Nicht von dieser Welt

Foto: Christoph Verbrüggen; künsterische Gesaltung: Lars HenkelEs gibt Abende, an denen scheint einfach alles zu stimmen. Abende, an denen man das Gefühl nicht los wird, dass schlichtweg jede noch so kleine Nuance im Bühnengeschehen auf keinen Fall hätte anders aussehen oder klingen dürfen. Dies sind jene seltenen Momente im Leben eines Zuschauers, in denen man einfach nur rufen möchte: »Verweile doch! Du bist so schön!«

Geschlagene dreizehn Jahre kennen sie sich schon. Dreizehn Jahre, in denen Meret Becker und Ars Vitalis zwar immer wieder für gemeinsame Produktionen zusammentrafen, sich jedoch nie zu einer gemeinsamen Tournee aufraffen konnten. Immer wieder schien es, als sei der Augenblick endlich gekommen. Gemeinsam arbeiteten sie im Nachtsalon der »Bar jeder Vernunft«, andauernd produzierten sie für Bühne, Funk und Fernsehen, und obwohl sie sogar zusammen im zweiten japanischen Fernsehen bei einer Silvestergala auftraten, mussten die Freunde des gepflegt Grotesken weiter darben.

Was sie nun doch dazu bewegte, mit ihrem musikalisch-kabarettistischen Programm »Harmonie Desastres« durch die Republik zu tingeln? Man weiß es nicht – doch das lange Warten hat sich gelohnt. Denn selten ließ sich zauberhafter im Absurden schwelgen, nie vortrefflicher im Paradoxen schwimmen!

Die Vier passen einfach zusammen. Sie harmonieren in jedwedem Sinne vortrefflich. Musikalisch irgendwo zwischen Zirkusorchester und 20er-Jahre-Kabarett angesiedelt, entführen die drei älteren Herren mit Unterstützung Frau Beckers ihr Publikum in eine funkelnde Fantasiewelt. Sachte intonieren sie Besinnliches ebenso wie virtuos Krachendes, verknoten musikalische Fäden zu absurd harmonischen Klangteppichen und wirken trotz manch roncalliesker Geste nie zuckersüß oder anbiedernd.

Foto: Christoph Verbrüggen; künsterische Gesaltung: Lars HenkelStets auf der Suche nach der ehrlichen Improvisation lassen Ars Vitalis und Meret Becker ihr Publikum vergessen, dass jenes soeben Gehörte bereits etliche Male vorher geprobt und präsentiert worden ist. Sie schaffen die perfekte Illusion des Augenblicks, den optimalen Glanz des Willkürlichen. Kaum vorstellbar, dass Becker die Anekdoten und Späßchen, die sie zum Besten gibt, einstudiert und kalkuliert haben könnte, dass ihre surrealen Pointen nicht allein dem Geist des Abends entsprungen sind. »Alice im Wunderland« wirkt gegenüber den schrägen Einfällen dieses großen Quartetts der Groteske aus wie eine biedere Hinterwäldlerin auf Ketamin.

Doch nicht allein durch ihren Einfallsreichtum beeindrucken Ars Vitalis und Becker, sondern vielmehr durch schiere musikalische Präsenz. Quer durch die Geschichte des Liedes hangelt man sich von Klassiker zu Gassenhauer, verquickt Hans Eisler mit Friedrich Holländer, haucht zwischendurch Henry Mancinis »Moon River« und singt abstrus große Kaninchen in den Schlaf. Dass Frau Becker gelegentlich zum Colt greift, Fischlis aus einem Zylinder ins Publikum wirft und dem chinesischen Staatszirkus mit rückgratbrechender Akrobatik Konkurrenz macht, verzückt und beeindruckt gleichermaßen, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede Bühnenaktion nur den Rahmen liefert, einen i-Punkt setzt auf die dargebotenen musikalischen Virtuositäten.

Nach vier Zugaben hinterlassen sie ein gänzlich verzaubertes Publikum – und einen Rezensenten, der sich willig und berauscht nach dieser Nummer zu allem überreden ließe. Welch Glück, dass Künstler nur selten Ambition zum Staatsstreich haben. Meret Becker und ihren drei Herren würde man überall hin folgen.

 

Harmonie Desastres. Kabarett und Musik von Ars Vitalis & Meret Becker.
Aufführung am 25.03.2006 im Pantheon, Bonn.
Weitere Termine unter www.meretbecker.de bzw. www.arsvitalis.de (wo übrigens zahlreiche Songs zum kostenlosen Download zur Verfügung stehen)

(Foto: Christoph Verbrüggen; künsterische Gesaltung: Lars Henkel)

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!