Leichen an der Oberfläche

Dalia Grinkevičiūtės Aufzeichnungen aus dem Gulag erhellen ein dunkles Kapitel der litauischen Geschichte – auch meiner eigenen

Diese Rezension ist zugleich ein Ausflug in meine persönliche Familiengeschichte. Als mein Vater als Korrespondent in Moskau Ende der 80er tätig war, unternahm er einen Ausflug nach Magadan. Die Gegend am Ochtokischen Meer, im Fernen Osten von Russland, ist für die reichlich vorhandenen Metalle – vor allem Gold – bekannt und deswegen geologisch interessant. Weil mein Vater litauische Wurzeln hat und somit als ›Insider‹ galt, erzählte ein Bodenforscher ihm von der schaurigen Seite dieses Ortes.

Jahrzehnte zuvor war die Gegend von Lagern des sowjetischen Gulag-Systems übersät, wo Verbannte aus anderen Ländern Zwangsarbeit unter unmenschlichen Bedingungen verrichten mussten. Hunger, Skorbut, Krankheiten und Kälte führten dazu, dass die Deportierten in Massen gestorben sind. Weil aber der Winter in der Nähe des Polarkreises den Boden im ewigen Frost versetze, konnten die Gräber nur etwa 10 bis 20 cm tief gegraben werden. So kam es, dass die sowjetischen Studierenden der Geologie, die später zu Grabungen dorthin geschickt worden, statt Gold Leichen fanden: starrende erfrorene Augen oder andere Körperteile. Die Studenten, die allesamt unvorbereitet in die Region geschickt wurden, sind nach den Erzählungen des älteren Geologen zufolge, oft psychisch zusammengebrochen. Von ihnen wusste niemand, dass die Leichen von Litauern und Verbannten anderer Nationalitäten zum Teil ganze Felder in den ehemaligen Verbannungsgebieten bedeckten – verborgen nur unter einer dünnen Erdschicht.

Deportationswellen in Litauen

Wie sind die Litauer dorthin, bis hinter den Polarkreis gelandet? Um den Hintergrund des Buches verstehen zu können ist ein kleiner Exkurs in die Geschichte notwendig.

Mit dem Hitler-Stalin-Pakt in 1939 besiegelte man auch das Schicksal Litauens: Als »Interessengebiet« wurde es zwar zunächst der deutschen Seite zugerechnet, fiel aber später, nach Verhandlungen um einen Teil Polens, der Sowjetunion zu. Diese damals auf Papier gebrachte Aufteilung war alles andere als trockene Bürokratie. Die Sowjetunion stellte Litauen vor die Entscheidung, die Rote Armee entweder relativ friedlich ins Land einmarschieren zu lassen oder mit der vollen Gewalt der Streitkräfte zu rechnen. Es wurden Armeestützpunkte in Litauen eingerichtet und nach der Entscheidung eines inszenierten Volksparlaments in 1940 wurde Litauen in die Sowjetunion eingegliedert.

Bald darauf haben sich in Litauen sowie den ebenfalls annektierten baltischen Nachbarländern anti-sowjetischen Untergrundorganisationen gebildet, die zum Schweigen gebracht werden sollten. Die altbewährte russische Methode der Verbannung und Zwangsarbeit in Gulags wurde als die Maßnahme für diese Aufgabe gewählt. Listen wurden erstellt; von Dissidenten und welchen, die eine politische Gefahr darstellten (viele aus der intellektuellen Elite), ohne Befragungen oder Gericht. Die ersten Viehwagons wurden am 14. Juni 1941 um 3 Uhr morgens gefüllt und gen Russland wegtransportiert. Unter den Deportierten dieser ersten Welle befand sich auch die 14-jährige Dalia Grinkevičiūtė, die Autorin des vorliegenden Buches Aber der Himmel – grandios. Ihre ersten Eindrücke von der Deportation vermitteln das Gefühl von Unruhe und Angst vor der ungewissen Zukunft.

Ich ahne, ein Abschnitt meines Lebens ist zu Ende. Punkt. Von jetzt an beginnt ein neuer, unbekannter, der Angst macht. 24 Menschen liegen neben mir. Schlafen sie? Wer weiß, jeder hat seine eigenen Gedanken, jeder hat sein Leben hinter sich gelassen, gestern einen Teil des Lebens abgeschlossen. Jeder hat eine Familie, Verwandte, seine Nächsten, geliebte Menschen. Jetzt verabschieden sie sich in Gedanken von allen.

Juozas Grinkevičius, Dalias Vater, war hoher Angestellter der litauischen Bank gewesen und hatte sich geweigert, nach der Eingliederung Litauens in die Sowjetunion seine Heimat zu verlassen. Nach der nächtlichen Verhaftung wurde er von seiner Familie getrennt und mit vielen Männern, die das gleiche Schicksal erleiden mussten, nach Krasnojarsk verbannt. Dalia Grinkevičiūtė wurde währenddessen zusammen mit ihrer Mutter und dem 17-jährigen Bruder in einen Wagon voller Unbekannter gepfercht und in den Fernen Osten,  noch hinter dem Polarkreis gebracht wurde.

Entmenschlichung nach Plan

Mit dem Gulag-System hatte die Sowjetunion nicht nur die Gefahr von Aufständen durch die sogenannten »Klassenfeinde« in annektierten Regionen neutralisiert, sondern dieses Ziel mit der Rohstoffgewinnung durch billige Arbeitskräfte in Sibirien und dem Fernen Osten verbunden. Aufgrund der niedrigen Temperaturen und den generell schlechten Wetterbedingungen der Tundra hatte es zuvor kaum freie Bürger dort hingezogen. Jetzt verrichteten die politischen Gefangenen, unangemessen gekleidet und versorgt, die schwersten Arbeiten in Minen, Fabriken und an der Eisenbahn. Oft mussten die Verbannten selbst zuerst die Jurten bauen, in den sie hausen sollten. So schufen sie sich nach und nach selbst die Orte ihrer Verbannung und Qual. Die Essensrationen waren klein und unausgewogen, sodass Hunger zum Dauerzustand wurde, es gab kaum medizinische Versorgung für die Krankheiten, die sich im engen, oft unhygienischen Lebensraum schnell verbreiteten, von gerechten Arbeitszeiten keine Rede. Davon berichtet auch Dalia Grinkevičiūtė:

Wir sind abgestumpft, uns berührt kaum noch etwas. Leichen, Typhus, Skorbut – uns ist alles egal. In Trofimowsk sind draußen kaum Menschen zu sehen, jeden Tag wächst der Leichenberg aus nackten, erfrorenen, toten Körpern. Wann sind wir an der Reihe? Wir schauen uns an. Das Unerträgliche ist, dass man ganz leicht den nächsten Kandidaten für den Leichenberg erkennen kann: Seine Augen funkeln meist eigenartig und wirken übergroß im ausgemergelten Gesicht.

Die entsetzliche Lage und das Leben, zu dem die Deportierten gezwungen worden sind, ist kaum vorstellbar. Vielleicht hat mein eigener Urgroßvater, der ähnlich wie Dalia Grinkevičiūtė, neun Jahre in der Verbannung verbringen musste, deswegen nach seiner Rückkehr darüber geschwiegen. Viel mehr als eine kurze Zusammenfassung der Umstände seiner Deportation ist in meiner Familie nicht bekannt.

1945, am Ende des zweiten Weltkrieges, wurde der im Dorf in der Nähe der Ostsee beliebte Hofbesitzer als Sympathisant Deutschlands bei der lokalen sowjetischen Regierung angeschwärzt. Nach der Inhaftierung in dem für grässliche Bedingungen berüchtigten Gefängnis in Kaunas, wo er monatelang kaum was zu essen und zu trinken bekam, wurde er im physisch sehr geschwächten Zustand nach Sibirien transportiert. Zuerst in Archangelsk, später dann in Workuta – einem Arbeitslager für politische Gefangene – musste er in einer Kohlegrube arbeiten. Seiner Aussage nach hat er nur dank der monatlichen Lebensmittelpakete überlebt, die ihm die Familie zuschicken durfte (was wohl eher die Ausnahme als die Regel in Gulags war). Er konnte diese bei den Aufsehern gegen Gefallen wie leichtere Arbeitsaufgaben in der Grube eintauschen. Nachdem meinem Großvater mit der Hilfe mitfühlender Menschen die Heimkehr gelungen war, schwieg er meist über seine Erfahrungen.

Besiegtes Schweigen

Anders mein Urgroßvater und viele andere Deportierten, die keine Worte für die Erfahrungen im Gulag finden konnten, hat Dalia Grinkevičiūtė alles niedergeschrieben. In einfacher, unverblümter, aber deswegen umso mehr eindrucksvoller Sprache beschreibt sie die Deportation sowie das erste Jahr in der Verbannung. Als junges Mädchen beobachtet sie das Zusammenleben einer zusammengewürfelten Gruppe von Litauern, die zu Schicksalsgefährten und Leidensgenossen wurden, sowie das korrupte sowjetische System, das solche Grausamkeit nicht nur zuließ sondern systematisch nutzte.

Die Tatsache, dass Dalia beim Ankommen im Verbannungsort erst fünfzehn ist, spielt für die Arbeitseinteilung keine Rolle. Ihr wird die gleiche Arbeit zugeteilt wie den Erwachsenen, sie muss in Gruppen ganze Baumstämme aus dem eiskalten Wasser schleppen. Dabei ist jede Bewegung schmerzhaft, sodass Dalia den Berg, den sie täglich 12 bis 16 Stunden lang besteigen muss, »ihren Golgatha« tauft. Eine willkommene Abwechslung bietet der Schulalltag, als es ihr erlaubt wird, Schule zu besuchen. Sie wird zu einem Ort, wo das Mädchen nicht nur von ihrem grausamen Alltag fliehen und für uns selbstverständliche Privilegien wie Wärme genießen kann, sondern wo sie auch Freundschaft mit Gleichaltrigen erfährt.

Im Kampf ums Überleben setzte jeder Deportierte verschiedene Strategien ein. Die beschriebenen Situationen sowie ihre Wortwahl sind so eindrucksvoll, dass jeder Satz bis ins Knochenmark trifft:

Ich […] begreife, dass jetzt alles, was künstlich und aufgesetzt war, jede Höflichkeitsfloskel, jede bürgerliche Verhaltensregel, von uns abfällt wie fremde Kleider. Im Kampf ums Überleben und im Angesicht des Todes wird jeder wer er wirklich ist.

Das Grauen des Alltags in Arbeitslager begegnet Dalia aus einem relativ neutralen Standpunkt, wobei sie immer wieder ihren eigenen Willen zum Leben aufs Neue formuliert. Es benötigt einer bewussten Entscheidung, im Angesicht der Realität im Gulag stark zu sein und am Leben zu bleiben. Grinkevičiūtė's Aufzeichnungen sind ein Zeugnis für ein Teil der Geschichte, das mir persönlich Aufschluss auf ein Kapitel meiner eigenen Familie gibt und das bislang für mich undurchdringbar war. Für diejenigen, die dieses Thema nicht direkt berührt, ist das Buch aber auch als Bericht über die Höhen und Abgründe der menschlichen Handlungsspannbreite zu empfehlen.

Dalia Grinkevičiūtė: Aber der Himmel – grandios. Aus dem Litauischen von Vytenė Muschick. Herausgegeben von Vytenė Muschick und Anna Husemann. Berlin: Matthes & Seitz Berlin. ISBN: 978-3-88221-387-4, 19,90 Euro.


 

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