Lookism oder die hässliche Seite der Schönheit

Einige Gedanken zur Rolle der Schönheit in Gesellschaft, Globalisierung und Arbeitswelt
Werbeanzeige für einen Nasenformer (1927)
Plastische Chirurgie anno 1927: In der Zeitschrift Wochenblatt wurde der Nasenformer beworben. Ziel: die »griechisch-römische Normalnase«.
Unter dem Begriff ›Schönheit‹ verstand man einmal »interessenloses Wohlgefallen«, aber das ist inzwischen lange her. Die gesellschaftliche Bedeutung des äußeren Erscheinungsbildes, des Stylings, des Gewichts und der Körpergröße, hat längst die Grenzen der Pathologie durchbrochen. Ob Essstörungen, plastische Chirurgie oder Diskriminierung. Ignorierbar sind die verheerenden Folgen des Schönheitswahns eigentlich schon lange nicht mehr – auch nicht für die Politik. Doch der Druck zur Anpassung an das Ideal sichert der Kosmetikindustrie jährlich Gewinne in Milliardenhöhe.

Steven T. Greenberg ist Schönheitschirurg in Woodbury, einem beschaulichen Vorort New Yorks, unweit der Küste. In seiner Praxis herrscht regerer Betrieb, als bei Fachkollegen in der Umgebung. Bei ihm gibt es das sogenannte »Jobfighter Package«, eine Mischung aus Brustvergrößerung, Face-Lifting und Botox zum Sonderpreis. Die Patienten im Wartezimmer sind vorwiegend weiblich, älter als 30 und arbeitslos. Ihnen wird suggeriert, nach einer Schönheitsoperation bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und obendrein einen höheren Stundenlohn zu erhalten. Als bekannt wurde, dass der Chirurg von gesellschaftlicher Not profitieren will, häufte sich öffentlicher Protest. Greenberg habe eine Grenze überschritten, hieß es. Infragestellen möchte den Zusammenhang zwischen Schönheit und beruflichem Erfolg zwar eigentlich keiner mehr, da er von Psychologen ohnehin bereits seit Jahrzehnten vermutet wird. Aber der offensive Umgang mit diesem Thema und die Schreckensvision, dass plastische Chirurgie womöglich bald der neue Standard für die Erwerbssicherung sein könnte, sind Punkte, die allgemeine Empörung hervorrufen. Die Wurzel dieses Problems ist dabei weder mangelnde Berufsethik, noch die beunruhigende Arbeitslosenstatistik. Angebote wie das »Jobfighter Package« sind Symptome eines gesellschaftlichen Schönheitsdenkens, das sich in alle Bereiche des öffentlichen Lebens gedrängt hat. Bis zur Aufklärung verstand man Schönheit dabei als »interessenloses Wohlgefallen« und als fixe Eigenschaft bestimmter Menschen und Gegenstände. Kant hat diesem Ansatz 1790 in die Mottenkiste verbannt und argumentiert, Schönheit sei ein Geschmacksurteil, das im Auge des Betrachters liege. Heute führen die Marketingabteilungen der Kosmetikbranche vor, dass Schönheit vor allem ein begehrtes Produkt ist. Egal, ob auf Plakaten, im Fernsehen, oder im Internet. Auf allen visuellen Werbekanälen tritt Schönheit als Kalkül eines weltweiten Marktes in Erscheinung. Folgt man den Attraktivitätsforschern der Universität in Regensburg, gibt es im ästhetischen Empfinden aller Menschen einen Konsens – angeblich kulturübergreifend. Testpersonen bewerten dieselben Gesichter und Körper als attraktiv oder unattraktiv. Weil die Übereinstimmungen signifikant sind, stellen die Wissenschaftler des psychologischen Instituts die gewagte These auf, »Schönheit ist messbar«. Der perfekte Körper und das perfekte Gesicht ließen sich anhand einiger Proportionen und Knochenabstände ziemlich genau ausrechnen. Mit Kultur, Erziehung, Werbung und gesellschaftlicher Sozialisation habe das alles kaum etwas zu tun. Jeder Mensch verfüge vielmehr über »angeborene Verhaltensmuster«. Das zentrale Argument für die Validität dieses Ergebnisses liegt im kulturübergreifenden Design der Studie – doch genau dieser Punkt ist problematisch. In den postkolonialen Strukturen des 21. Jahrhunderts sind Kulturen nicht mehr als streng voneinander getrennt zu denken. In der Globalisierung ist vor allem die westliche Kultur als Exportware über den Planeten gewandert, einige regionale Kulturformen stehen in scheinbar altersschwacher Haltung daneben. Sieht man sich Werbeplakate in China und Brasilien an, auf denen weiße Fotomodelle Werbung für Hautcremes und Bademoden machen, stellt sich die Frage, was das Attribut »kulturübergreifend« der Regensburger Studien aussagt. Wenn in den Regensburger Umfragen also Menschen mit unterschiedlicher Herkunft dieselben Merkmale attraktiv fanden, könnte das auch bedeuten, dass das westliche Schönheitsideal bereits in andere Regionen vorgedrungen ist. Sollte das zutreffen, wäre das Schönheitsdenken keine biologische Gegebenheit, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Sozialisation.

Schönheit in der Globalisierung

Argumente für diese These findet man unter anderem in Internet. Die Homepage des deutschen Schönheitschirurgen Dr. Batze informiert unter anderem über mögliche Operationen an den Augen. Unter dem Stichwort »Lidkorrektur« ist der Punkt »Europäisierung asiatischer Lider« aufgeführt . In Asien rangiert diese Maßnahme auf Platz eins aller Schönheitsoperationen. Schönheit rückt immer weiter ins Zentrum des öffentlichen Lebens. Sowohl die Verkaufszahl von Botoxspritzen wie auch die Anzahl der Schönheitsoperationen sind in den vergangenen zwei Jahren in Deutschland um mehr als das zweifache gestiegen, die Kosmetikindustrie schreibt konstant schwarze Zahlen trotz Krise. Die wichtigste Regel ist: Was als »schön« geltend gemacht werden kann, das wird auch verkauft. Zu den Profiteuren des Schönheitswahns gehört auch L’Oreal. Der Marktwert des französischen Branchenriesen beträgt etwa 67 Milliarden Euro und liegt damit höher als der der Deutschen Bank. Die Zielgruppe von L’Oreal ist beinahe unbegrenzt, die Produktpalette dementsprechend breit. In der Werbung schwingt die Suggestion von Selbstvrwirklichung und Individualität, doch diese Begriffe sind irreführend. Genauer gesagt wird zuerst ein Schönheitsideal konstituiert und die Annäherungsmöglichkeiten daran verkauft. Dass die meisten Menschen auf der Welt dabei vom Ideal abweichen, ist Teil des Geschäftskonzepts, Beispiele gibt es genug. So sind in den USA seit vielen Jahren Haarglättungspräparate sehr erfolgreich. Der Dokumentarfilm Good Hair führt vor, dass zum Kundenkreis hauptsächlich afroamerikanische Frauen gehören. In Friseursalons werden Damen interviewt, junge Mädchen sitzen vor den Spiegeln und lassen sich die Haare mit einer blauen Paste einstreichen. In einer Gesellschaft, die immernoch von weißen Machthabern geprägt sei, und deren Industrie ein eigenes Schönheitsideal hervorbringe, nähmen Afroameriakaner ihre eigene Haarstruktur häufig als unästhetisch wahr, das ist der Tenor der Doku. Auch daher kommen die ausgezeichneten Bilanzen von Firmen, wie L’Oreal. 2,6 Milliarden Euro Gewinn im Jahr 2009 sprechen eine deutliche Sprache. Dass die Geschäftsethik vieler Kosmetikunternehmer von Massentierversuchen für Botox bis hin zum Import von echtem Menschenhaar mehr als zweifelhaft ist, hat bislang noch wenig wirklich breite Empörung hervorgerufen. Ethische Bedenken und Diskriminierungen kamen bislang kaum in an entscheidender Stelle zur Sprache. Neuere Studien stellen die Debatten aber auf eine völlig neue Grundlage.

Schönheit in der Arbeitswelt

Die Forscher aus Regensburg machten in einer Umfrage eine interessante Entdeckung. Mit dem Aussehen von Menschen werden scheinbar automatisch charakterliche Attribute verbunden. Dieser Prozess geschehe zumeist unbewusst. Die Umfrage zeigt: schönere Personen werden auf den ersten Blick für erfolgreicher, fleißiger und zufriedener gehalten. Menschen, die weniger dem Ideal entsprechen, gelten hingegen als unzufrieden, ungesellig und faul. Schönheit hängt erwiesenermaßen weder mit Intelligenz, noch mit Geschicklichkeit oder Leistungsfähigkeit zusammen. Studien des amerikanischen Soziologen Prof. Hamermesh von der Austin University in Texas zeigen aber, dass »schönere« Menschen auf allen Kontinenten durchschnittlich einen deutlich höheren Stundenlohn beziehen, als diejenigen die als »below average looking« eingestuft wurden. In Deutschland liegt die Varianz des Gehalts durch den Faktor Schönheit bei durchschnittlich 15%, Frauen sind infolge der Ungleichbehandlung aufgrund des Geschlechts doppelt betroffen. Für viele bedeutet das 4.500 € weniger Gehalt im Jahr – trotz gleicher Qualifikation.

Ein Blick nach vorne

Was es in der Diskussion um den Schönheitswahn gibt, sind Phänomene und Erklärungsversuche. Auf der einen Seite liegen die Fakten. Umfragenergebnisse und Gehaltsstatistiken können sehr belastbare Unterlagen sein, um Aussagen über den Status Quo zu treffen. Im Moment lautet er: Schönheit ist weiß, diskriminiert Menschen auf dem Arbeitsmarkt und im gesellschaftlichen Leben, verursacht Krankheiten und drängt viele zur Anpassung. Auf der anderen Seite liegen unterschiedliche Spekulationen über die Ursachen. Anders als an der Regensburger Uni gehen viele in den vergangenen Jahren gegründete Initiativen von einer medialen Prägung des Schönheitsdenkens aus, das darüber hinaus konstruiert und ansozialisiert sei. Das Interesse an dem Thema wächst zurzeit, auch entlang von Modelsendungen und Castingshows. Einiges hat sich in den vergangenen Jahren bewegt, die Kritiker bringen sich rund um ihre Begriffe in Formation.

Fight-Lookism-Streetart in Berlin (Foto: © Projekt L)
Auf www.lookism.info informiert eine Berliner Initiative über die Diskriminierung aufgrund des Aussehens. (Foto: © Projekt L)

Projekt L nennt sich eine dieser neuen Initiativen, die sich mit dem Determinismus einer biologisierteen Gesellschaft nicht abfinden will. Ihre Mitglieder in Berlin versuchen über ihre Internetpräsenz, über Ausstellungen und Diskussionsrunden, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass »Lookism nahezu alle Lebensbereiche dieser Gesellschaft beeinflusst« . Unter dem Neologismus des »Lookism« werden Diskriminierung und normative Bewertung von Menschen aufgrund des Alters, der Kleidung, der Körpergröße oder des Gewichts gebündelt; der deutsche Wikipedia-Artikel zu diesem Begriff ist gerade mal zwei Jahre alt.

Im Umfeld dieser Bewegung positioniert sich auch Maja-Lena Pastor, Gestalterin der Sonderausstellung »Was ist schön?« im Deutschen Hygienemuseum in Dresden. Die Ausstellung, die noch bis zum Januar 2011 zu besichtigen ist, zeige auch wie Schönheit »konstruiert wird«. »Wir sagen nicht, dass es eine Schönheit gibt«, erklärt Prof. Klaus Vogel, der Museumsdirektor. In der Bundesrepublik ist man noch überzeugt, man gehöre in puncto Gleichheitsstreben zur Avantgarde. Ganz zutreffend ist diese Einschätzung aber nicht. In Großbritannien und in Frankreich ist es zum Beispiel längst untersagt, einer Bewerbung Dinge hinzuzufügen, die in Bezug auf die Anforderungen irrelevant sind. Dazu zählen auch Bewerbungsfotos. In den USA stehen gezielte Kampagnen und eine Erweiterung der Bürgerrechte im Raum. Die Diskriminierung soll vor allem auf institutioneller Ebene eingedämmt werden. »Wir können es uns nicht leisten, auch nur einen jungen Menschen aufzugeben«. Dieser Satz fiel in Heilbronn im vergangenen September. Die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach dort über Chancengleichheit. Der Pathos in ihrer Rede kündigte die anstehende Bundestagswahl an. Zwei Wochen später war Von der Leyen nicht mehr zuständig. Kristina Schröder (CDU) bekam den Platz an ihrem alten Schreibtisch. Viel getan hat sich seitdem nicht. Wer sich jetzt beschweren möchte, der muss sich womöglich erst einmal ziemlich lange anstellen, das Problem steht auf keiner Agenda. Schönheitsideale und deren psychische Folgen lassen sich zwar einerseits nicht einfach per Gesetz verbieten. Hierfür müsste ein umfassender gesellschaftlicher Paradigmenwechsel stattfinden. Doch dieser kann eben andererseits durch Gesetzgebungen angeregt werden. Solange es aber keinen politischen Ausgleich gibt, bleibt Schönheit aber auch hierzulande eher die Grenze der Chancengleichheit.

 

Anmerkung d. Red.: Der vorliegende Text ist die erweiterte und teilweise veränderte Fassung eines am 10. Juni 2010 in der WDR5-Sendung Politikum gesendeten Beitrags.

Ich halte die

Ich halte die Lookismus-Diskussion auch für ein wichtiges Thema, habe aber - nach ungewollt umfangreichen Erfahrungen - den Eindruck, dass gerade in der linken Szene und im Kulturbereich wenig Verständnis für das Thema zu finden ist. Faktisch gibt es wohl zwei Lookismus-Formen: Den "ästhetischen Faschismus", der mit offenen Anfeindungen arbeitet, und den "ästhetischen Neoliberalismus", in dem kein böses Wort fällt, Sozialkontakte aber in Form von Ästhetik "bezahlt" werden müssen: Partys und Freundschaften werden - wenn auch unbewusst - als ästhetische Tauschakte verstanden (kapitalistisches Äquivalenzprinzip) . Ich sehe da Handlungsbedarf, zumal sich über den "Stalking"-Begriff (der an sich nicht unberechtigt ist)bzw. seine konkrete Anwendung eine Halbkriminalisierung der Ausgeschlossenen andeutet.

Ich möchte hier mal auf ein Buch hinweisen, das ich in dieser Sache verfasst habe: "Das Hässliche Manifest", eine Art Uni-Roman mit längeren Theorie-Abschnitten. Es wird vielleicht manchen enttäuschen, weil es sich dem Problem "zweigleisig" nähert und auch eine Förderung von Eugenik und Menschendesign als Lösung ins Auge fasst. Denn die Bedeutung der Schönheit lässt sich nicht so einfach kritisieren wie die Bedeutung von Hautfarbe, Nationalität oder Geschlecht - schon deshalb, weil ja auch die meisten "Hässlichen" die Schönheitsnormen teilen. Und: Es gibt auch keine politische Instanz, die den Lookismus fördert oder fordert - er entsteht wohl leider gerade aus der Spontaneität der "ganz normalen Menschen": Geld und Körper sind die letzten Werte, die in einer formal befreiten und egalisierten Welt übrigbleiben. Denn die "Hüter der inneren Werte" sind mundtot gemacht: An die Kirche glaubt keiner mehr, und der Kultur-und Bildungsbereich zieht eher gutaussehende und selbstbewusste Leute an.

Über eine Diskussion freut sich Detlef Klobiger immer.

Dieses Thema ist nicht nur

Dieses Thema ist nicht nur ein sehr weites Feldf, sondern auch ein äußerst problematisches. Was mich jedoch zutiefst schockiert hat und völlig neu für mich war, ist die Europäisierung asiatischer Augen - ein Spiel mit dem Feuer!

 

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