Nachruf auf die Tabakspfeife

Viele große Autoren haben Pfeife geschmaucht, weiß Manfred Poser, der ebenfalls am Abend seinen Kocher nicht ausgehen lässt

Auch ein Pfeifenraucher: Vilém Flusser (Foto: orange-press)Ein heißer Sommertag an der Côte d’Azur. Der belgische Romancier Georges Simenon hat sich vier Pfeifen gestopft, die nun vorbereitet in einem Gestell neben der Schreibmaschine auf ihn warten. Dann zieht er die Vorhänge zu, schenkt sich einen Genever ein und fängt zu schreiben an, denn Kommissar Maigret soll an einem nebligen Abend in Belgien einem Fall nachgehen, der auf einem Schiff spielt. Der Autor hört, wie das Wasser an die Bordwand klatscht ...

Max und Moritz
Max und Moritz, die Bösen, präparieren die Pfeife des verhassten Lehrers Lämpel.

 

Die handelnden Personen

Kommissar Maigret war natürlich auch ein besessener Pfeifenraucher. Meine Lieblingsseiten betrafen immer das ausgedehnte Abschlussverhör, das bis zur Erschöpfung aller Beteiligten dauerte. Zwischendurch riss der Kommissar, nehme ich an, einmal kurz das Fenster seines Büros auf und ließ sich vom Bistro unten Bier und Sandwiches kommen. Das war alles so sinnlich und doch einfach geschildert, dass man plötzlich selber Lust auf ein Sandwich und ein Bier bekam und das für das beste Gericht der Welt hielt. Kein Wunder, dass der Verhörte nach wenigen Stunden schon einknickte: Eingenebelt von Maigrets Tabak müssen ihm die Sinne geschwunden sein. Heute würde er den Gerichtshof für Menschenrechte anrufen wegen Folter. Als Günter Grass vor vielleicht sieben Jahren in Rom in der Casa di Goethe ein Buch vorstellte, ließ ich es mir signieren und bemerkte beiläufig, dass ich ebenfalls Pfeifenraucher sei. »Ach«, erwiderte er etwas resigniert, »wir werden immer weniger.« Der einzige Tabakhändler in Müllheim (Baden) räumte vor einigen Monaten alle seine Pfeifen weg. Er verkaufe kaum mehr welche, meinte er, die Jungen rauchten alle Shisha – die orientalische Wasserpfeife – und die anderen höchstens noch Zigaretten. Die ungeheure Rauchentwicklung der Pfeife ist heute natürlich anachronistisch und gilt fast schon als Körperverletzung. Früher wurde das hingenommen, ohne mit der Wimper zu zucken. Blicken wir zurück. Pfeife rauchten: Johann Sebastian Bach, Ernst Bloch, Raymond Chandler, Jacques Derrida, Friedrich Dürrenmatt, Albert Einstein, William Faulkner, Vilém Flusser, Max Frisch, Jens Gerlach, Vincent van Gogh, Carl Gustav Jung, Immanuel Kant, Paul Klee, Heinrich von Kleist, Golo Mann, Fritz Reuter, Bertrand Russell, Helmut Schmidt, Mark Twain, Herbert Wehner. Noch rauchen dürfen: Bill Bryson (bekannt vom Bibliotheken-Engel), Siegfried Lenz. Nur Männer. Die zweite große literarische Rauchergestalt ist Sherlock Holmes. Er war manchmal morgens schon mit der langen Lesepfeife von Doktor Watson anzutreffen und rauchte, wenn er sich langweilte, schon mal am Tag ein Päckchen Tabak weg. Holmes nahm aber auch Kokain und Morphium zu sich, was damals noch nicht verboten war. Sir Arthur Conan Doyle (1859–1930), der Medizin studierte, schuf mit Sherlock Holmes die Urgestalt des wissenschaftlich arbeitenden, dabei auch seine Kreativität einsetzenden Kriminalisten, wofür ihm ein Lehrer der Universität als Vorbild diente.

 

Das Fensterbrett des rauchenden Autors (Foto: Manfred Poser)
Das Fensterbrett des rauchenden Autors (Foto: Manfred Poser)

 

Das Objekt

Sprechen wir über die Pfeife. Den Tabak brachte Sir Walter Raleigh nach Europa; vor 1500 gab es da keine Pfeifen. Die Tabakspfeife fasste vor allem in Ländern mit kühlem Klima Fuß: in Deutschland, den Niederlanden, Dänemark, auf den britischen Inseln. Die besten Pfeifenmacher gibt es traditionell in Dänemark, dessen Tabake – auch aus Tradition – süß sind. Das Gegenteil sind die englischen Mischungen: Sie riechen nach Räucherschinken, und wer nie geraucht hat, kann sich nicht vorstellen, welchen Genuss sie bieten. (Gerade rauche ich »Early Morning Pipe« von Dunhill, den Lieblingstabak von Max Frisch.) Die Friedenspfeife rauchen. Bei den Lakota-Indianern hieß die zeremonielle Pfeife Chanunpa, und der Schamane Black Elk erläutert: »Cha ist ein Holz, Nunpa ist zwei. Der Pfeifenkopf repräsentiert die ganze Welt. Der Stiel verkörpert den Baum des Lebens.« Der Stein gilt als das Weibliche, der Stiel als das Männliche: »Also sind Mann und Frau in der Chanunpa miteinander vereint.« Pfeife rauchen war immer ein Ritual, eine Zeremonie. Das Objekt der Begierde ist fast ein Fetisch. Ich besitze 20 Exemplare, es waren auch schon einmal 30, und die teuerste Pfeife ist eine Davidoff für 400 Franken; stopfen; anzünden; die ersten Züge tun. »Pfeifenraucher sind ruhige Menschen.« Wie oft habe ich das gehört! – Dabei bin ich überhaupt nicht ruhig; manche Pfeifenraucher möchten gerne ruhig sein, darum rauchen sie. Langsam ziehen, das diszipliniert die Atmung, nachstopfen, ruhig bleiben; rauchen, wie man atmet. Es gibt sogar Wettbewerbe: 5 Gramm Tabak, ein Streichholz, wer kann am längsten?

 

Vilém Flusser (Foto: orange-press)
Auch ein Pfeifenraucher: der große Kommunikationsphilosoph Vilém Flusser (1920–1991). Am 14. Mai wäre er 90 Jahre alt geworden. (Foto: orange-press, Freiburg)

 

Warum?

Pfeifenraucher sind Genussmenschen – oder besser: Menschen, die den langen Genuss (Pfeife und Bier/Wein) dem kurzen Kick (Zigarette und Whisky) vorziehen. Sicher haben sie auch ein besonderes Verhältnis zum Olfaktorischen: Sie riechen und schnüffeln gern; Düfte bedeuten ihnen viel. Und das Ritual bedeutet ihnen viel. Es verselbständigt sich. Ich schreibe meist von zehn Uhr abends bis Mitternacht. Kühles Bier eingießen, Pfeife entzünden: Das ist der Startschuss. Dann geht es eigentlich nicht mehr ohne. Das ist Sucht. Kürzlich las ich wieder einmal auf einer Serviceseite (vermutlich bei Yahoo oder Microsoft), um wie viel man sein Leben mit den Lastern Tabak und Alkohol verkürzt. Hat sich schon jemand Gedanken darüber gemacht, wie viel Leben dadurch gerettet wird, weil es ohne diese Laster quälend wäre? Ich rauche, weil ich rauchen muss. Robert Musil (Zigarettenraucher) schrieb einmal, er lebe, um zu rauchen. Wenn die Pfeife gefüllt ist und dampft, beginnt eine frische Zeit; der Tabak glimmt, ich lege die Beine auf den Schreibtisch hoch, sehe den Rauchschwaden nach – und bin außerhalb der Zeit. Der sinkende Tabakstand in der Pfeife aber gemahnt daran, dass alles einmal zu Ende geht. Ich stopfe nach; doch irgendwann ist sie nur noch auszukratzen. Finito. Als wir in St. Gallen einzogen, forderte ich, in meinem Arbeitszimmer rauchen zu dürfen; so kompromisslos sind wir. Man raucht, weil man meditativ schreiben will, doch drängt einem die Pfeife auch einen Rhythmus auf; so wie sie nicht ausgehen soll, schreibt man auch weiter und hält sich nicht auf; es muss weitergehen, und auch das stetige Summen des Computers unterhalb gibt einem eine Bewegung mit. Aber das muss kein Nachteil sein.

 

(Übrigens habe ich beim Verfassen dieses Textes des öfteren irrtümlich »ruachen« geschrieben statt »rauchen«. Irrtümer sind kreativ. Ruach Elohim ist der Geist Gottes, der über den Wassern schwebte. Ruach Hakodesh ist in den hebräischen Schriften der Ausdruck für göttliche Inspiration, den Heiligen Geist, der zwischen Stimme und Sprechen vermittelt. Dies ist dem Buch Sefer Yetzirah zu entnehmen, in dem 1990 Aryeh Kaplan diese heilige Schrift interpretierte. Das Wort Ruach ist weiblich. Der Heilige Geist könnte ebenfalls weiblich sein. Das würde mir auch besser gefallen.)

Lieber Manfred, deine

Lieber Manfred,

deine Ausführungen haben mich an eine Zeit erinnert, in der ich die gleichen Empfindungen insbesondere bei kreativen Arbeiten hatte. Aber es ist nun mal eine Sucht. Ich habe schon vor langer Zeit das Rauchen aufgegeben. Vielleicht hast Du doch mal Zeit für einen Besuch, dann kannst Du meine alten Pfeifen von früher mitnehmen - gerade die eleganten Savinelli-Pfeifen aus Italien.

Gruß Dieter

Einer der amüsantesten

Einer der amüsantesten literarischen Texte zum Pfeiferauchen stammt von Ilja Ehrenburg: "13 Pfeifen" (Malik 1930, Suhrkamp 1978). U. a. wird dort "geklärt", warum man zum Pfeiferauchen geboren ist. Sehr kurzweilig. Freundliche Grüße, J.S.

Lieber Manfred, sehr

Lieber Manfred, sehr anregend, Dein Loblied auf die Pfeife. Man möchte gleich zum Pfeifenraucher werden. Hatte auch einmal ein paar Pfeifen in meiner münchner Zeit. Hab's aber nie zu einem Dutzend gebracht. Was mir aber geblieben ist: eine lebhafte Erinnerung an die schmauchenden Geräusche. Und die Düfte natürlich. Wenn wir uns das nächstemal sehen, möchte ich ein Pfeifchen vorgeschmaucht kriegen von Dir. Auf bald also Rolf

 

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