Nationalsozialistischer Okkultismus?

Manfred Poser über Sektierer und Spinner im Umfeld der braunen Machthaber

Schon 1960 waren die ersten Bücher über den angeblichen okkulten Hintergrund der Nazis auf den Markt, etwa Le matin des magiciens von Pauwels/Bergier. Man suchte nach Erklärungen – und fischte im Trüben.

In Zeiten der Revolution

Die Vorbereitung meines Beitrags zum Gral und der Religion führte mich zu dem Buch Ecclesia spiritualis von Ernst Benz (1934). Schon die ersten Zeilen der Einleitung sind vielsagend:

»In Zeiten der Revolution führt die Betrachtung der alltäglichen Ereignisse zu einer Erkenntnis [...]. Mit dem Vordringen und dem öffentlichen Sieg eines neuen politischen oder nationalen Selbstanspruchs und eines neuen Zeitbewusstseins verschiebt sich immer auch das Geschichtsbild. Alte Götter und Götzen stürzen ... «

Da springt einer auf einen Zug auf, dachte ich, und bringt in der antiklerikalen Stimmung der nationalsozialistischen Zeit ein Buch unter, das den Kampf der franziskanischen Spiritualität gegen die Amtskirche verherrlicht. Später las ich, dass Benz, 1907 in Friedrichshafen am Bodensee geboren und 1978 nebenan in Meersburg gestorben, nach seiner Habilitation im Fach Kirchen- und Dogmengeschichte 1933 Mitglied der SA wurde, 1935 Professor in Marburg, 1937 Mitglied der NSDAP. Hat 50 Bücher und 500 Artikel geschrieben, unter anderem über den Naturforscher und »Seher« Emanuel Swedenborg.

 

Das Hakenkreuz, linksläufig, auf der Piazza Armerina, Sizilien (Foto: Manfred Poser)
Das Hakenkreuz, linksläufig, auf einem Mosaik auf der Piazza Armerina, Sizilien. (Foto: Manfred Poser)

Dann fand ich in einer anderen Einleitung – von Johannes Bumüller zu Das Nibelungenlied, der deutschen Jugend erzählt, 1931 in 4. Auflage im Missionsverlag St. Ottilien erschienen – die folgenden Sätze:

»Die Treue wird unter allen Umständen bis in den Tod gewahrt. Eine herrliche deutsche Heldengestalt ist Siegfried, kühn, mutig, selbstlos, ohne Falsch, voll edler Liebe zu seinen Eltern und seiner Gattin. Diese echt deutschen Tugenden sind auch für uns noch nachahmenswert, um so mehr, als sie bei unserem schwächlichen Geschlechte immer mehr verschwinden.«

Freie Bahn für Wirrköpfe

Die Nazis dann gaben mit ihrem unausgegorenen Geschwurbel und ihren nächtlichen Spektakeln allen geheimen Hoffnungen von einer neuen Zeit, einer Spiritualisierung des Lebens Nahrung, der sogar Intellektuelle wie Heidegger und Benn zum Opfer fielen. Plötzlich hatten alle möglichen Wirrköpfe Oberwasser; es war ja überhaupt eine Bewegung der Zukurzgekommenen und Schaumschläger. Hörbigers Welteislehre stand gegen die Hohlwelt-Theorie, die Hexenverfolgung wurde erforscht, Astrologie und Rutengehen hatten Konjunktur, bis 1934 handstreichartig alle astrologischen Bücher verboten wurden. Heinz Höhne schrieb in seinem Buch Der Orden unter dem Totenkopf:

»Seit dem 30. Januar 1933 lag über dem deutschen Staatsapparat ein dichtes, verknäultes Netz hierarchischer Rivalitäten und Kompetenzen, und dieses Netz galt es erst einmal zu durchdringen, wenn man im Deutschland Adolf Hitlers Macht ansammeln wollte.«

Er sprach von einem »Regierungssystem, das ebenso unberechenbar war wie irgendein orientalisches Sultanat«. Dieses Chaos herrschte überall. Da hatte der Gral ebenso Platz wie die Gedanken einer arischen Geschichte im Fernen Osten, die zu Ernst Schäfers Tibet-Expedition 1938 und 1939 führten. Nach dem Ersten Weltkrieg tummelten sich in München und in Wien nicht ungefährliche Sektierer und Spinner, die mit ihrem rechten Gedankengut Hitler beeinflusst haben mochten. Da waren der Freiherr Rudolf von Sebottendorf, Gründer der Thule-Bewegung, Professor Karl Haushofer mit seiner Geopolitik, der Lebensraum im Osten wollte, und Jörg Lanz von Liebenfels mit seinen Predigten zum Ariertum. Edgar Dacqué, dessen Werke Hitler verschlungen haben soll, hatte in seinem Buch Umwelt, Sage und Menschheit (1924) das hochpathetische Vokabular jener Zeit zu bieten: »Es sollte gelingen, die äußere Empirie der Wissenschaft mit der Innenschau des Sehers zu vereinigen und eine Brücke zu schlagen zwischen dem unvergorenen Osten und dem ausgereiften Westen.« Ja, und »die uralt lichte Dämonie, die im Opfertod liegt«!

Okkulte Machenschaften

Über das Hakenkreuz sind einige Bücher geschrieben worden. Dietrich Bronder erwähnt in seinem Buch Bevor Hitler kam, die Swastika leite sich von swasti ab, das auf Sanskrit Glück bedeute:

»Es galt den Buddhisten als ein Glück weissagendes Zeichen. Wird es linksgeflügelt gezeichnet, so verheißt es Aufstieg und Entstehung, Geburt und Glück – während es in seiner rückläufigen Form, rechtsgeflügelt, auf Niedergang, Vergehen und Tod hinweist. Ausgerechnet in der letzteren, dämonisierten Stellung hat sich Hitler sein Parteisymbol aufreden lassen ...«

 

Die Swastika in Indien (Foto: Gianni Gallina)
Die Swastika in Indien, rechtsläufig? Von der anderen Seite betrachtet, linksläufig, ist sie richtig und bringt Glück. (Foto: Gianni Gallina)

Dann das Ahnenerbe, ein von Herman Wirth gegründetes »Forschungsinstitut für Geistesurgeschichte«. Heinrich Himmler, Freund des Okkulten, gliederte es 1940 der SS ein, und fast 50 Unterabteilungen (»Forschungsstätten«) der dubiosesten Art entstanden. Himmler gab als Losung aus, die Aufgabe des Ahnenerbes sei es, »Raum, Geist und Tat des nordischen Indogermanentums zu erforschen und die Ergebnisse in klarer, einfacher Form dem deutschen Volk zu vermitteln«. Da durfte Himmler seinen Wünschen freien Lauf lassen, aber das war nur eine Laune; es wurde von »Kindern des Lichts« orakelt und die SS-Uniform wies allerlei rätselhafte Kennzeichen auf, so dass dem allen okkulte Hintergründe unterschoben werden konnten. Später jedoch ging es zielbewusst nur noch um die Aufrüstung, die Eroberung von Lebensraum im Osten und die Auslöschung der Juden, und das wurde unerbittlich durchgeführt. Darum muss man Autoren zu Wort kommen lassen, die sich nicht von Spekulationen beeindrucken lassen. Höhne schreibt über die Angehörigen der SS:

»Sie waren in den Orden der doppelten Sigrune eingetreten, denn er befriedigte zwei alte Sehnsüchte der Deutschen: einer militärischen Gemeinschaft anzugehören, die Ruhm, Sicherheit und den Glanz martialischer Spiele versprach, und Teil einer geheimen Elite zu sein, eines allmächtigen Konventikels, konnten sich doch viele Deutsche unter Politik und Regierung nichts anderes vorstellen als die Herrschaft okkulter Mächte, geheimer Zirkel und grauer Eminenzen. Der schwarze Orden erfüllte solche Tagträume; wer in die SS eintrat, wurde gleichsam über Nacht zum Herrn der Nation, zum Mitglied einer den nationalsozialistischen Staat tragenden Sekte auserwählter Edelmenschen.«

Peter Orzechowski meint in Schwarze Magie, braune Macht (1987), Hitlers Interesse am Okkultismus sei »über eine anfängliche Neugier wohl nicht hinausgewachsen«. Seine magische Religiosität schloss auch Handlungen wie Pakt und Beschwörung ein. »Belegbar ist jedoch, was Hitler unter Religion verstand: den Vollzug der von Gott festgelegten Bestimmung. Er, Hitler, sei dazu berufen, das deutsche Volk über seine Bestimmung als Herrenvolk aufzuklären.« Was dann geschah, ist nicht dem Wirken dunkler Mächte zuzuschreiben. Die Unmenschlichkeit wurde mit bürokratischer Gründlichkeit durchexerziert. Weil Böses angestrebt wurde – weil Menschen zu »Untermenschen«, zu Nicht-Menschen erklärt wurden –, musste sich alles ins Gegenteil verkehren: Opfer wurden zu Mittätern gemacht, Ärzte wurden zu Mördern, Mörder erklärten ihre Morde für nötig, und viele Menschen zerbrachen sich den Kopf, wie man den Vernichtungsprozess noch effektiver gestalten könnte. Im Kontext einer perversen Logik schienen die Schritte voraussagbar. Mag es logisch gewesen sein, so war es doch eine irre Logik. Im Falschen wird alles falsch. 1942 entstanden die Todeslager Bełżec, Sobibór und Treblinka. »Für die Existenz dieser Lager gab es im NS-Staat keine Vorbilder, und es dürfte in der gesamten Menschheitsgeschichte keine Vorbilder dafür gegeben haben«, schreibt Laurence Rees in seinem Buch Auschwitz.

 

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