Vom Aufstand und Fall der kleinen Titanen

Nescio erzählt vom Hochmut der Jugend, ihrer Verletzlichkeit, ihren Träumereien und dem ewigen Konflikt zwischen Wollen und Sollen

Seit mehr als einem halben Jahrhundert gelten Nescios Erzählungen außerhalb der Niederlande als Geheimtipp, obwohl seine einfache, schöne Sprache so zugänglich wie vergnüglich ist und sein Werk ein literarisches Kleinod der Weltliteratur bildet. Nescio weiß zwar keinen Ausweg aus dem Dilemma seiner Figuren, aber er schafft es, einen zum Lachen zu bringen und am Ende beinahe zu Tränen zu rühren. Eine neue Übersetzung lädt ein, diesen Zauber zu entdecken.

Es gibt einen Typus junger Männer, die eine wahnsinnige Begabung fürs Faulenzen besitzen, fürs Herumlungern, Zeitverschwenden und dafür, das Geld anderer auszugeben. Die andere Seite bilden Armut, Langeweile und Radikalverweigerungen. Holt die Realität so jemanden schließlich ein, endet das selten gut. Die Erzählungen des Niederländers Nescio sind Geschichten über solche Konfrontationen. Er erzählt von jungen Amsterdamern um die Jahrhundertwende, deren Leben vom schwelenden Konflikt zwischen den eigenen Idealen und den gesellschaftlichen Zwängen geprägt ist. Sie alle fühlen sich in der bedrückenden Enge des kleinbürgerlichen Alltags, mit seiner Notwendigkeit einen ›respektablen‹ Brotberuf ergreifen zu müssen, irgendwie fehl am Platz und scheren aus. Ihre einzigen Lebensoptionen scheinen Anpassung, Wahnsinn oder Tod zu sein.

Trotz dieser Ausweglosigkeit sind Nescios Geschichten voll von unbändigem, aufmüpfigem Freiheitsgefühl, jugendlichem Übermut und kindlicher Unschuld. Nescio erzählt mit einer unvergleichlich lakonischen, nonchalanten Ironie, leichtem Wehmut und großer Sympathie für seine etwas größenwahnsinnigen, aber liebenswürdigen Grünschnäbel. So sind seine Erzählungen auch nach über hundert Jahren noch immer unverbraucht und originell. Hinter dem Pseudonym Nescio (lateinisch für »Ich weiß nicht«) verbirgt sich der 1882 geborene Exporthändler Jan Hendrik Frederik Grönloh. Er blieb fast bis zu seinem Tod 1961 unbekannt. Berühmt ist er heutzutage vor allem für die drei Erzählungen Der Schnorrer, Kleine Titanen und Kleiner Poet, die zwischen 1911 und 1917 entstanden und in einer neuen Übersetzung bei Suhrkamp versammelt sind, die diesen Herbst erschienen ist.

»Am besten ist es, wenn ich still sitze, bewegen und denken ist was für dumme Menschen«

Die erste Geschichte Der Schnorrer erzählt von Japi. Er ist der Freund des Malers Bavink und des angehenden Schriftstellers Koekebakker. Über Japi sagt Koekebakker, er habe abgesehen »von dem Mann, der die Sarphatistraat für den schönsten Ort in Europa hielt, nie jemanden gekannt, der wunderlicher war als der Schnorrer«. Bavink nimmt ihn zu sich, als ob er einen Straßenhund auflese. Bis zum Schluss weiß niemand seinen Nachnamen. Er lässt sich alles gefallen, weil er alles nimmt, wie es kommt. Warum man überhaupt arbeiten und Ziele im Leben haben sollte, ist ihm völlig schleierhaft, er will bloß am Ufer sitzen und aufs Wasser schauen. Über sich selbst sagt er, er »übe [s]ich im Verlöschen«, denn er könnte »nichts und deshalb tat er auch nichts«. Das hält ihn nicht davon ab, »immer auf anderer Leute Rechnung« zu leben, seinen Freunden die Schränke leer zu essen, ihre Zigarren zu rauchen, ihren Alkohol zu trinken, das Geschirr zu zerdeppern oder sich Kleidung und Bücher auszuleihen ohne je etwas zurückzubringen.

Trotz des Humors ist Japi eigentlich die tragischste Figur der Erzählsammlung. Da jemand wie Japi, der sich darauf versteht »die wohlmeinenden, zivilisierten Holländer in ihre Schranken zu weisen«, schnell aneckt und sein Lebensprinzip, anderen die Haare vom Kopf zu fressen, nicht lange gut gehen kann, bleibt das Ende für jemanden, der sich im Verlöschen übt, denn auch nicht aus. Nach einer unglücklichen Liaison mit einer verheirateten, schwindsüchtigen Französin und einer Belgienreise, während der er das Elend der Fabrikarbeiterfamilien erlebt, kommt er völlig abgehalftert, enttäuscht und ernüchtert zurück. Er schnorrt nicht mehr und gibt dem andauernden Druck seines Vaters, der ihm zwischenzeitlich eine Anstellung beschafft hat, nach. Zwei Jahre rackert er sich in Afrika ab und kommt »halbtot« wieder. Am Ende geht Japi still und leise von der Waalbrücke bei Nimwegen ins Wasser.

»Es war eine wunderliche Zeit. […] Für uns allerdings ist sie lange vorbei«

Die zweite Erzählung Kleine Titanen spielt wieder im Kreis Koekebakkers, Bavinks und ihrer Freunde Hoyer, Kees und Bekker. Koekebakker, der nach sechs Jahren im Ausland zurück ist, erzählt rückblickend von ihrem damaligen Leben, den langen Sommerausflügen in die Natur, ihren endlosen Gesprächen und Nachtschwärmereien, von der ersten Liebe, vom Bedürfnis einfach nur ›raus‹ zu müssen und ihrem Spott für jene »gewichtigen Herren […], die so viel zu tun haben und glauben, sie hätten es ordentlich zu was gebracht«. So würden die ›kleinen Titanen‹ nie werden. Sie proben den Aufstand. Am Ende kommt natürlich alles anders:

Jungs waren wir – aber nette Jungs. Wenn ich das so sagen darf. Wir sind jetzt viel klüger, erbärmlich klug sind wir, abgesehen von Bavink, der ist durchgedreht. Was wollten wir nicht alles besser machen. Wir würden denen schon zeigen, wo’s lang geht. Wir, das waren wir fünf. Alle andern, das waren ›sie‹. Die, die nichts kapierten und nichts sahen. […] Ein Held bin ich jetzt nicht mehr. […] Aber damals, in den Tagen unserer Torheit, waren wir die Auserwählten Gottes, ja Gott selbst.

Bis auf Bavink, der an seiner Malerei zerbricht und in die Heilanstalt muss, hat sich jeder auf seine Art mit der einst verhassten Gesellschaft arrangiert: Hoyer erbt reich, gibt das Malen auf und wird »Parteibonze bei den Sozialdemokraten«, Bekker dichtet nicht mehr, geht als Makler bankrott und wird irgendwo Bürohocker und der etwas dumme Kees leert Münzautomaten. Koekebakker zieht sich ins Private zurück; manchmal wird er melancholisch, im Großen und Ganzen aber hat er seinen Frieden mit den wilden Zeiten geschlossen:

Gottes Thron wankt noch nicht. Seine Welt geht ihren Gang. Ab und zu muss Gott über die gewichtigen Herren lächeln, die sich wer weiß was einbilden. Neue Titanen schichten schon wieder kleine Felsbrocken auf, um Gott aufs Abstellgleis zu schieben und die Welt endlich nach eigenem Belieben einzurichten. Da lacht er und denkt: »Bravo, Jungs, so närrisch ihr auch seid, ihr seid mir doch lieber als all die sauberen, vernünftigen Herren. Tut mir leid, dass ihr euch das Genick brechen müsst und ich die Herren gedeihen lassen muss, aber ich bin auch nur Gott.« Und so geht alles seinen Gang, und wehe dem, der fragt: Warum?

»Einmal ein großer Dichter sein und dann […] fallen«

Der kleine Poet handelt vom jungen Lyriker Eduard, der »Gedichte im Stil von Heine« schreibt und dessen Leben ihn langweilt, obwohl er alles hat, was man sich wünschen kann: ein sorgenfreies Leben mit seiner liebevollen, schönen Frau Coba, einer kleinen süßen Tochter und seiner Karriere. Doch ist der größte Wunsch des ›kleinen Poeten‹ seit seiner Jugend die »Welt einmal in Erstaunen zu versetzen«,ein »großer Dichter zu sein und dann zu fallen«. Sein poetisches und erotisches Verlangen erfüllt sich in Form von Dora, seiner Schwägerin, die ihn seit ihrer Pubertät insgeheim liebt. Sie hilft ihm, seinen Roman »Dschingis Khan« zu redigieren und in ihrer letzten schwülen Sommernacht geschieht, was geschehen muss: Sie schlafen miteinander. In Folge der Ereignisse verfällt Eduard in Wahn und stirbt. Am Ende haben die Leute, gegen die schon die ›kleinen Titanen‹ verloren, in »Delft oder Oldenzaal […] alle völlig recht behalten«, sie wussten immer schon, dass der kleine Poet »garantiert nie ganz bei Trost gewesen« sei. Die stillen Heldinnen sind die Schwestern Coba und Dora. Nescio versteht es, ihren Alltag, ihre Anstrengungen und Sehnsüchte einfühlsam und authentisch zu erzählen.

Nescio: Werke. Aus dem Niederländischen von Christiane Kuby und Herbert Post. Mit einem Nachwort von Cees Nooteboom. Berlin: Suhrkamp 2016. 196 Seiten. ISBN: 978-3-518-22497-7. 22 Euro – auch als E-Book erhältlich.

 

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