Gauner, Ganoven und Gangster

Martin Thomas Pesl steckt 100 Bösewichte der Weltliteratur unter einen Buchdeckel

Was zeichnet eigentlich einen Schurken aus? Worin liegt der Reiz des Bösen? Fragen wie diese stellen sich ganz automatisch, wenn man Das Buch der Schurken. Die 100 genialsten Bösewichte der Weltliteratur liest. Damit nicht genug: Neben interessanten Erläuterungen zum Bösen in der Literatur, liefert das humorvolle Lexikon auch spannende Lektüre-Tipps. Doch Achtung: An einigen Stellen läuft man hier einer Spoiler-Gefahr entgegen!

»Im achtzehnten Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden. Er heißt [...]«  An dieser Stelle haben bestimmt schon einige den richtigen Riecher und wissen, welchen Schurken der Wiener Autor Martin Thomas Pesl durch dieses Zitat einführt. Es ist Jean-Baptiste Grenouille, der Protagonist in Patrick Süskinds Roman Das Parfum. Neben ihm finden noch 99 weitere Schurken und Schurkinnen ihren Platz in Pesls jüngstem Werk, das den neugierig machenden Titel Das Buch der Schurken. Die 100 genialsten Bösewichte der Weltliteratur trägt.

Wer es in die Top 100 geschafft hat, sei so Pesl eine subjektive Entscheidung gewesen. Wichtig sei nur, das pro Autor lediglich ein Schurke den Einzug erhält, was das Fehlen einiger prominenter Vertreter erklären kann. Es soll eine abwechslungsreiche Mischung aus bekannten und unbekannten, männlichen und weiblichen, verschiedene Sprachen sprechende und aus unterschiedlichen Regionen und Zeiten stammenden Schurken sein. Unterteilt werden diese in zwölf Kategorien und dementsprechende Kapitel. Neben den Gierigen finden sich Rachsüchtige, Berserker, verrückte Wissenschaftler, aber auch Ungreifbare und Erziehungsberechtigte wie Heidis Fräulein Rottenmeier. Wem diese Auswahl etwas befremdlich erscheinen mag, dem wird der Autor mit dem Wort »Moralapostel« entgegentreten. Oftmals sind es die Moralapostel, die den Helden durch das strikte Einhalten ihrer Regeln und Werte, entgegenstehen, dabei muss nicht immer gleich ein Mord geschehen.

Kurt Cobain der größte Fan Grenouilles

Jedem Bösewicht widmet Pesl, der zudem als Kulturjournalist, Lektor, diplomierter Übersetzer und Sprecher tätig ist, eine Doppelseite. Auf der linken Seite: Ein passend ausgewähltes, fett gedrucktes Zitat aus dem jeweiligen Roman sowie eine Illustration von Kristof Kepler. So mancher Schurke bekommt hier einen neuen Anstrich verliehen, der nicht mit dem gängigen, durch diverse Verfilmungen und Darstellungen verfestigten, Bild übereinstimmt. Auf der rechten Seite: Ein amüsanter Steckbrief, der den Leser beispielsweise darüber informiert, dass Kurt Cobain Grenouilles größter Fan gewesen sei. Zudem eine Abhandlung des Schurken oder der Schurkin mit teilweise sehr aktuellen Bezügen und Informationen zu Erscheinungen weiterer Autoren, Verfilmungen oder Serienproduktionen. Währenddessen tauchen immer wieder ganz grundsätzliche Fragen zu den Bösewichten auf: Was ist überhaupt die Definition eines Schurken? Was macht den Reiz des Bösen aus? Seit wann und warum ist das Böse nicht mehr klar vom Guten abzugrenzen? Wieso ist der Großteil der Schurken und auch Autoren männlich? Wie wirkt sich Freuds Psychoanalyse auf die Gestaltung der Schurken aus? Warum tauchen zu Kriegszeiten erstaunlich wenige literarische Schurken auf? Wieso finden sich viele Schurken in der Kinder-und Jugendliteratur?

Eine recht knapp ausfallende Antwort auf diese Fragen bietet vor allem das Vorwort des Lexikons. Hier bekommt der Leser beispielsweise gezeigt, wie sich das Bild des Schurken im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Vom Moralapostel zum Wahnsinnigen, über den Psychopathen mit Weltherrschaftsphantasien bis hin zu reichen Schnöseln und armen Gaunern. Das Buch der Schurken ist ein humorvolles, in lockerem Ton geschriebenes Lexikon, das den Leser zum Blättern einlädt, bei Altbekanntem verweilen, aber auch Neues entdecken lässt, interessante Fragen und Aspekte nennt, über die vermutlich viele weitere Werke und Abhandlungen geschrieben werden könnten. Wer sich eine detaillierte, wissenschaftliche Abhandlung zu all den Bösewichten der Weltliteratur erhofft, wird enttäuscht und muss weiter auf ein solches Werk warten. An Inspiration und neuen Leseideen wird jedoch ein jeder fündig. Doch Achtung: An einigen Stellen läuft man hier einer Spoiler-Gefahr entgegen!

Martin Thomas Pesl: Das Buch der Schurken. Die 100 Bösewichte der Weltliteratur. Wien: Edition Atelier, 2016. 244 Seiten. ISBN 978-3-903005-15-0. 19,50 Euro – Auch als E-Book erhältlich.

 

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