Monotheismus? Ein Hitzeschaden der Religionsgeschichte!

Irgendwie sind wir doch alle Katholiken oder würden es zumindest gerne sein. Ob Moslem, Jude oder Protestant: Mit ausreichend Kölsch sieht die Welt ganz anders aus. Wobei bis zum Schluss eine Frage ungeklärt bleiben muss: Ist der Moslem an sich nun eher katholisch oder tatsächlich evangelisch?

So oder ähnlich ließe sich das Weltbild des Jürgen Becker beschreiben: rheinisch und weltoffen, manchmal platt, indes nur selten hanebüchen. Grund genug, dem Herrn der Mitternachtsspitzen in diesem Jahr den Sonderpreis des PRIX PANTHEON zu verleihen. Die mit 4000 Euro dotierte Auszeichnung »Reif & Bekloppt« stehe Becker zu, weil er »mit absurden Rück- und Kurzschlüssen genüsslich die gesellschaftlichen Zustände entblößt, hinterlistig und spitzbübisch«, so die Begründung der Jury. »Nichts und niemand ist ihm dabei heilig, schon gar nicht die Kirchen und ihre Fürsten.«

Bühnenfoto (© Sven von Schlachta)In illustrer Gesellschaft darf Becker sich nun im Pantheon des Kabaretts bewundern lassen. Als Preisträger schaut er gemeinsam mit Ringsgwandl, Helge Schneider und dem Altvorderen Georg Kreisler auf den Bar-Bereich der Traditionsbühne am Bonncenter hinab – und will sich doch nicht so recht in diese Liste einfügen.

»Jürgen Becker«, so die Jury weiter, »eignet sich nur bedingt zum Kabarettisten alter Schule. Er erhebt nicht den Zeigefinger, weil er einen bestimmten Weg weisen will. Er weiß nur bestimmt, dass andere mehr wissen als er. Dennoch, oder gerade deshalb gräbt er ständig nach neuen Dingen. Sie fallen ihm aus dem Mund wie seinem Publikum die Schuppen von den Augen.«

Zu improvisiert mag manchem Beckers Humor erscheinen, zu rheinisch und katholisch manch eine Pointe daherkommen. Doch eins steht fest: Becker hat Profil, und das setzt er seit Jahren erfolgreich ein, um der Welt an den Kragen zu gehen. Wo Konrad Beikircher als Tiroler doch nur einen Touristenblickwinkel einnimmt, wo der hochverehrte Rainer Pause ortsfremden Zuschauern mitunter zu insidermäßig erscheint, besticht Jürgen Beckers Welt- und Kabarettsicht vor allem durch seinen Lehrauftrag, mit dem er versucht, auch dem ihm fremdesten Deutschen zumindest ein bisschen rheinischen Odem einzuhauchen.

Bühnenfoto (© Sven von Schlachta)Wahrlich, es mag der Verdacht naheliegen, dass sich seine Komik aufgrund ihrer doch sehr speziellen Prägung in voller Blüte nur einem recht begrenzten Kreise erschließen könne. Doch falsch gedacht! Weisheiten über den rheinischen Kapitalismus funktionieren nicht nur in Rhöndorf, ja, man möchte fast behaupten, dass sie universell anwendbar sind und selbst auf internationalen Bühnen, so denn irgendjemand Beckers kölsches Kauderwelsch verstünde, ihre bauchkrampfreizende Wirkung entfalten könnten.

Beckers Kabarett unterscheidet sich natürlich nicht vollkommen von dem seiner KollegInnen. Das Rad kann auch er nicht neu erfinden, doch zu etwas Besonderem wird es durch die Art der Präsentation. Anstatt, wie es neuerdings üblich ist, einen Gag an den nächsten zu reihen, beginnt Becker erst einmal zu erzählen. Er kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, hangelt sich dabei jedoch, vermeintlich frei improvisierend, an einem beinahe unsichtbaren roten Faden entlang, so dass sich der Zuhörer schließlich verblüfft fragt, wie er es nur geschafft hat, einen Bogen von Adam und Eva zu Adenauer und Marx zu schlagen. So wird der Sündenfall zum Präzedenzfall von Ladendiebstahl und fließt der Rhein im Grunde verborgen in der Nordsee an Dänemark vorbei. Und Dresden liegt ebenso rechtsrheinisch wie Troisdorf. Alles klar?

Ein Potpourri aus mehreren Bühnenprogrammen präsentiert Becker an diesem Sonderpreisabend. Elemente aus der neuesten Show, »Ja, was glauben Sie denn?«, werden unmerklich mit Einlagen aus »Biotop für Bekloppte« verwoben, und nachdem das Schlusslied »Ich bin so froh, dass ich nicht evangelisch bin« verklungen ist, möchte man am liebsten unvermittelt in den Applaus hineinrufen: Mehr davon, Jürgen! Doch sieht man im gleichen Augenblick ein, dass es noch nicht wirklich Zeit ist für ein Jubiläumsprogramm. Dies sollte tatsächlich nur denen vorbehalten bleiben, die entweder in naher Zukunft zu schwach sein werden, eine Bühne zu betreten, oder aber nichts Neues mehr zu sagen haben. Zum Glück ist beides bei dem 1959 in Köln geborenen und augenscheinlich bei bester Gesundheit über die Bühnen pöbelnden Becker nicht zu befürchten. Und dennoch: Gut, dass er »Reif & Bekloppt« ist. Er hat es sich redlich verdient!

(Fotos: Sven von Schlachta)

 

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