Identität im Untergrund

›Underground Culture‹ – das Phänomen eines widersprüchlichen Individualismus
Wir brauchten Musik, die neu herauskam, Bands, die niemand außer uns kannte, neue Gesichter, neue Namen, alles neu. Es zählt, dass das Zeug frisch ist, dass man dabei ist, wenn es PASSIERT. Und dass man es entdeckt, bevor Erwachsene es totkaufen. [1]

Gibt man in die Suchmaschine von Google das Stichwort »Underground Culture« ein, erhält man über 106 Millionen Ergebnisse. Die Resultate bei kleineren Abweichungen des Stichworts fallen ähnlich hoch aus. Damit gibt es für ein Phänomen, das für die breite Masse eigentlich wenig zugänglich sein dürfte, einen enormen Content. Untergrund ist hip. Untergrund ist der neue Mainstream. Und stellt sich über den eigentlichen Mainstream-Mainstream. Je älter und abgedrehter der Pullover, desto besser. Je lauter die Brille nach Opas Metallgestell schreit, desto angesagter. Hochgezogene Socken in gegafferten, alt aussehenden aber eigentlich neuen Sneakern von New Balance oder Adidas, weil Nike schon wieder out ist. Die angesagte Hipster-Jugend sucht im vermeintlichen Anders-sein nach der eigenen Identität. Wobei diese Gegenkultur im Verlauf der letzten Jahre wiederum enorm an Massenkompatibilität gewonnen hat. Hipstersein ist cool - zumindest in der twenty-something Generation.

Aufbegehren gegen etwas Bestehendes, Rebellion gegen die Masse, Schaffen eines Untergrunds gegen das von der Mehrheit akzeptierte System – seit jeher gibt es dieses Phänomen in sämtlichen Sparten der Kultur. Ob in Kunst, Literatur oder Musik. Untergrund steht für Unabhängigkeit, Avantgarde, Subversion. Er richtet sich kritisch  gegen kommerzielle Kunst. Wobei Untergrund-Phänomene irgendwann vom für die Mehrheit produzierten Mainstream aufgegriffen und auf ihre Form und Ästhetik reduziert werden. Weil jedes Untergrund-Ding irgendwann in ist. Vor allem in der Musikindustrie spielt Underground- und Independent-Kultur eine bedeutende Rolle und steht nicht selten im Zusammenhang gesellschaftlicher Rebellion. Wobei der Anfangszeitpunkt klar gesetzt ist: Rock ’n’ Roll. Der Musikjournalist Albert Koch fasst es treffend zusammen: Es vollziehe sich

eine[] Verjüngungskur für eine an sich konservative Musikform, deren Innovationspotenzial im Ausdruck stark limitiert ist, deren Protagonisten aber alle paar Jahrzehnte eine Haltung recyceln, die jener Haltung nahekommt, welche die archetypischen Rock ’n’ Roller in den Fünfzigerjahren eingenommen haben. Rock ’n’ Roll als Mittel der Abgrenzung; Rock ’n’ Roll als Jugendmusik.[2]

»What happened to rock and roll? Ich hab die Schnauze voll«[3]

Mit Rock ’n’ Roll kam in den Fünfzigerjahren erstmals eine Jugendkultur auf, die sich von der bestehenden Elterngeneration durchweg abgrenzte. Durch ihr Äußeres und durch die Musik, die sie hörten. Elvis Presley stellt das wohl aussagekräftigste Beispiel dar. Auch wenn die Ideale des Rock ’n’ Roll durch Literatur und Film der amerikanischen Beat-Generation bestimmt wurden, gewinnt nach und nach Musik an elementarer Bedeutung. Rhythm and Blues der afroamerikanischen Unterschicht und Funk dienen als Wegbereiter. Doch was als Ventil der Jugend beginnt, endet plötzlich unter dem Druck der Öffentlichkeit. Zu viel Schmalz in den Haaren, zu viele eindeutig sexuelle Gesten. Rock ’n’ Roll erreicht Ende der Fünfzigerjahre zumindest in Amerika sein Verfallsdatum.

Abgrenzung, Revolte, Jugendkultur – der Untergrund wendet sich gegen das Establishment. Und was in den Fünfzigerjahren mit Rock ’n’ Roll funktioniert, funktioniert auch knapp zwanzig Jahre später. Bloß benötigen die Vertreter dieser Subkultur deutlich mehr Wachs um ihre Haarpracht in Form zu bringen. Von Amerika schwappt die Welle vor allem nach England. 1977 ist das Durchbruchsjahr. Punk! Wieder Jugendkultur, wieder Aufbegehren gegen die alte Generation - dieses Mal inklusive Rebellion gegen andere Jugendkulturen und die politische Ordnung. Das ist neu und wird als Subkultur von der nach Individualität und Veränderung strebenden Jugend begierig aufgenommen. Konfrontation, Aggression und Gesellschaftskritik prägen die Musik. Punk ist Rock ’n’ Roll in seiner rohesten und ungeschliffensten Form mit stark subversivem Charakter. Während die Majorität vor allem Bands wie die Sex Pistols oder The Clash im Hinterkopf hat, ist der Godfather des Punks wohl Iggy Pop mit seiner Band The Stooges, die schon knapp zehn Jahre vor bekannten Größen das Gefühl des musikalischen Widerstands vermittelten. Ende der Siebzigerjahre ist Punk ein Medienphänomen und hat sich aus seinen subkulturellen Anfängen an den Overground gearbeitet. 1978 ist schon wieder Schluss. Was Punk war, ist jetzt New Wave – statt Rebellion Massenkompatibilität.

»Music non stop, techno pop«[4]

Das vermutlich letzte große Untergrund-Phänomen, das tatsächlich eine Neuerung in der Musiklandschaft darstellt, ist der Techno der Neunzigerjahre. Techno ist zur damaligen Zeit äußerst innovativ, völlig neu, weil er eine nie dagewesene Form elektronischer Musik repräsentiert. Mit ihm begibt sich eine ganze Subkultur in die Abhängigkeit technischer Errungenschaften. Die Technoszene ist geboren. Kraftwerk gelten als Pioniere im Bereich elektronischer Musik und das bereits in den siebziger Jahren. Damit sind sie der Zeit einen Schritt voraus. Sie sind Vorreiter und repräsentieren Techno bereits zu einem Zeitpunkt, an dem der Begriff nicht einmal existiert. Beschnitten um den politisch-kritischen Charakter dreht sich im Techno alles um den Beat, das Tanzen, das Lösen. Und die Drogen. »Man kann davon ausgehen, dass fünfzig bis sechzig Prozent des Publikums bei einer Clubnacht ›drauf‹ sind. Die Verbindung von Drogen und elektronischer Musik ist ein offenes Geheimnis, das aber alle Beteiligen als Geheimnis hüten«, so Albert Koch.[5] Was für den Rock Bier ist, sind in der Technoszene MDMA und Ecstasy. Einfach weil es passt. Der DJ Chris De Luca, der in den Neunzigerjahren zu einem der einflussreichsten Acts im Bereich der »Intelligent Dance Music« gehörte, sagt über den revolutionären Spirit des Techno in einem Interview mit Albert Koch, die Neuheit bestehe vor allem in den technischen Möglichkeiten. »›Neu‹ in der Musik bedeutet heute, dass man die Dinge neu kombiniert – aber das ist eben nicht richtig neu; es sind alte Sachen, die aufgewärmt und neu interpretiert werden«.[6] Und wie jedes Phänomen ist auch Techno bald nicht mehr neu und lediglich einer subkulturellen Untergrund-Szene bekannt, sondern wird Trend und differenziert sich bis heute in immer neue Unterarten, von Industrial, Dub-Techno bis Goa. Techno ist nicht einfach mehr nur Techno.

»Es wird immer weitergehen, Musik als Träger von Ideen«[7]

Alle bedeutenden Untergrund-Phänomene befinden sich im stetigen Fluss. Was zunächst als Revolte einer Subkultur zu eigen ist und vom Mainstream abgelehnt wird, zieht immer mehr Kulturschaffende an. Diese beteiligen sich an der zunächst radikalen Kunst. Wenn sich genug Anhänger finden, wird aus einer radikalen Haltung kultureller Fortschritt und irgendwann Normalität. Die nun mainstreamisierte Kultur provoziert wiederum zur Radikalisierung, was vor allem in der heutigen Zeit eine schier unüberblickbare Zahl an Subgenres und Untergrundszenen nach sich zieht. Stets steht das Streben nach individueller Identität im Vordergrund. Identität, die durch eine gemeinsame, von der Mehrheit abweichende Haltung mit passender Uniform Ausdruck findet. Doch je mehr Kulturschaffende beteiligt sind, desto mehr wird aus der vermeintlichen Individualität eine Schein-Individualität. Gleiche Kleidung, gleiche Meinung, gleiches Sein, was in der heutigen Hipster-Gegenwart seinen Höhepunkt findet. Die Grenze von Underground und Overground verschwimmt. Und muss vielleicht auch gar nicht festgelegt werden. Adam Green erklärt in einem Interview, wenn man in der Öffentlichkeit Musik mache, wolle man auch, dass sie gehört werde, von Leuten, denen sie gefalle[8] – ob nun in der breiten Masse oder in der Subkultur.

Charlotte Roche, die mit der Sendung Fast Forward von 1998 bis 2004 auf VIVA eine Plattform für Bands der Independent-Szene bot – was früher Untergrund war, ist heute Indie – differenziert zwischen dem alten und dem neuen Indie. Das alte Indie umfasst »Bands, die nicht erfolgreich sind, und Musik, die auf kleinen Labels veröffentlicht wird, in kleinen Vinylauflagen. Bands, die ihr Leben lang auf Tour sind und immer in gleich kleinen Hallen spielen«.[9] Und dann gibt es noch »das schicke Indie, das hippe Indie«[10], das Indie, das nur schwer vom Mainstream abzugrenzen ist. Untergrund ist das Spiel mit Identität und Individualität. Das sind neue Ideen, die sich gegen das Bestehende wenden. Der Untergrund ist da, man muss ihn nur suchen. Und wenn nicht, findet jedes größere Phänomen seinen Weg ans Tageslicht. Was klein anfängt, wird irgendwann groß. Was Ausdruck von etwas ganz Eigenem ist, wird Teil eines stets herrschenden Konservatismus, so dass eigentlich nur die eine Frage bleibt: Was ist da noch Individualität?

Dieser Beitrag entstand im Zusammenhang mit unserem Heft #31, das sich ganz dem Thema »Untergrund« widmet. Näheres dazu gibt es hier.



[1] Benjamin von Stuckrad-Barre (2016): Panikherz. Köln: Kiepenheuer & Witsch. S. 112.

[2] Albert Koch (2007): Fuck Forever. Der Tod des Indie-Rock. Höfen: Koch International GmbH/ Hannibal. S. 14 f.

[3] Thomas Gottschalk & die Besorgten Väter: What happened to Rock and Roll? In: golyr. http://www.golyr.de/thomas-gottschalk/songtext-what-happened-to-rock-and-roll-50836.html (Stand: 09.September 2016).

[4] Kraftwerk (1986): „Techno Pop“ in Electric Café. Kling Klang.

[5] Albert Koch (2007), S. 143f.

[6] Ebd. S. 138.

[7] Kraftwerk (1986): „Techno Pop“ in Electric Café. Kling Klang.

[8] Vgl. Albert Koch (2007), S. 92.

[9] Ebd. S. 157.

[10] Ebd.

 

 

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