprache wird gelegentlich durch poetische Vergleiche durchbrochen, die wiederum häufig zu vulgären Ausdrucken und einem derben Sprachstil wechseln. Humorvolle Wortspiele vervollständigen das sprachliche und erzählerische Erlebnis. Die Handlung folgt einem roten Faden, da Nat Love chronologisch die Ereignisse aus einem seiner Lebensabschnitte erzählt. Die Einordnung in historische Ereignisse in den Südstaaten der USA um 1860 meistert Lansdale gekonnt. Themen wie Bürgerkrieg, Sklaverei und Konflikte mit der amerikanischen Urbevölkerung werden aufgegriffen und angemessen umgesetzt. Gewalt und Leid übernehmen eine große Rolle im ganzen Geschehen, nicht selten fließt aufgrund krimineller Machenschaften eine Menge Blut. Die kleine Liebesgeschichte zwischen Nat und Win gewährt zunächst ein wenig Abwechslung und Ruhe – bis die Handlung einen weiteren Siedepunkt erreicht. Nat dreht den Spieß um und nimmt die Jagd nach seinem Verfolger Ruggert auf, um den Mord an seinem Vater zu rächen. Mitten im Nirgendwo plant er schließlich den großen Showdown.

Lansdale begeistert in diesem Roman mit seinem erzählerischen Können. Das Geschehen nimmt stetig an Spannung zu. Die verschiedenen Stationen auf Nats Reise bieten Abwechslung – entweder betritt ein neuer prägender Charakter die Bühne, oder ein packendes Ereignis mischt sein Leben auf. Faszinierend gestaltet Lansdale die teils rasanten Wechsel von brennender Leidenschaft hin zu Mord und Totschlag. Gefühlschaos beim Leser ist vorprogrammiert. Lansdale gelingt es, den Leser in das Geschehen einzubinden und Mitgefühl zu erwecken. Sein neues Werk ist absolut empfehlenswert für alle, der gerne spannende und abwechslungsreiche Romane mit perfekt gezeichneten Figuren und einem erstklassigen Sprachstil lesen. Eine Warnung jedoch an sehr zart Besaitete: trotz der romantischen Liebesgeschichte überwiegen die Rachelust und der Kampf ums Überleben.

Joe R. Lansdale: Das abenteuerliche Leben des Deadwood Dick. Aus dem Amerikanischen von Conny Lösch. Roman. Stuttgart: Tropen bei Klett-Cotta, 2016. 477 Seiten. ISBN 978-3-608-50140-7. 24,95 Euro – auch als E-Book erhältlich.

 

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