Liebe bis in den Tod

Die Oper Bonn zeigt Wagners Der Fliegende Holländer ganz frisch und doch bescheiden

Zweieinhalb Stunden – keine Pause. So lange dauert die Inszenierung des Fliegenden Holländers für gewöhnlich. Im Vergleich zu späteren Werken Richard Wagners ist das zwar gar nicht mal so lang, doch wegen der Aufführungszeiten genießen gerade seine Opern den hartnäckigen Ruf Publikumsfolter zu sein. Die Aufführung an der Oper Bonn ist es jedenfalls definitiv nicht. Dazu tragen insbesondere die Musik, aber auch die grandiosen Sänger Dara Hobbs und Max Morouse bei.

»LIEBE« – mit diesem einsam über der Bühne schwebenden Wort beginnt die Bonner Inszenierung von Richard Wagners Der Fliegende Holländer. Und während das Beethoven Orchester unter der Leitung von Hendrik Vestmann das Vorspiel noch erstklassig abschließt, muss man sich schon fragen, wie das gemeint ist: als Frage, als Affirmation oder gar ironisch? Nicht zu unrecht gibt Walter Schütze in seinem Regiedebüt diesen Begriff als Fragehorizont vor, ist die Liebe bei Wagner doch nie ganz einfach. Wer liebt hier also wen? Und wie? Die Matrosen lieben trotz Sturm das Bier, der Steuermann im Traum sein Mädel und Seefahrer Daland gutväterlich seine Tochter. Aber das Geld liebt er noch mehr. Karikaturartig reibt er sich die Hände, als er sie an den Holländer verschachert. Jenen Holländer, der alle sieben Jahre kurz von seiner verfluchten Segelei über die Weltmeere ablassen darf, um zu versuchen, an Land der Verdammnis zu entkommen. Und zwar nicht durch Liebe, sondern durch ewige Treue. Teuflische Verträge muss man schließlich genau lesen. Deshalb erscheint er auch – anders als seine Mannschaft – nicht in den Roben finsterer Heerscharen, sondern tritt in gepflegter dunkler Kapitänsgarderobe auf. Und weil die Begegnung mit Daland so viel verheißt, erlaubt sich dieses alte, gebrochene und schreckliche Wesen sogar etwas Hoffnung. Mark Morouse setzt den Holländer dabei vor allem stimmlich sehr gut in Szene.

Im Haus Dalands derweil lieben die anderen Mädchen völlig normal und völlig alltäglich ihre bald heimkehrenden Männer. Dalands Tochter Senta (Dara Hobbs) ist dagegen vor Mitleid hingerissen vom Holländer. Sie kennt ihn von Bildern und aus Geschichten und ist sich sicher, dass sie es sein wird, die ihn erlöst. Weil sie nicht ahnen, dass Daland zufällig ebenjene jahrhundertealte Sagengestalt nach Hause mitbringen wird, umgarnen und beschwören die anderen Mädchen und die Amme Mary Senta jedoch, so zu lieben wie sie. Mit leichtem Spott für ihren Schwarm tanzen sie auf der Bühne mit Fäden um Senta herum, bis sie ganz und gar eingewickelt ist. Und außerdem wäre da doch ein Mann, den sie lieben könnte wie ein vernünftiges Mädchen – Jäger Erik stünde bereit. Niemals! Stattdessen singt sie die Ballade des Holländers, in vollem Angesicht des schwarzen Fluches, der in Schiffform auf der Bühne auftaucht. »Durch mich sollst du das Heil erreichen!«, schließt sie, gerade rechtzeitig um den eintretenden Erik quälend eifersüchtig zu machen. Erik wird von Schütze sehr deutlich in Opposition zum Holländer gestellt. Die weiße Weste und akkurate Frisur des Jägers stehen gegen den schwarzen Mantel und die kaum gebändigte Mähne des Verdammten. Im schmerzenden Liebeswahn verlässt der eine die Szene, um Platz für den anderen zu machen. Allerdings ist es schwierig die Gegensätzlichkeit von Erik und dem Holländer auf dieser Bedeutungsebene festzumachen. Geht es Letzteren überhaupt um Liebe? Der Holländer selbst sinniert:

Die düstre Glut, die hier ich fühle brennen,
sollt' ich Unseliger sie Liebe nennen?
Ach nein! Die Sehnsucht ist es nach dem Heil:
würd es durch solchen Engel mir zuteil!

Ist zu Wagner schon alles gesagt worden?

Die Inszenierung gibt hier den verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten des Librettos Farbe. Schauspielerisch schwankt Senta bei Erik körperlich zwischen Angst und dann doch wieder ein bisschen erlegener Hingabe. Zwischen ihr und dem Holländer dagegen entsteht eine Zärtlichkeit, die nur einen kurzen Moment lang probeweise erotisch wird. Und dennoch sind sich beide am Ende stürmisch-zurückhaltend sicher, dass sie sich ewig treu sein werden. Auch musikalisch ist das exzellent umgesetzt. Für das Duett am Ende des zweiten Aufzugs beispielsweise erhalten Dara Hobbs und Mark Morouse verdient Szenenapplaus. Als Kontrastfolie zum Drama des letzten Aufzugs treten die Matrosen, die ihre sektbeschwipsten Mädchen endlich wiedersehen, wie tolle Affen auf. Während sie die infernalische Mannschaft des Holländers zu grausigen Heimsuchung ihrer Festlichkeiten anregen, geht es bei in Sachen Liebe nochmal hoch her. Eriks Mischung aus Misstrauen gegenüber dem höllischen Nebenbuhler und verschmähter Liebe, lässt den Holländer doch noch zweifeln, ob Senta ihm denn ewig treu sein kann. Wenn Erik sich so irren kann, missversteht er Sentas Schwur möglicherweise selber falsch. Da er Sentas Verdammnis, die ihr laut Fluch bei Untreue bevorsteht, nicht riskieren möchte, lässt er sie aus Nächstenliebe an Land zurück, als er sich wieder den höhnischen Fluten ergibt. Senta aber kämpft für das Happy End und springt voll aufopferungsvoller Liebe für das Heil des Verfluchten ins Meer. Die gemeinsame Fahrt gen Himmel spart die Inszenierung aus, belässt es stattdessen bei einem eingeblendeten Schlusswort – wie könnte es anders sein: »LIEBE!«

Schützes Inszenierung geht frisch mit dem Stoff um, ohne ihn radikal umzudeuten. Die Liebe ins Schlaglicht zu setzen und wie Klammern die Oper umschließen zu lassen, stellt einige Aspekte der Handlung interessant in Frage, ohne unbeholfen oder krass zu wirken. Die Kostüme und das Bühnenbild, für die Schütze bei dieser Produktion ebenfalls verantwortlich ist, sind zurückhaltend gestaltet, ohne langweilig zu sein. So wird auf opulentes Beiwerk gänzlich verzichtet und die wenigen Akzente, die die Inszenierung setzt, können umso deutlicher werden. Die schwarzen Schiffe, die an einigen Stellen als Symbol des Fluches auftauchen, müssen gar nicht übertrieben in Szene gesetzt werden, um ihre Wirkung zu entfalten. Gleiches gilt für den Lichtrahmen, der manchmal um die Bühne aufleuchtet oder auch die Mannschaft des Holländers. Einzig Daland wirkt überzeichnet. Das kleine Manko fällt aber kaum auf. Zu sehr passen in dieser bescheidenen und doch kreativen Inszenierung ästhetisch alle Bauteile zusammen.

Richard Wagner: Der Fliegende Holländer. Romantische Oper in drei Aufzügen. Theater Bonn. Musikalische Leitung: Hendrik Vestmann. Inszenierung, Bühnenbild, Kostüm: Walter Schütze. Weitere Vorstellungen: 9., 16. und 29. Juni, jeweils um 19:30 Uhr im Opernhaus Bonn. www.theater-bonn.de

 

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