Max Frisch, persönlich

Manfred Poser erweist Max Frisch zum 100. Geburtstag eine längst fällige Reverenz

Es war an Allerheiligen 1986. Ich unternahm eine zweiwöchige Reise durch die Schweiz mit einem Abonnement der Bahn und stieg in kleinen Hotels ab. Traumhafte Spätherbsttage. Das Wasser des Genfer Sees glitzerte, die Sonne schien warm und die Fächer der Palmen wiegten sich im lauen Wind. Gegen Abend suchte ich eine Unterkunft, ging eine steile Straße hinauf und stand vor dem Hotel Mont-Fleuri in Montreux-Glion. Am Empfang war niemand, nur im Hof war das Kratzen eines Rechens auf Beton zu hören. Dann kam ein drahtiger, weißhaariger Mann herbei und vermietete mir ein Zimmer. Ganz oben, meinte er, habe Max Frisch das letzte Kapitel seines Romans Stiller geschrieben. Wow. Ich verehrte Frisch, der damals noch lebte (in Zürich), und dieser Roman gehörte zu meinen Favoriten. Also ging ich hinauf, legte mich in die Badewanne (das Hotel: verlassen, plötzlich dieses Psycho-Gefühl) und war froh.

 

Hotel Mont-Fleuri, 1986 (Foto: Manfred Poser)
Das Hotel in Montreux-Glion, aufgenommen 1986 (Foto: Manfred Poser)

 

Ich bin nicht Stiller

Der letzte Satz des Romans heißt: »Stiller blieb in Glion und lebte allein.« Der Roman ist 1954 geschrieben und, wie alle große Literatur, alterslos. Stiller kommt ins Gefängnis und soll sich schriftlich erklären. Er sagt, er sei nicht Stiller. Frisch hatte es mit der Identität, schlug sich mit seinem Ich herum und mit den Frauen. Stiller schreibt also und erzählt seinem Wärter (oder Vollzugsbeamten) aus seinem Leben, wilde Geschichten, die vielleicht auch erfunden waren. Erzählt von der Affäre mit Sibylle, der Frau des Staatsanwalts, und von Julika, dem zerbrechlichen Geschöpf. Beide passen auf unselige Weise zusammen und zerbrechen: beide. Sie stirbt, Stiller hat nichts verstanden und am Schluss zu viel, er bleibt allein. Mit Stiller konnte man sich gut identifizieren, wenn man auf der Suche nach der eigenen Identität war. Da war ein melancholischer Bursche, willenlos, oder: mit dem Willen, nicht er selbst zu sein. Er kann sich nicht annehmen. Nur wer sich liebt, kann andere lieben. Das kann sich als Thema durch jede menschliche Existenz ziehen. Da hatte man plötzlich eine Identifikationsfigur in der großen Literatur und war nicht mehr ganz alleine. Ich bin Stiller, sagte ich mir. Wenn er’s schon nicht sein mochte. Aber Jahre später sieht man das anders. Gerade habe ich Dalla parte di Lei gelesen von Alba de Céspedes (1911–1996), die kaum jemand kennt, und das ist ein Roman aus weiblicher Sicht, ebenfalls eine Abrechnung mit einem Leben, ziemlich schonungslos, bedrohlich und erschreckend, und auf dieser Folie gesehen nimmt sich der Stiller wie Hochglanzliteratur aus, auf Effekt geschrieben, am Reißbrett konstruiert. Vielleicht hat er sich auch darum über eine Million Mal verkauft.

 

Stationen

Frisch stammte aus Zürich, wo er begeistert umzog und während seines Lebens 19 Adressen hatte. Er lebte von 1958 bis 1965 in Rom, eine Weile in New York, hatte dann ein Häuschen in dem Tessiner Dorf Berzona, bis er dann, im Alter, in seine Geburtsstadt zurückkehrte. Im dortigen Museum Strauhof (Augustinergasse 8, Tramhaltestelle Rennweg) ist bis 4. September eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Max Frisch zu sehen. Er war erst Architekt, schrieb dann seine ersten schwärmerischen Romane, Theaterstücke, und legendär waren die Aufführungen seiner Stücke in den 1960er Jahren und seine Begegnungen mit Friedrich Dürrenmatt. Biedermann und die Brandstifter und Andorra sind gut gebaut, und neben dem Stiller kann man noch mit Gewinn Mein Name sei Gantenbein, Homo Faber und Montauk lesen, alles eher dünne Bücher. Auch das Tagebuch ist nicht übel. Natürlich besitze ich die Suhrkamp-Gesamtausgabe im Taschenbuch, und Band 3 – der mit Stiller – ist schon ziemlich abgegriffen. Eine solche dunkelblaue Ausgabe liegt in Zürich in einer Vitrine. Ein gemütlicher, geselliger Mensch sei Max Frisch nicht gewesen, entnehmen wir der Ausstellung. Die vielen Umzüge, die karg möblierten Wohnungen; und 1955 verließ er dann seine Frau und die drei Kinder. Er fühlte sich eingeengt. Seine älteste Tochter, Ursula Priess, hat 2009 in ihrem Buch Sturz durch alle Spiegel das schwierige Verhältnis zu ihrem Vater literarisch aufgearbeitet. In Rom hatte Frisch bis 1962 eine Liaison mit der österreichischen Autorin Ingeborg Bachmann. In einem Video der Zürcher Ausstellung sehen wir dazu den alten Komponisten Hans Werner Henze, der indigniert und mit unterdrückter Empörung schildert, wie sich unser Autor, der als damals 47-Jähriger »mehr zu bieten hatte« (sagt Henze) als sein 15 Jahre jüngerer Konkurrent, in seine tiefe Seelenfreundschaft mit der Bachmann hineingedrängt habe ... »ein Schweizer Schriftsteller«, sagt Henze nachgerade fassungslos.

 

(Foto: Max-Frisch-Archiv, Zürich; mit freundlicher Genehmigung des Museums Strauhof)
Frisch in seiner Wohnung in Rom, Via Margutta 53A (Foto: Max-Frisch-Archiv Zürich; mit freundlicher Genehmigung des Museums Strauhof)

 

Es gibt in der Ausstellung ein Filmchen, das Max Frisch zeigt, wie er mit dem »Ein-Finger-Adler-Suchsystem« seine Reiseschreibmaschine malträtiert; und wir können uns die Verzweiflung der Bachmann ausmalen, die ja eine manische Schreiberin war, dann wieder tatenlos war, wenn der disziplinierte Schweizer sich nach dem Frühstück an die Maschine setzte und den ganzen Tag mit seinem Tippen zerhackte. Da war Schlafen unmöglich. Ein Satz von Frisch steht groß in den Räumen abgebildet: »Diese Obsession, Sätze zu tippen!« Betonung auf tippen, t-i-p-p-e-n. In den 1980er Jahren lief im Fernsehen eine Sendung, in der Frisch seine Pfeife in den Händen drehte und irgendwie unbeholfen über Gott und die Welt redete und das durfte. Es war noch die Zeit, in der es »Großschriftsteller« gab (ein Ausdruck von Robert Musil). 1991 ist Max Frisch gestorben, fast 80-jährig; wenige Monate zuvor war ihm Friedrich »Fritz« Dürrenmatt vorausgegangen, der kurz vor seinem Siebzigsten starb. Das war im Dezember 1990.

 

Frisch und Dürrenmatt

Als dann beide Schweizer Großschriftsteller nicht mehr waren, ging es an die feuilletonistische Wertung, und da war zu lesen, dass Dürrenmatt vermutlich ein intensiveres Nachleben beschieden sein würde als Frisch. Und wirklich hat man den Eindruck, dass Max Frisch rasch vergessen wurde. Nur dieses Jahr gibt es in der Schweiz natürlich immer irgendwo etwas von ihm zu sehen. Frisch goss alles in wunderbare Sprache und verlor sich darin. Im Stiller und in den frühen Romanen hat er immer diese knappen Sätze, die einen Absatz abschließen, in der Luft hängen, magisch wirken. (Später fand ich diesen Tonfall, diese Sätze bei Knut Hamsun und dachte mir: Daher hat er es also!) Frisch blieb der gelernte Architekt: Da stimmt der Bauplan. In vielen seiner Werke gibt es Aufzählungen und lange Wortreihen; im Tagebuch glänzt er mit Fragebögen und Listen, und in manchen seiner Bücher sind die Kapitel durchnummeriert. Wir könnten lässig sagen: Frisch ist der Klassiker, der Schweizer Goethe des 20. Jahrhunderts; Dürrenmatt ist Schiller, der ewig Junge, der Chaot. Beide gehören zusammen wie Stiller und Julika.

 

Genfer See (Foto: Manfred Poser)
Der Genfer See, stellvertretend für Zürichsee und Lac du Neuchâtel (Foto: Manfred Poser)

 

2002 besuchte ich auch die Villa Dürrenmatts oberhalb des Sees von Neuchâtel, in der er nachts saß und schweren Rotwein trank. Friedrich Dürrenmatt war in seinen Werken mäandernd, ausufernd, kompromisslos und radikal. In seinen Kriminalromanen und Stücken (Der Besuch der alten Dame) kann er richtig böse wirken, und von ihm stammt der Spruch, eine Geschichte sei erst dann zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe. Vielleicht ist Max Frisch ja der Autor für jüngere Menschen, die sich mit Beziehungen und ihrem kostbaren Ich herumschlagen. Wenn das alles abgearbeitet ist und die tieferen Rätsel ins Blickfeld rücken, wird man sich Dürrenmatt zuwenden.

... ja das mit der Liebe und

... ja das mit der Liebe und Max Frisch kann man eigentlich ganz gut erklären: Man findet es beim ganz frühen Frisch. Ich bin nun gespannt auf die Frisch-Biographie (Suhrkamp) - wenn es dort auch nicht erklärt wird, werde ich mich wohl doch noch selbst deswegen hinsetzen - aber die soll ja so gründlich sein, dass ich mir die Mühe sparen kann. Man muss Frisch wirklich in der Reihenfolge lesen, wie es von ihm geschrieben wurde, (das gilt eigentlich für alle Dichter!) dann erklärt sich vieles von selbst.

Ingeborg Gollwitzer

Lediglich der eine Satz "Nur

Lediglich der eine Satz "Nur wer sich liebt, kann andere lieben" erregt meinen Einspruch. Sehr starke Eigenliebe führt zu Narzissmus und somit ist eigentlich klar, dass je höher die Liebe zu sich selbst ist, je weniger Liebe man auch andren zu Teil werden lassen kann.

Wer mit sich selbst zufrieden, oder im Einklang ist wäre sicherlich eine passendere Beschreibung.

... merkwürdig, d.h.

... merkwürdig, d.h. bemerkenswert: alle lesen MF erst, als er schon berühmt ist und trotzdem kümmert sich offensichtlich niemand um den jungen, der noch nicht berühmt ist. Und noch mehr wundert mich, dass mir überall die Lobgesänge auf den GANTENBEIN fehlen, eines der unglaublichsten, jemals geschriebenen Bücher, in dem Frisch restlos ausreizt, was er so kann. Offensichtlich zählt für alle nur der Seelenbrei, um sich darin selbst mitzuwälzen ... und über das letzte amgebliche Tagebuch, das alles andere als ein Tagebuch ist - -

ach, verkehrte Welt, die sich nur bei Licht im Spiegel wiederfinden kann.

Ingeborg Gollwitzer www.buchwelt.de

 

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