Mehr als Familienkonflikte

In dem Film Die Fremde beleuchtet Feodora Aladag Probleme der Deutsch-Türken

Junge Deutsch-Türken, in der 3. oder 4. Generation haben es nicht leicht. Es scheint fast so, als ob sich die innere Zerrissenheit der Betroffenen immer weiterzuspitzt. Aber warum? Die Familien leben meist in ihren eigenen (patriarchalisch-orientalischen) Universen. Draußen vor der Tür beginnt für die Kinder der Gastarbeiterkinder der Krieg um Almanya - Deutschland.

Ein Paradies der Freiheiten oder die Hölle der unbegrenzten Möglichkeiten?

Gerade feingliedrigen oder reflektierten »Deutsch-Orientalen« fällt der Spagat, den sie wagen müssen, immer schwerer. Der ewige Kampf des Ichs, das innere Hin und Her: Wer in aller Welt bin ich? Moslem oder Christ? Deutscher oder Türke? Eine klare Antwort gibt es selten. Der Weg und der Versuch sind wohl das Ziel und es scheint, dass das genügen muss. Doch was bedeutet dieser weitgreifende und viele betreffende Identitätskonflikt?

Zu beobachten ist, dass Extremismus in beide Richtungen eine Folge sein kann. Entweder man schließt sich der Partei des Patriarchats an und wird »orthodox-islamisch« oder aber man entscheidet sich für die andere Seite, die als fremd und sündig betrachtet wird, die deutsche Freiheit, auch mit allen seinen Hässlichkeiten.

Konkret kann letzteres heißen, dass sich junge Deutsch-Orientale in Abhängigkeiten verlieren, Abnormalitäten und/oder Autoaggressionen jedweder Coleur.

Jeder Hass auf diese Welt,
ist auch Hass auf sich selbst,

trifft Moses Pelham in einem seiner Lieder die Situation sehr gut.

Orientalisch-patriarchalisch organisierte Familien bergen ein hohes Gefahrenpotential. Die Männer haben das Sagen, sonst wird nicht wirklich gesprochen. Die Männer »müssen« in die weite Welt, die Frauen höchstens bis zum nächsten Supermarkt oder zum Kindergarten.

Kein Wunder, dass es auf beiden Seiten Opfer gibt. Während die Männer dem »westlichen Teufel« verfallen (müssen), sind die Ehrenhaften Damen gezwungen ein Doppelleben zu führen. Gemeinsam ist hier der symbolische Suizid. Man verletzt sich und einige töten sich in der Folge auch selbst. Aus einer Überforderung, irrationalen und tradierten Zwängen heraus, die nie kommuniziert oder gar hinterfragt wurden und es immer noch nicht werden.

Ein purpur-rotes Tuch

Konflikte werden auch mit Gewalt und Gewalttätigkeiten kompensiert: verbaler und physischer. Gewalt in solchen Familien richtet sich nicht nur gegen Frauen, auch muslimische Männer sind Gewalt ausgesetzt, wenn sie den »Ehrencodices« nicht entsprechen. Konkret zum Beispiel bei der Homosexualität. Sie ist im Islam bzw. im Orient ein Extrembeispiel für diese Thematik. Man kann es auch ein Tabu mit doppeltem Boden nennen. Viele von ihnen verstecken ihre Neigung freiwillig, müssen es, würden ansonsten verstoßen oder aber sie verlassen ihre Familien. Und zahlen sicherlich oftmals einen hohen Preis, um den fürsorglichen Fittichen des Systems Familie zu entrinnen. Man(n) steht mutterseelenalleine da, wie eine Festung ohne Schutzwall. Den einen kümmert es, den anderen herzlich wenig, und so muss man präzisieren, wo jeweils die Unterschiede liegen. Die Ideologie hinter dem Begriff »Ehre« ist keineswegs ein ausschließlich orientalisches Phänomen, wie sicherlich heute viele meinen.

Die Fremde, eine künstlerische Antwort

Das deutsche Familiendrama Die Fremde von der Wiener Filmschaffenden Feodora Aladag aus dem Jahr 2010 verdeutlicht all diese Konflikte, Tragödien und Zwänge zielsicher. Der Film erzählt die Geschichte der 25-jährigen Deutsch-Türkin Umay (gespielt von Sibel Kekilli), die aus einer fragwürdigen Ehe in Istanbul zurück zu ihrer Familie nach Berlin flieht. Umay möchte als Frau für sich und ihren kleinen Sohn Cem (gespielt von Nizam Schiller) fernab von Patriarchat und Unterwerfung sorgen. Doch schon bald zieht es Umay weiter, diesmal sieht sie sich gezwungen, aus ihrem selbstgewählten Asyl- & Zufluchtsort zu fliehen, weil ihre Familie Cem bei dessen Vater wissen will. Er habe ein Recht darauf, bestimmt Umays Vater Kader (gespielt von Settar Tanriögen).

Nach Umays Flucht ins Frauenhaus beginnt für die Familie Aslan eine chronische Zerreißprobe. Alle schwanken zwischen dem Bedürfnis nach Zusammenhalt, der Sorge um die Schützlinge und zwischen Scham und Schuldgefühlen gegenüber der Gemeinschaft. Die Familie scheint sich in einer paradoxen Hassliebe zu ihrer erstgeborenen Tochter Umay zu befinden. »Wäre sie doch als Junge geboren«, wünscht sich Umays Vater Kader in einer schlaflosen Nacht. Am Ende verlieren die Aslans ein Stück ihrer Unschuld, Hoffnung und Zukunft unwiederbringlich.

When We Leave, so der Titel dieser Tragödie für den weltweiten Verleih, beruht in etwa auf dem Fall der 2005 in Berlin von ihrem jüngsten Bruder ermordeten Hatun Sürücü und den Schicksalen anderer Opfer von Ehrverbrechen. Diesem gesellschaftlichen Phänomen gibt dieser Spielfilm dadurch fast schon ein dokumentarisches Zeugnis, bleibt aber dennoch ein tragisches Kunstwerk. Seine Brisanz erarbeiten sich dieses und vergleichbare Dramen durch die Geschichte der Gastarbeiter und einer deutschen Utopie: der Integration. Wichtig erscheint dabei, dass die Probleme dieser Parallelgesellschaften auch immer die ureigenen Wirklichkeiten darstellen: Wir erziehen die Kinder der Gastrabeiterkinder, wir lehren und unterrichten sie, wir leben ihnen Deutschland vor und mit ihnen Deutschland nach. Deshalb ist es so bedeutend, sich mit diesem Marginalteil unserer Realität auch emotional auseinanderzusetzen. Hierbei helfen Filme wie Die Fremde oder Mutluluk-Der Ehrenmord von Abdullah Oguz.
Dass diese Thematik bedeutend weitergeht als nur Ehrverbrechen provoziert, rückt dabei oft in den Hintergrund. Auch Homosexuelle haben mit den gleichen Problemen in dieser Gesellschaft zu kämpfen.


 

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