Dunkle Phantasien für lichte Momente

Die Neuausgabe von Gérard de Nervals Aurelia legt einen vergessenen Klassiker frei

Gewöhnlich endet das Träumen mit dem Aufwachen. Was aber, wenn man nicht mehr aus ihm erwachen kann? Gérard de Nerval beschreibt diesen Zustand in seinem autofiktionalen Text Aurelia und zeigt, ehe die Surrealisten ihm nacheifern, wie der Traum zu einem zweiten Leben wird. Auch wenn er das mit dem eigenen Leben bezahlen muss, gelingt ihm damit ein Bericht, der einen bei aller Verwirrung durchaus in seinen Bann zieht.

Träume haben für uns nichts Beängstigendes mehr. Wir erzählen uns beim Frühstück oder im Straßencafé ganz unbefangen von den paar Fetzen, die in der vorangegangenen Nacht an den groben Widerhaken unseres des Erinnerungsvermögens hängen geblieben sind, suchen nach ihren Auslösern, befragen sie nach ihrem Sinn. Irgendwie werden sie sich schon ineinander fügen, ein Muster ergeben, uns etwas über uns verraten: was uns antreibt, was uns fehlt. Und wie schnell ist die aufgetragene Beunruhigung über das eigene Innenleben verflogen, wenn sich erst herausstellt, dass der Partner, der Kollege oder Freund eine ganz und gar andere Deutung bereithält. Alles halb so schlimm. Ich brauche vor mir keine Angst zu haben. Eigentlich auch Humbug, diese Traumdeuterei. 

Was aber, wenn der Traum zum »zweiten Leben« wird? Wenn er sich nicht mehr von klaren Gedanken unterscheiden lässt? Für den Erzähler in Gérard de Nervals Aurelia werden Traum und Wirklichkeit eins und geben nicht nur Auskunft über die Verfasstheit des eigenen Ich, sondern über das kosmische Ganze. Bedeutungsvolle Hausnummern verheißen schreckliches Unglück, man wird Zeuge mythischer Schlachten, ferne Planeten und Monde greifen ins irdische Geschehen ein. Doch erlebt der Erzähler nicht nur die Wirklichkeitsebene als gedoppelt, auch er selbst muss sich furchtsam fragen: »Wer aber war nun dieser Geist, der ich und zugleich ein anderer war?«. Damit antizipiert Nerval das donnernde »Je est un autre« Rimbauds, was vielleicht dazu beigetragen hat, dass seine Aurelia zu einem prägenden Werk für die traumversessenen Surrealisten werden sollte. Ist es da Zufall, dass Aragon einen seiner großen – wenn auch längst nicht mehr surrealen – Romane Aurélien nennen wird?

Keine einfache Lektüre

Als streng genommen romanhaft ist der Text Nervals hingegen nicht zu charakterisieren, weshalb die Gattungsbezeichnung auf dem Einband der äußerst gelungenen, ästhetisch anspruchsvollen Ausgabe der Reihe Bibliothek der Nacht irreführend ist. Aurelia ist rund 100 Seiten kurz, entwickelt keine klar zu umreißende Handlung und versucht allenfalls ansatzweise, die Erzählinstanz vom Verfasser abzuheben. Thomas Ballhausen, der Herausgeber der Neuedition, weist in seinem Nachwort ganz zu Recht auf den autofiktionalen Charakter des Werks hin und schon Jean Giraudoux nannte Aurelia ein »leidenschaftliches Vorwort zum Suizid« ihres Autors, in dessen Kleidung man das Manuskript bei der Identifikation des Leichnams gefunden haben will.

Vergegenwärtigt man sich die tatsächlichen Qualen, die der zuletzt stark psychisch kranke Nerval beim Verfassen seines poetisch aufgeladenen Krankenberichts hat ausstehen müssen, so geht von all den düsteren Traumbildern ein geradezu entsetzlicher Schrecken aus. Immer wieder ist von Schuld und Verzeihung die Rede, ohne dass je ausgesprochen würde, welcher Vergehen sich das reuige Erzähler-Ich schuldig gemacht hätte. Die unglückliche Liebe, von der alles seinen Ausgang nimmt, bleibt nur ein Hinweis, erklärt aber keinesfalls seine ganze innere Verheerung. Doch dass Nervals Träume uns wieder das Fürchten lehren, ist nicht der Grund, warum das Buch auf dem Nachttisch eigentlich (›Bibliothek der Nacht‹ hin oder her) nichts verloren hat. Der nur schwer zugängliche Text bietet kaum Orientierung; will man seinen vielen Verästelungen nachgehen, sich ihnen verstehend nähern, dann braucht es schon einen sehr wachen Geist und viel Muße zum Vor- und Zurückblättern. Diesem Traum muss man mit weit geöffneten Augen begegnen.

Gérard de Nerval: Aurelia oder Der Traum und das Leben. Wien: Edition Atelier, 2016. 124 Seiten. ISBN:978-3903005228. Preis: 16,95 Euro.

 

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