Letzte Sätze II

Manfred Poser schreibt noch einmal über Letzte Sätze – und verabschiedet sich von seinen Lesern

Zurück zu den Letzten Dingen. Auch Artikel zu letzten Sätzen sind nie das letzte Wort – so wenig, wie es letzte Sätze in Büchern sind. Erst einmal muss man zu einem möglichen letzten Satz kommen können. Ernest Hemingway schrieb im Oktober 1935 in seinem Monolog, an den Maestro gerichtet: »Sie müssen das lernen: einen Roman schreiben. Das Schlimmste kommt erst, wenn Sie das Ende finden müssen.«

Der Keim liegt im ersten Satz, in dem schon alles aufbewahrt ist. Dieser erste Satz ist wie der Beginn einer Kette, wie der Griff eines Schleppnetzes, das in die Zukunft reicht. Später wird man sagen, dass in diesem Satz bereits alles vorhanden war; alles war in diesem ersten Satz, ohne dass wir es wussten, eingewickelt. Auch der letzte Satz ist ein anderer als der, der dasteht: An ihm hängt das ganze Gewicht der stattgehabten Geschichte, er hat eine riesenhafte Aura.

Und dieser esoterische Anklang führt uns zu Hemingway zurück, der neben den klaren Anweisungen, das Handwerk betreffend, auch mystische Lehren pflegte. Er sagte, man könne eine Menge streichen, aber das Gestrichene lebe sozusagen weiter wie die neun Zehntel eines Eisbergs, von dem man nur den kleinen Teil über Wasser sieht: die dürren Sätze. Sie sind gewissermaßen imprägniert oder aufgeladen mit dem, was der Autor ausgespart hat und ihm unbewusst an ideellem Gewicht mitgibt.

Jeder Satz ist ein bislang letzter Satz

Wir könnten auch sagen, alle Vergangenheit ist in der Gegenwart aufbewahrt; jeder Satz, den ich schreibe, ist ein bislang letzter Satz, in dem ich ganz aufgehoben bin. Ein banaler Satz mag für mich nicht banal sein – und für den Leser auch nicht, der diesen Satz als seinen bislang letzten gelesenen Satz wahrnimmt und ihn auf der Folie seiner Erfahrungen in sich hineingleiten lässt.

Es gibt übrigens Autoren wie John Irving, die ihre Romane vom letzten Satz her konstruieren; sie müssen den letzten Satz wissen, und dann denken sie in der Zeit zurück. Ich habe das auch einmal gemacht. Ich hatte einen Roman geschrieben und mein Lektor meinte, schreib doch, was davor passiert; so ein Unsinn, dachte ich, aber dann fand ich es spannend und habe überlegt: Wie kam es zu dem jetzigen Stand?


Wir reisen; wie sind wir hierher gekommen? Flughafen Zürich-Kloten (Foto: Manfred Poser)

Wir sind hier. Wie sind wir hierher gekommen? An unserer Vergangenheit mag kein Zweifel bestehen, Dokumente belegen sie. Aber: Ich bereue womöglich mein Leben und brüte über zwei, drei Entscheidungen, die mich in eine bestimmte Richtung geschoben haben. Hätte ich eine andere Entscheidung gefällt, wäre ich durch weitere Wendungen ... vielleicht genauso dorthin gekommen, wo ich heute bin, weil ich bin, wie ich bin: aber, freilich, auf andere Weise. Wie kam ich hierher?

Zu einem letzten Satz wäre auch ein anderer Roman denkbar.

»Und es war ihnen wie eine Bestätigung ihrer neuen Träume und guten Absichten, als am Ziele ihrer Fahrt die Tochter als erste sich erhob und ihren jungen Körper dehnte.« (Franz Kafka, Die Verwandlung)

»So lebte er hin ...« (Büchner, Lenz)

Diese Auslassungspunkte sind wie das Anschlagen einer Stimmgabel, der Klang schwingt aus. Das sehen wir auch bei André Malraux’ Antimemoiren (1972):

»Man hat sie damit beauftragt, aufzupassen ...«

Sie könnten immer wegbleiben, aber bei den 634 Seiten der Antimemoiren schätzt man dieses Ausschwingen. »Sie« sind Kriegsdienstverweigerer, die an den Höhlen von Lascaux aufpassen müssen, dass niemand die Felsmalereien beschädigt. Ein grandioser Ausklang ist das, denn vorher war es um den Langen Marsch in China gegangen, die stalinistischen Säuberungen und die Konzentrationslager der Nazis, um tausende, hunderttausende, Millionen Opfer ... Die Höhlen von Lascaux lagen 20000 Jahre unberührt, und schon nach 15 Jahren menschlichen Tourismus’ hatten die Malereien gelitten. Soldaten brachten immer Leute um, und nun sollen Kriegsdienstverweigerer das Erbe der Menschheit bewahren ...

Die Letzten Vorlesungen

An den Universitäten Stanford und Alabama gibt es die Tradition der »Last Lecture«, der Letzten Vorlesung. Für Randy Pausch, einen 46-jährigen Informatik-Professor, war die Vorlesung vom 18. September 2007 wirklich die allerletzte; er war an Krebs erkrankt, würde sterben und sprach darüber, wie man seine Kindheitsträume verwirklichen könne. Er bekam Ovationen, das Video wurde eine halbe Million Mal heruntergeladen. Für den nächsten Vatertag am 15. Juni müsse man ihm wohl kein Geschenk mehr kaufen, meinte er damals – aber er schaffte es noch bis zum 25. Juli 2008.

Jeffrey Zaslow, ein 53 Jahre alter Kolumnist und Journalist, schrieb mit ihm zusammen einen Bestseller. Am 10. Februar dieses Jahres las Zaslow in Michigan in einer Buchhandlung, übernachtete, sagte am nächsten Morgen ein Frühstück mit seiner Freundin ab, weil er wegen des Wetters besorgt war und seine Töchter nach der High School sehen wollte – und dann verunglückte er tödlich mit dem Auto. Ein Leser meinte, es seien die einzigen Stunden des ganzen Winters mit Eis in der Region gewesen.

Der Tod hat seine eigene Dramaturgie und gibt einem immer noch eine Chance. Wenn man dann nicht aufpasst, ist er unerbittlich, dann ist nichts mehr zu ändern, und er ist Faktum, steht da wie der letzte Satz eines Buches. Einer muss der letzte Satz sein, egal wie er aussieht. Du kannst ihn zehn Mal ändern, es bleibt der letzte Satz.


Alles offen; ich bin unterwegs – wie im März in Spanien! (Foto: Manfred Poser)

Als ich im Februar anfing, über letzte Sätze zu schreiben, wusste ich noch nicht, dass meine Kolumne im Sommer enden, dass mich die Lust verlassen würde. Aber jedes Ende ist ein neuer Anfang, ich gründe eine neue Seite, und in diese fließt dann alles ein, was ich weiß. Dieses Projekt – manipogo.de – wird meine ungeteilte Energie erfordern. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit in den vergangenen sechseinhalb Jahren!


Ausreißversuche: Allein? Vorn!

Lieber Manfred,
nun, da du auch die KA verlässt, ist futura9.de nicht mehr die einzige von dir Verlassene dieses Sommers. Zu den Ausreißversuchen könnte, nein sollte ich schweigen, denn ich war ja nur deren Gelegenheitsleser. Andererseits hatte ich vieles bereits von dir selbst gehört, bevor andere es in deinen »Ausreißversuchen« zu lesen bekamen. Das ist einer der Nutzen einer (man gestatte mir diesen Recycling-Fund) "privilegierten Partnerschaft".
Nun beendest du diese Ausreißversuche mit einem Ausreißversuch. Du, der du nicht nur ein long distance reader, sondern auch ein Liebhaber der mit eigener Kraft bewegten schnellen Zweiräder bist, weißt ja, dass es gerade die Ausreißversuche sind, die das Maximum an Moral erfordern, an Moral und Zuversicht. Wer ausreißt, setzt sich ab vom Feld, wird allein sein, aber eben auch ... vorn.
Letzte Sätze ... Mancher findet sie nie, redet weiter und weiter, gleichgültig, unbekümmert um Leser oder Zuhörer. Mancher schafft es, scheinbar, nicht bis zum letzten Satz, bricht, wie Kafka mit seinen Romanen, zum "Fragment" ab, was fertiger nicht sein könnte.
Literatur ist ein Spiel mit Möglichkeiten. Die Bedeutung erster oder letzter Sätze ist lediglich ein Teil dieser Möglichkeiten. Und dieses Speils. Sich mit einem Text über letzte Sätze zu verabschieden, ist also ein Spiel mit dem Spiel: Dein letzter Satz ist dein letzter Satz über die letzten Sätze. Hier. Vor dem Aufbruch, vor dem nächsten Ausreißversuch.
Er lauscht also voll der Neugier: Egonon, ein Hund einer Redaktion ...

Danke für das Fremdblut-Doping

Lieber Manfred,

als diese Kolumne im Winter 2005/06 startete, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass sie mich bis in den Sommer 2012 begleiten würde.

Es war beeindruckend zu verfolgen, wie Du Woche für Woche neue Themen fandest, die Du nach allen Regeln der Kunst und mit einem bemerkenswerten, mithin schwindelerregenden Reservoir an Literaturverweisen zu einem wundervollen Stück fügtest, das dennoch niemals den Schwung missen ließ, den man für so einen Ausreißversuch (hab ich mir sagen lassen) ja benötigt. Und, ganz nebenbei, den Redaktionsmitgliedern der K.A. Schweißperlen auf die Stirn jagtest in ihrem aufrichtigen Vorhaben, Anschluss zu halten und doch zuallermindest e i n e n anderen Artikel zwischen zwei "Ausreißversuche" zu bekommen.

Aber auch mich beschlich gelegentlich das schlechte Gewissen, wenn ich Deinen Artikel erst las, als der folgende schon erschienen war. Und ich mich dann doch immer wieder fragte: Warum erst jetzt? Mit dem zweiwöchigen Erscheinen hast Du Deinen Rhythmus, meine ich, etwas angepasst, die Ausreißversuche fußten nun seltener auf Dynamik und häufiger auf Ausdauer, und man konnte schön beobachten, wie Du, im Bewusstsein, das Feld längst weit hinter Dich gebracht zu haben, einsam vorauseilend auch den einen oder anderen noch so unerwarteten Seitenweg einzuschlagen Dir leistetest.

Deine Beiträge waren - um im Bilde zu bleiben - Fremdblut-Doping für diese Seite. Ich freute mich damals, dass Marcel den Start dieser Kolumne anschob, "damit wir hier nicht nur im eigenen Saft schmoren", erinnere ich seine Begründung.

Mir wird diese geradewegs unfassbare Mischung aus Literatur, Naturwissenschaft, Musik, Esoterik, gerne mit einer Prise Obskurantismus, fehlen. Wie ich bereits Deine kurzen Beiträge bei futura9.de vermisse. Und bin jetzt natürlich sehr gespannt, wie sich ein Poser liest, der mit seinem eigenen Blog ganz zu sich - ans Ziel? - gekommen ist.

Auch von mir vielen Dank!

Alles Gute wünscht Dir
Stefan

PS: Wann kommen die "Ausreißversuche" als Buch?

Dank!

Lieber Manfred,

nun, da Du nach langer Fahrt im Ziel angelangt bist, wenn auch nur, um Dich nach kurzer Pause zu neuen Touren in den Sattel zu schwingen, bleibt mir nur eins zu sagen: Vielen Dank dafür, dass Du uns sechseinhalb Jahre lang an Deinen »Ausreißversuchen« hast teilhaben lassen!

Für mich, der ich Deine Kolumne von Anfang an begleitet und, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, auch redaktionell betreut habe, war es immer wieder faszinierend, Dir lesend dabei zuzusehen, wie Du Themen aus Literatur und Kunst, Wissenschaft, Esoterik und Alltagsleben fast spielerisch miteinander zu Erkenntnissen verknüpft hast, die für mich, obwohl wir längst nicht immer einer Meinung waren, doch oft genug Aha-Effekte und Futter für die stetig wachsende Liste noch zu lesender Bücher gezeitigt haben.

Neben Deiner Belesenheit bewunderte ich dabei vor allem die ungeheure Disziplin, mit der Du anfangs wöchentlich, schließlich alle vierzehn Tage Deine Beiträge zur Veröffentlichung eingereicht hast, ohne dafür jemals einen materiellen Lohn erhalten zu haben und ohne dass Du Dich durch leider oftmals ausbleibende Leserkommentare hast entmutigen lassen – eine Disziplin, die mir selbst vollkommen abgeht (siehe mein Projekt einer »Geschichte der K.A.«, die über die erste Folge nicht hinausgewachsen ist).

Mit Spannung sehe ich Deinem neuen Projekt entgegen und hoffe auch sonst, dass wir uns nicht aus den Augen verlieren werden!

Herzliche Grüße
Marcel

 

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