Luftraumlücken

Das Berliner Lyrikkollektiv G13 stellt ein Gruppenbuch vor und geht auf Tour

Berlin, 01.10.2012
»Die Kritik der Stimmung ist die Voraussetzung aller Kritik«, sagt Linus Westheuser. Dann rollt eine Leseshow ab, die das Lyrikkollektiv G13 passend zum Erscheinen des Gruppenbuchs 40% Paradies und zur zugehörigen Städtetour inszeniert haben. Es geht nach Kiel, Köln, Karlsruhe unter anderem, vorerst aber zum Heimspiel in die Literaturwerkstatt Berlin, der Stadt und Stätte, in der sich die junge Literatur traditionsgemäß am besten wider- und gegenbefruchtet. Halbfertiges mutet hier allein durch Eventisierung arriviert an. Der Saal ist voll, die Erwartungen gemischt.

Zwölf von vierzehn Jungdichtern sitzen wie ein gespiegeltes Publikum auf der Bühne und tragen ihre Lyrik chorisch, überlappend, gegengeschnitten vor, sodass man nicht entscheiden kann, welches Fragment welchem Urheber zuzuschreiben ist. Das Prinzip wird über die Dauer des gesamten Vortrags durchgehalten, und wenn man den einen oder anderen später nach seinem Namen fragt, sagt er: »ich bin G13.« Erst in der bei Luxbooks erschienenen Anthologie steht die Eitelkeit des einzelnen über dem Gefühl des Kollektivs und jedem Gedicht ist ein Name beigegeben. Das kann man für inkonsequent halten oder für eine erste Hilfe, wenn man sich eben doch für mehr als den angleichenden Ton einer ganzen Gruppe interessiert, sondern für die Stimme individueller, stärkerer Schreiber.
Der Ton, der auch nach Auflösung des polyphon Gesprochenen zugunsten einzelner, mehr unterscheidbarer Passagen anhält, ist ein durch Poetry-Slam-Rhythmen etablierter, der die Stimme gegen Ende jeden Verses nach oben zieht und leicht macht, oft geradezu mädchenhaft, auch bei den Herren. Bas Böttcher ist als eines der frühen Vorbilder für diesen Duktus zu nennen, auch wenn die G13er insgesamt wenig gemein haben mit ihm und man bei deutlicher akzentuierenden Sprechern an diesem Abend, etwa Can Pestanli, eher an von Schauspielern überinterpretierte Lyrik denken mag.
Einzelne Texte, seien sie nun von Tristan Marquardt, Linus Westheuser erdichtet oder bloß gesprochen, stechen aus dem klanglichen Einerlei heraus, einmal, weil Westheuser imstande ist, natürlich zu betonen, andererseits weil die entsprechenden Poeme selbst über längere Distanzen Füllfloskeln oder allzu Kitschiges vermeiden. In diesen Gedichten will dann einmal niemand »Wohnwagen sein mit Unterwasserwelt« oder sich beschweren, man könne hier (wo, im Wohnwagen?) »keine Zebras zählen.«
»Man legt den Finger in die Wunde, aber nur der Finger tut weh,« heißt es sinngemäß an einer Stelle und bezeichnet ganz treffend die Krux der Gruppe, sei es nun eine Leipziger Tippgemeinschaft oder ein Berliner Lyrikchor. Dem Publikum wurde weder Schmerz zugefügt an diesem Abend noch eine Art poetische Infektion. Einziger Affekt: die Veranstaltung endet mit tosendem Applaus wie es ihn sonst nur bei Schulaufführungen in der Provinz gibt. Lesung als Show – und auch Crauss hat sich wieder einmal gut unterhalten. »die Kritik der Stimmung ist die Voraussetzung aller Kritik«, wiederholt Linus Westheuser ganz zum Schluss. Das an diesem Abend vorgestellte Buch muss bitte unabhängig davon und möglichst im Hinblick auf Einzelphänomene betrachtet werden.


 

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