Mit dem Motorrad nach Mexiko

Ein Interview mit Kristof Magnusson, dem »Erklärbär« der Finanzwelt

Im Januar dieses Jahres hat Kristof Magnusson seinen lange erwarteten zweiten Roman Das war ich nicht veröffentlicht. Mit Katrin Uelpenich sprach er in Köln über dessen Entstehung, die Angst vor den Erwartungen nach seinem erfolgreichen Romandebüt Zuhause, den künstlerischen Schock der Finanzkrise und seinen Traum, nach den nächsten fünf Projekten Urlaub zu machen.

Kritische Ausgabe (K.A.): Unser letztes Interview ist jetzt gut drei Jahre her, Sie haben in der Zeit einen neuen Roman geschrieben und bestimmt noch andere interessante Dinge gemacht. Erzählen Sie doch mal kurz von Ihren letzten drei Jahren ohne mich!

Kristof Magnusson (K.M.): (lacht) Also ich habe erst mal eine Lesereise gemacht, das nimmt durch das viele Umherfahren doch mehr Zeit in Anspruch als man so denkt. Ich habe oft gelesen, insgesamt circa 80 Mal Zuhause. Glücklicherweise waren immer Abstände dazwischen, so dass es mir dann doch immer wieder Spaß gemacht hat. Dann habe ich den Roman Sturmerprobt von Einar Kárarson aus dem Isländischen übersetzt. Außerdem habe ich ein Theaterstück geschrieben, an dem ich immer zwischendurch gearbeitet habe und an dem ich immer noch arbeite. Und natürlich habe ich hauptsächlich am Roman gearbeitet, den habe ich vor zweieinhalb Jahren mit den ersten Ideen angefangen. Die hauptsächliche Recherche in der Finanz-Brokerwelt habe ich im letzten Sommer gemacht, noch bevor Lehman Brothers pleite gegangen ist.

K.A.: Das heißt also, Sie haben den Banker in Ihrem neuen Roman eingebunden, bevor Finanzkrise deutschlandweit Thema geworden ist?

Kristof Magnusson (Foto: © Thomas Dashuber)
(Foto: © Thomas Dashuber)

K.M.:Ja, ich habe sogar im Januar 2008 eine Bewerbung mit dieser Idee an den Deutschen Literaturfonds geschickt, die dort aktenkundig ist. (lacht) Ursprünglich hatte ich diese drei Menschen im Kopf: Übersetzer, Autor, Banker. Dann hat es sich sehr schnell ergeben, dass das um den Ruin einer Bank herum kreist. Ich frage mich manchmal, ob es nun ein Roman zur Finanzkrise ist oder nicht. Er ist es schon in sofern, dass mich dieses Thema immer interessiert hat, weil ich finde, dass Geld eine ungerecht geringe Rolle in der Literatur spielt. In unserem Leben spielt es so eine große Rolle, oft hört man solche Sachen wie: »Wenn ich im Lotto gewinnen würde, dann würde ich das und das machen«. Geld hat viel mit unseren Träumen zu tun, Leute streben nach Geld, weil sie sich dann mächtiger fühlen oder beliebter oder cooler… Träume und Macht und diese Dinge haben doch so viel mit Literatur zu tun, deswegen hat es mich schon immer gestört, dass Geld nicht so oft vorkommt.

K.A.: Die Finanzkrise kam Ihnen da ja eigentlich ganz recht zur Veröffentlichung des Buches. Ihr Verlag verschickt mit den Rezensionsexemplaren ein Interview mit Ihnen zur Finanzkrise in Island, marketingtechnisch war das ein Treffer.

K.M.: Der Beginn der Krise war erstmal ein Schock für mich, kein finanzieller, sondern ein künstlerischer Schock. Ich wusste nicht mehr, wie ich weitermachen sollte, habe dann aber festgestellt, dass der Roman, so wie er ist, eigentlich genug über die Finanzwelt sagt. Außerdem hätte zu dem Zeitpunkt alles Mögliche passieren können, es hätte eine Wirtschaftskrise geben können, in der sowieso niemand mehr Lust hat, gebundene Bücher zu kaufen. Es hätte alles so schnell gehen könne, dass, wenn das Buch rauskommt, es keinen mehr interessiert. Man kann das so wahnsinnig schlecht planen, es gibt oft Dinge, die schnell in den Medien sind und drei Monate später sind sie komplett wieder weg.

K.A.: Es war also nicht der Schnellschuss zur Krise.

K.M.:Es schreibt ja auch niemand einen Roman über die Schweinegrippe. Literatur ist so langsam, die Vorläufe in den Verlagen, die Arbeitsprozesse des Schriftstellers, sie ist gar nicht dafür geeignet, auf aktuelle Dinge aufzuspringen. Ich wusste lange Zeit nicht, ob das jetzt ein Glücksfall ist oder das genaue Gegenteil, deswegen haben wir auch lange Zeit so gearbeitet, dass wir gesagt haben, das ist nicht das Buch zur Finanzkrise. Zum Glück ist es jetzt so, dass das Thema doch noch Leute interessiert. Man denkt oft von Büchern, dass sie für einen bestimmten Zeitpunkt geschrieben wurden, zum Beispiel war beim Erscheinen der Vermessung der Welt gerade Humboldt-Jahr. Dann meint man, es sei logisch, dass das Erfolg hat, aber das denkt man sich im Nachhinein. Man sieht nur die zwei Titel, bei denen das funktioniert und wo die Maschinerie davon angetrieben wird und nicht die 998, die das alle auch so versuchen und um die sich niemand kümmert. Ich habe, wie gesagt, vor zweieinhalb Jahren mit dem Roman begonnen, als die Finanzkrise dann losging war die Handlung fertig.

K.A.: Am Anfang Ihrer Arbeit an dem Roman standen also die Figuren?

K.M.:Das war auf jeden Fall eine Geschichte, die von den Figuren her kam. Sicherlich auch deswegen, weil ich gerade einen Roman übersetzt hatte und mit dem Autor Einar Kárarson eine Lesereise gemacht habe. Da lernt man sich recht gut kennen, diese Übersetzer-Autor-Beziehung ist schon eine ganz besondere. Das hat mich wegen der Personendynamik sehr interessiert, deswegen waren schnell die ersten beiden Personen da – der Autor und die Übersetzerin.

K.A.: Sie haben im letzten Interview gesagt, sie möchten nicht der Island-Onkel werden, also nicht noch mal über Island schreiben. Von der Geschichte her müsste der Roman aber nicht unbedingt in Chicago und Hamburg spielen, es könnte auch wieder Island sein.

K.M.:Autor und Übersetzer waren zuerst da, deswegen mussten es schon mal zwei verschiedene Länder sein, und dann hab ich geschaut, in welchem Land beherrsche ich die Sprache, kenne es einigermaßen und ist nicht Island: Da blieb eigentlich nur Amerika. Für den Banker musste es dann auch eine Stadt sein, wo die Finanzindustrie eine Rolle spielt. Da habe ich zuerst an New York gedacht, ich wollte aber ums Verrecken keinen Roman schreiben, der in dort spielt, denn es geht mir auf die Nerven bei deutschsprachigen Autoren, die über New York schreiben: Dann rauchen doch immer die Gullideckel und die gelben Taxis fahren und so weiter. Das hat mich einfach nicht gereizt, obwohl die Recherche sehr viel einfacher gewesen wäre, weil ich fast zwei Jahr in New York gewohnt habe und die Stadt kenne. Chicago kannte ich überhaupt nicht.

K.A.: Sind Sie dann nach Chicago gereist um dort zu recherchieren oder haben Sie aus der Entfernung recherchiert?

K.M.:Ich war drei Monate Writer in Residence an einer Schreibuni in Iowa, von dort aus bin ich zweimal nach Chicago gefahren. Außerdem habe ich einen Freund, der in Chicago geboren ist und inzwischen auch wieder dort wohnt. Der ist auch ziemlich genau in dem Alter meines Romanschriftstellers Henry LaMarck, also hatte ich durch ihn den Eingeborenen, der seine Stadt sehr gut kennt. Der fremde Blick durch mich war gar nicht schlecht für die anderen beiden Figuren Jasper und Meike, denn die kennen die Stadt ja auch nicht. Im Vergleich zu Zuhause, wo ich den Ort sehr gut kannte, und danach was darüber geschrieben hatte, war es hier sehr reizvoll, dass ich angefangen hatte, ohne jemals dagewesen zu sein und dann hingefahren bin und das abgeglichen habe.

K.A.: Wie nah waren Sie dran?

K.M.:Wie nah ich dran war? Es haben natürlich alle Details gefehlt, es wäre nicht gut gegangen, wenn ich das nur aus Reiseführern gemacht hätte. Es gibt zwar heute YouTube und man kann sich auf Google Maps jede Straßenecke angucken, das hilft auch alles, aber es wäre letztendlich sehr … (denkt nach) es wäre eine sehr künstliche Form von Chicago gewesen. Die Geschichte sollte einfach realistisch glaubhaft da spielen.

Kristof Magnusson (Foto: © Thomas Dashuber)
(Foto: © Thomas Dashuber)

 

 

K.A.: Ihr neuer Roman hat eine viel freundlichere Grundstimmung als Zuhause. Zuhause verbreitet so eine hintergründige Melancholie, die dem ganzen Roman zugrunde liegt, bei Das war ich nicht ist das nicht mehr so. Ist das ein Zeichen für »Nicht-Island«?

K.M.: Ich glaube, das liegt an der Geschichte, die das Buch erzählt. Ich hatte von Anfang an den Wunsch, dass es eine Art von Happy End gibt, dass diese drei Menschen irgendwie davon profitieren, dass sie einander getroffen haben. Das hat mich dann in eine Stimmung versetzt, durch die diese Leute, obwohl sie ziemlich viele Probleme haben, schon am Anfang vom positiven Ende beeinflusst waren.

K.A.: Alle drei Charaktere werden von einem Schlag getroffen, durch den ihr Leben, wie es bis dahin war, zu Ende ist. Trotzdem nehmen sie es mit Humor, es gibt keine ernsthafte Trauer, keine Wut, keine Verzweiflung. Kann es sein, dass Sie Ihre Charaktere nicht richtig ernst nehmen?

K.M.: Ich habe darüber viel nachgedacht, ich überlege nur gerade, in welchem Kontext ich darüber nachgedacht habe. Bei Meike gibt es schon diese Verzweiflung, bei ihr habe ich, auch wenn ich es jetzt wieder lese, das Gefühl, die ist so ein bisschen wahnsinnig. Das zeigt sich dann, wenn sie sich mit allen überwirft und einsam durch Chicago läuft. Alle drei Charaktere spüren diese Verzweiflung, die sich in einzelnen Momenten offenbart. Dadurch, dass es drei Innensichten sind, hat jede einzelne Person natürlich weniger Raum um ihr Innenleben auszubreiten. So werden die Dinge automatisch verknappter gesagt, deshalb denke ich, dass es vom Resultat eine … (denkt nach) jetzt versuche ich das Wort oberflächlich zu vermeiden … Es ist einfach eine schnellere Form, es ist mehr Handlung und es sind drei Personen, es kommt in diesem Buch auf die Interaktion zwischen den Personen an. Es war mir wichtiger, aus der Interaktion narrativ Gewinn zu schlagen, als aus der ausführlichen Darstellung von deren Innenleben.

K.A.: Durch dieses Hin- und Herswitchen zwischen den einzelnen Innensichten wird sehr oft das Erlebnis des einen Charakters durch den zweiten ironisch gebrochen, das ist sehr lustig zu lesen. Dadurch kann man als Leser aber auch die Verzweiflung der einzelnen, wenn sie da sein sollte, nicht richtig ernst nehmen.

K.M.: Das ist ein guter Gedanke, natürlich ist wird die Verzweiflung dadurch relativiert, dass man die Wahrnehmung der einen Personen gebrochen durch die Wahrnehmung der anderen Person noch mal bekommt. Um noch was zur Vorgeschichte zu sagen: Der Roman, den ich übersetzt habe, spielt aus sehr vielen verschiedenen Perspektiven. Das hat mir beim Übersetzen so viel Spaß gemacht, dass ich dachte, das möchte ich auch gerne mal machen. Dann habe ich festgestellt, dass es wirklich eine dermaßen Arbeit ist! Ich dachte, das ist total nett und simpel, man schreibt dann irgendwie was aus der einen Perspektive und dann bricht man das so´n bisschen aus der anderen Perspektive, und das ist lustig und spannend und so. Es hat sich aber der gegenteilige Effekt eingestellt, es ist eher mehr Arbeit, man muss den kompletten Roman einmal aus jeder Perspektive schreiben um dann wie beim Filmschnitt die Szenen, die man vom jeweiligen Charakter nimmt, auszuwählen. Die Emotion, die die eine Person in einem Kapitel trägt, muss über die beiden nächsten Kapitel, die dann von einer anderen Figur erzählt werden, rübergerettet werden. Bei dem Verfahren habe ich sehr unterschätzt, wie aufwendig es ist.

K.A.: Bei Zuhause haben Sie gesagt, Sie waren bei der Fertigstellung schon mit so vielen anderen Projekten beschäftigt, dass Sie gar kein „Fertigseingefühl“ hatten. Gab es diesmal ein Abschluss-haben-, Feiern-, Sekt-aufmachen-, Buch-ist-durch-Gefühl?

K.M.: Nee, das hatte ich jetzt irgendwie auch nicht. Das liegt aber auch daran, dass wir im Lektorat noch viel daran gearbeitet haben. Sehr viel von dem, was mir jetzt an dem Buch sehr gut gefällt, ist Antje Kunstmann zu verdanken. Sie hat es fünf- oder sechsmal gelesen und wirklich immer wieder den Finger genau auf die Stellen gelegt, an denen sie geahnt hat, was ich damit wollte, aber gesehen hat, warum es auf dem Papier noch nicht da ist. Es war eine ganz tolle Lektoratszusammenarbeit! Der Zeitraum bis zum fertigen Buch ist lang, es kommen noch mal die Fahnen und wenn es in den Druck geht, dann ist die Manuskriptabgabe schon so lange her, dass man gar nicht einen bestimmten Punkt markieren kann. Das ist im Theater schöner, da hat man eine Premiere.

K.A.: Der Moment, in dem Sie das erste gedruckte Exemplar in den Händen halten, wäre doch ein guter Zeitpunkt, um mal zwei Wochen Urlaub zu machen.

K.M.: Ich habe Urlaub gemacht, allerdings, bevor ich das Buch in den Händen hatte. Als es in den Druck gegangen ist, bin ich eine Woche nach Island gefahren. Urlaub … ich habe dieses freiberufliche Denken, dass ich wenig ablehnen möchte. Gerade bis 2011 werden alle Leute, die aus dem Isländischen übersetzen können, gebraucht. Viele wissen es noch nicht: Island ist dann Gastland der Buchmesse. Mein großer Plan ist im nächsten Jahr noch sehr viel zu übersetzen, sehr viel zu lesen und dann nicht zwei Wochen Urlaub zu machen, sondern zwei Monate. Ich hoffe es ist nicht einer von diesen unrealistischen Plänen, die man so lange vor sich herschiebt, bis man einen Herzinfarkt bekommt.

K.A.: Mit dem Motorrad bis nach Mexiko?

K.M.: (lacht) Mit dem Motorrad bis nach Mexiko, genau!

K.A.: Können Sie sich vorstellen, nicht schreiben zu können? Kann es so viele Zweifel an Ihrem Schreiben geben, dass Sie es nicht mehr könnten?

K.M.: Vorstellen sicherlich, es ist mir zum Glück noch nicht passiert. Vielleicht liegt das auch am Übersetzen, immer wenn mir nichts einfällt, kann ich auch was anderes machen. Was ich sehr gut kenne, ist die Schwierigkeit, sich immer auf das vorhergehende Werk zu beziehen, oder sich davon zu lösen. Das war sehr schwierig bei Männerhort, da gab es Angebote, zum Beispiel dasselbe mit vier Frauen für ein anderes Theater zu schreiben, samt Vorkasse. Das habe ich natürlich nicht gemacht, denn der Sinn von Männerhort, was mir viel Geld gebracht hat, war, das Geld dafür zu benutzten, in Ruhe diesen zweiten Roman schreiben zu können und nicht ein reines Kommerzding zu machen. Bei meinem neuen Stück Sushi für alle habe ich dann überlegt, ob es so lustig wie Männerhort ist und ob es diese identifikatorische Lesart ermöglicht. Denn die hat mich wirklich sehr beeindruckt! Als ich Männerhort am Ku'damm gesehen habe, saß da ein Ehepaar und sie stößt ihn an und sagt »Guck mal, das machst du auch immer.« Es gibt eine Form von identifikatorischer Reaktion, die Leute haben können, wenn man das einmal erlebt hat, dann ist es danach schwierig, etwas zu schreiben, was diese identifikatorischen Sachen nicht bietet. In Sushi für alle geht es um einen Typen, der denkt er hat Krebs und sucht einen neuen Mann für seine Frau, einen Vater für seine Kinder. Er gibt Annoncen im Internet auf. Ich finde auch, dass es ein lustiges Stück ist, aber wie die Komödienhäuser darauf reagiert haben, als sie gehört haben, es ist eine Komödie über Krebs, das kann man sich denken. Es war enorm schwierig, mich zu lösen. Das war keine Form von Blockade, wo ich nichts mehr geschrieben habe, aber es war so, dass mir das Schreiben keinen Spaß gemacht hat. Ich habe immer darüber nachgedacht, dass all die Leute, die das vorherige toll fanden, das jetzt nicht mehr toll finden.

K.A.: Und bei dem Roman?

K.M.: Bei Das war ich nicht war es auch schon so, dass ich dachte, das ist jetzt nicht mehr Island, da wird auch nicht so verzweifelt viel Alkohol getrunken, es hat nicht so viel mit Popmusik zu tun, es wird nicht so viel geraucht, es ist nicht so stimmungsvoll dunkel … Das war schwierig. Man bekommt dann immer Angst, dass das Leute deswegen ablehnen. Aber ich wollte, weder bei Männerhort, noch bei Zuhause, auf keinen Fall eine Fortsetzung schreiben. Ich möchte einfach immer was Neues machen und das ist natürlich mit Ängsten verbunden.

K.A.: Gab es bei Zuhause Rezensionen oder Besprechungen, die dazu geführt haben, dass Sie etwas anders machen wollten?

K.M.: Nein, eher im Gegenteil. Ich bin da wirklich etwas blasiert, die negativen Punkte überfliege ich nur und die positiven lese ich mehrmals. Aber das hat auch einen Einfluss, ich habe nicht gedacht, jenes wurde kritisiert, das möchte ich jetzt anders machen, sondern ich habe gedacht, das wurde gelobt, was passiert, wenn ich das nicht genauso mache? Das baut auch wieder eine Form von Druck auf. Worauf ich sehr genau gehört habe sind Rückmeldungen von guten Freunden, die gesagt haben, was sie gut fanden und was nicht. Das war mir sehr wichtig. Bei Rezensionen muss man immer die Balance halten, ich nehme das natürlich alles zur Kenntnis und google meinen Namen und lese das alles aber man muss sich davon frei machen. Richtig gerne lese ich Literaturkritik, wenn es um andere Bücher geht, die ich gelesen habe. Denn es ist eine der tollsten Sachen an Literatur, dass sie verschiedene Dinge in verschiedenen Leuten auslöst.

K.A.: Haben Sie sich bei Zuhause manchmal missverstanden gefühlt?

K.M.: Nein, eigentlich nicht. Das, was die Leute doof gefunden haben, das konnte ich immer so akzeptieren, das meinte ich genauso und derjenige fand das halt doof. Ich kann damit gut leben, wenn es jemandem nicht gefällt, ich mich aber offensichtlich klar ausgedrückt habe. Es liegt auch an der Art von Literatur, die ich schreibe, sie ist realistisch, what you see is what you get.

K.A.: Beim letzten Interview haben Sie gesagt, dass der Titel des Romans sofort da ist oder nie richtig. Wie war das bei Das war ich nicht?

K.M.: Ein Albtraum! (lacht) Ein echter Albtraum. Ich habe irgendwann in der Mitte der Arbeit an dem Roman am Berliner Hauptbahnhof eine Eingebung gehabt, sofort ganz aufgeregt beim Verlag angerufen und gesagt »Ich hab den tollsten Titel für unseren Roman, den müsst ihr sofort zum Titelschutz anmelden, den Rechtsanwalt und den Notar verständigen: Optionen!« Die haben das dann auch alles gemacht, allein um mich zu beruhigen, haben wahrscheinlich da schon gedacht … (lacht) Das war sehr sehr lange der Arbeitstitel. Bei einem Buch, bei dem man Überzeugungsarbeit leisten muss, damit es die Leute in die Hand nehmen, wer interessiert sich schon für die Finanzwelt, kam dieser Titel einfach nicht in Frage, viel zu trocken, zu abstrakt! Bis eine Woche, bevor die Programmvorschau in den Druck ging, hatten wir keinen Titel. Wir haben alles Mögliche überlegt. Dann kam Antje Kunstmann zur Lektoratsrunde nach Berlin und wir sind ins Café Ankerklause gegangen. Dort haben wir herumgeblödelt, wie lustig das ist, dass, wenn etwas schief geht, es keiner gewesen sein will, diese übliche Dynamik. Sie hat dann eine Anekdote erzählt von einer Politikerin, die auf einem Empfang eine sehr teure Vase umgeworfen hat und danach gesagt hat „Das war ich nicht“. Ich habe erst geschmunzelt, dann haben wir uns angeschaut und uns war klar, dass das der Titel für das Buch sein muss. Monatelang hatte ich den Freundeskreis, den Verlag, alle verrückt gemacht, gesucht, gebrainstormt, Kreativtechniken angewendet, es hatte alles nichts gebracht und da war er.

K.A.: Was wäre bis dahin der Titel gewesen?

K.M.: Die meisten habe ich schon verdrängt. »Machenschaften« oder so, furchtbar!

K.A.: Sie haben viel über Börsenspekulation geschrieben, ich habe zum ersten Mal verstanden, wie´s läuft. Es war einfach genug, dass ich Lust hatte, es zu lesen und es trotzdem kapiert habe.

 

Kristof Magnusson (Foto: © Thomas Dashuber)
(Foto: © Thomas Dashuber)

K.M.: (lacht) Cool! Das ist sehr viel wert. Ich habe es auch erst nach meiner Recherche verstanden. Aber das war auch ein Punkt, wo wir bis zum Schluss gefragt haben, ob das überhaupt jemanden interessiert. Ich habe gedacht, wenn jemand das Buch nicht mag, kann die Reaktion sein, dass das Buch zu schnell ist und man mit dem Innenleben der Figuren nicht hinterherkommt, oder dass man den ganzen Börsenkram so genau gar nicht wissen will. Das war ein Drahtseilakt und besonders reizvoll, denn egal wie man die Finanzkrise moralisch oder politisch bewertet, wir wissen doch alle zu wenig darüber, wie das funktioniert. Aber ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns alle mehr damit beschäftigen. Wenn normale Leute, die auch mal ein bisschen gierig sein wollten, diese ganzen Zertifikate gekauft hätten, dann wäre es auch nicht so schlimm gekommen. Es ist eine gute Sache, sich damit zu beschäftigen, wobei es mir darauf ankam, zu schauen, was dahinter menschlich ist. Es sollte ja kein Sachbuch werden, sondern die Frage, was so jemanden, der in einer Bank arbeitet, antreibt. Wo es dramaturgisch wichtig war, Dinge zu vereinfachen, da habe ich das gemacht, auch wenn es dann nicht mehr ganz stimmt. Ich habe es aber auch noch mal von einem Trader gegenlesen lassen, der meinte, man kann es so lassen. Ich wollte nicht der Belehrbär werden, sondern höchsten der Erklärbär. Erklärbär ist teilweise in Ordnung.

K.A.: (lacht) Kein Islandonkel und kein Belehrbär, alles klar! Was wird denn das Thema für den nächsten Roman, gibt es schon Ideen?

K.M.: Nein, gar nicht. Das nächste Jahr ist wirklich Lesereise, Übersetzen und ein Islandbuch. (lacht) Für diese feuilletonistische Gebrauchsanweisungen-Reihe, schreibe ich die Islandausgabe. Das sind keine konkreten Tipps und Telefonnummern, sondern Monografien über die Länder. Wenn das alles vorbei ist, dann überlege ich mal, was das neue Thema wird. Da mache ich mir keine Gedanken, da wird schon irgendwas kommen.

 

Kristof Magnusson: Das war ich nicht. München: Verlag Antje Kunstmann, 2010. 285 S. ISBN 978-3-88897-582-0 Pick It! . 19,90 EUR

 

Fotos: © Thomas Dashuber

 

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