Man(n) trägt Folklore im Gewande

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Die Vorstellung ist vorbei, Telefone blitzen, Rudelbildung im Bühnenstrafraum, man bemerkt überrascht: Naseeruddin Shah ist ein Star – zumindest in Indien. Mag sein Auftritt für den indischen Teil des Publikums ein exklusives Ereignis sein, doch die von ihm und seiner Motley Theatre Company erzählten Geschichten von Ismat Chughtai ziehen auch uns Europäer in den Bann. Bis zu ihrem Tode 1991 als feministische Autorin (wenn man sie nicht gar für einen Mann hielt) in Indien als »obszön« umstritten, schuf sie seit den vierziger Jahren fein-satirische Geschichten über die alltäglichen oppressiven Erfahrungen der Frauen auf dem Subkontinent. So entführt Familie Shah (Vater, Mutter, Tochter) als aufklärerisches Wanderensemble in eine völlig andere Welt. Gebärdruck, Rollenmissverständnisse und das Glück in sexueller Freizügigkeit bilden die Themen der drei aufgeführten Episoden.

Szenenfoto © Motley Theatre CompanyIn der Art der hierzulande längst vergessenen Bänkelsänger platziert sich Heeba Shah auf einem überdimensioniertem Bett im Schneidersitz und hebt an. Getarnt als Berichtende inszeniert sie lebhaft mienen- und gestenreich herumtollend die funktionalistischen Verstrickungen einer als »Mimose« mitleidvoll-zynisch zum Gebären verurteilten Gattin eines Wohlhabenden. Von den Schwiegereltern bis zum Übermaß wie eine »Seifenblase« umhegt und verzogen, erleidet sie eine Fehlgeburt nach der nächsten. Erneut schwanger, soll sie über und über mit Amuletten behängt an einem heiligen Ort dieses Kind zur Welt bringen. Begleitet von zwei Freundinnen, wobei Heeba von Zeit zu Zeit in die Rolle der einen schlüpft, muss sie beobachten, dass ein armes, junges Geschöpf in ihrem Zugabteil, als bereite sie sich lediglich ein Essen zu, ein Kind zur Welt bringt. Schockiert, entsetzt, von Neid erfüllt, die Angst, verstoßen zu werden, im Nacken, erfüllt sich das Schicksal der Armen: Sie verliert ihr Kind. Im Hintergrund tönt die Musik zur zweiten Hochzeit ihres Mannes.

Das »Mogulsöhnchen« – die zweite Erzählung des Abends und wunderbar gespielt und deklamiert von Ratna Pathak Shah – ist wiederum eine dramatisch komische Zuspitzung auf die historischen, sozialen und mentalen Veränderungen, denen Indien seit der britischen Kolonialzeit unterworfen ist. Der Sohn eines einstigen Herrscherhauses unterzieht sich dem Befehl seiner Eltern, ein völlig unbekanntes Mädchen zu heiraten. Doch die Hochzeitsnacht scheitert an seiner unerbittlichen Vorstellung, die Frau solle zum Beischlafswunsch ihren Schleier lüften. Trotzig nimmt das Mogulsöhnchen Reißaus. Anfangs noch unwissend, welche Rolle ihr wirklich dabei zugedacht ist, verweigert seine Frau sich bei allen folgenden Versuchen im Laufe vierzig vergehender Jahre, diesem gerecht zu werden. Als der Prinz vom Tode gezeichnet heimkehrt und seine Frau endlich dazu bereit ist, ihren alten Hochzeitsschleier zu heben, verstirbt er. Ihr trauriges, unerfülltes Leben darf sie nun als Witwe gleichsam unverändert fortsetzen.

Szenenfoto © Motley Theatre CompanyNach all den ehrbaren aber unehrenhaft behandelten Frauen der vorherigen Fabeln darf nun in der dritten eine elternlose Hure, genannt die »Schamlose«, als »Hausherrin« – so der Titel – für Wirbel in der Männer- bzw. Ehewelt sorgen. Sie wickelt einen krämerischen Einfaltspinsel um ihren Finger, sorgt und putzt für ihn, der sich erst nach einiger Zeit davon überzeugen lassen muss, dass es billiger und angenehmer ist, mit seiner Dienerin das Bett zu teilen, statt immerfort ins Bordell zu gehen. In Eifersucht entbrannt versucht der Krämer die Hure in die traditionelle Eherolle zu zwingen. Doch ein erfolgreicher Nebenbuhler zwingt ihm, will er seinen Ruf wahren, die Trennung auf. Zum Glück stellt sich heraus, dass nach islamischen Recht keine Ehe mit einer Frau geschlossen werden kann, deren Vater unbekannt ist. Naseeruddin Shah gibt äußerst gewandt und so clownesk, wie man sich den berühmten Hodscha Nasreddin der afghanisch-pakistanischen Sagenlandschaft vorstellen kann, den theatralischen, aber sympathischen Begleiter durch die Geschichte zweier Menschen, die sich finden, heiraten, sich scheiden und als Geschiedene überzeugt feststellen, dass es sich ungeniert weitaus mehr lohnt, zusammenzuleben. Man muss nicht unbedingt ein Star sein, um umstürzlerische Botschaften unters Volk zu bringen, doch kann es hilfeich sein, um diesen auch Gehör zu verschaffen – vorausgesetzt allerdings, dem Volk gehen nicht die Kameras verloren.

ISMAT APA KE NAAM. Schauspiel von Ismat Chughtai (in Urdu mit Simultanübersetzung). Alter Malersaal, Bonn-Beuel.
Biennale-Premiere: 13.05.2006. Inszenierung: Naseeruddin Shah. Produktion: Motley Theatre Company
Weitere Termine unter www.biennale-bonn.de

 

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