»Weil wir viel zu sagen haben«

Interview mit dem Autor und Filmemacher Peter Krištúfek

Damit die europäische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts nicht unvergessen bleibt, hat sie der slowakische Autor und Filmemacher Peter Krištúfek in seinem zuletzt erschienenen Buch einfach aufgeschrieben. Am 8. Dezember ist er damit im Rahmen von »Literatour d'Europe. Neue Texte aus Europa« zu Gast im Literaturhaus Bonn. Im Gespräch mit uns erläutert er nicht nur, wie es zu diesem Werk gekommen ist, sondern zeigt auch auf, dass das kulturelle Leben der Slowakei mehr Aufmerksamkeit verdient.

Der slowakische Schriftsteller und Regisseur Peter Krištúfek wurde 1973 in Bratislava geboren. Er studierte Regie. Für seine filmischen Arbeiten, die auf mehreren europäischen Festivals gezeigt wurden, wurde er in der Vergangenheit bereits vielfach ausgezeichnet. Er schreibt zudem Drehbücher, Kurzgeschichten und Romane. Einige seiner kurzen Texte sind auch schon in deutscher Übersetzung erschienen. Zuletzt veröffentlichte er 2012 den Roman Dom hluchého, der inzwischen auch außerhalb der Slowakei unter dem Titel The House of the Deaf Man bekannt ist. In der Familiensaga beleuchtet er das letzte Jahrhundert der Slowakei und folgt den Spuren, die die Weltgeschichte im sozialen Gefüge einer Kleinstadt hinterlassen hat. Eine deutsche Übersetzung ist bereits in Planung. Wir haben die Gelegenheit genutzt, ihn vor seiner Lesung am 8. Dezember in Bonn zu interviewen.

Kritische Ausgabe: Vor vier Jahren haben Sie den Roman Dom hluchého veröffentlicht. Sie erzählen die Geschichte von Adam, der sich von dem Haus, aus dem er sich bisher nicht befreien konnte, verabschieden will. Es ist nicht nur eine Geschichte der Emanzipation, sondern auch ein Roman über die slowakische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts. Weshalb interessieren Sie sich so für die Vergangenheit?

Peter Krištúfek: Gewöhnlich sage ich als Witz, dass mein Buch das misslungene Experiment ist meine Familiengeschichte darstellt. Zunächst habe ich wirklich nur für mich die Erzählungen meiner männlichen Vorfahren gesammelt, weil ich wissen wollte, welche Antworten sie auf die Wendepunkte in der slowakischen, tschechoslowakischen, aber auch europäischen Geschichte im 20. Jahrhundert gefunden haben. Ich wollte nachzeichnen, wie ich auf ihre Antworten reagieren würde.

K.A.: Gab es jemanden, an dessen Sicht auf die Geschichte Sie besonders interessiert waren?

Krištúfek: Ich war vor allem an den Erzählungen meiner Großväter interessiert, die aber schon nicht mehr am Leben waren, als ich das Buch schrieb. Ich habe ihre Geschichten von meinem Vater, meiner Mutter, von Freunden oder aber von Zeitzeugen. So wurde das, was ich aufschreiben wollte, um andere faszinierende Erzählungen bereichert. Darüber hinaus spielte aber auch meine stark ausgeprägte Fantasie eine Rolle.

K.A.: Und ist Ihnen bei der Recherche etwas Besonderes aufgefallen?

Krištúfek: Ja, ich habe beobachtet, wie sich Menschen willentlich auf Geschichte einlassen, sie aber auch an sich reißen und öffentlich lügen. Ein schönes Beispiel dafür ist die angebliche Beziehung zwischen Neonazismus und Russophilie in der Slowakei. Deshalb entschied ich mich auch dazu dieses Buch zu schreiben. Ich bin gespannt auf den Erfolg, den es nicht nur in der Slowakei haben wird. Mein Roman ist in viele Sprachen übersetzt worden. Er gibt bereits eine englische Übersetzung The House of the Deaf Man, auch in den Niederlanden, in Polen sowie im arabischen und afrikanischen Sprachraum ist das Buch erhältlich. Eine deutsche Übersetzung ist auch in Vorbereitung.

Gegen das Vergessen der Geschichte

K.A.: In Ihrem Roman spielen auch politische Prozesse eine Rolle. Wie betrachten Sie die aktuelle Situation in Europa? Müssen sich Schriftsteller in diese politischen Debatten einbringen?

Krištúfek: Ja, aber den bedeutenderen Teil dieser Diskussion sollten sie den Politikern überlassen. Schriftsteller sollten sich in ihrem Schreiben ausdrücken. Ich meine damit keinesfalls journalistische Texte, sondern Romane, Gedichte oder aber auch Kurzgeschichten. Die gegenwärtige Lage Europas ist nicht gut, weil Menschen die Geschichte vergessen haben. Auch das ist ein Grund, weshalb ich Dom hluchého geschrieben habe.

K.A.: Sie verfassen nicht nur Erzählungen und Romane, sondern arbeiten auch als Regisseur und Drehbuchautor. Wie entscheiden Sie, welcher Stoff für welches Medium geeignet ist?

Krištúfek: Es ist niemals eine rationale Entscheidung. Ich fange einfach an zu schreiben und dann stellt es sich heraus. Außerdem ist die Lage, in der sich die slowakische Kinoszene befindet, nicht gerade einfach, weil wir nicht allzu viel Geld haben. Ein Buch gibt dir mehr Freiheit und auch mehr Raum. Ein Roman kann eine längere Geschichte erzählen, während eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht eher metaphorisch arbeitet und zuspitzt. Das ist alles, was ich im Hinterkopf behalten muss.

K.A.: Vor fünf Jahren erschien ihr Film Visible World. Es ist ein Psychodrama, das in einer Wohnsiedlung in Bratislava spielt. Sie erzählen die Geschichte von Oliver, einem einsamen Mann um die 40, der in seiner Arbeit den Luftraum beobachtet. Er wirkt isoliert und gelangweilt. Um seine Zeit mit Inhalt zu füllen, wird er zum Voyeur, der seinen Nachbarn nachspioniert. Das ist nicht nur ein Stück über die Grenzen zwischen Hölle und glücklichem Leben, sondern auch eine Studie über Observationen. Können Sie das mit Ihrer eigenen Tätigkeit als Autor und Regisseur vergleichen?

Krištúfek: Das gilt für mich nur teilweise, auch wenn ich selbst Voyeur und Sammler unbeabsichtigt gefallener Wörter, Dialoge und Szenen bin. Mein Protagonist Oliver hat ganz andere Gründe. Er sieht das Glück der Anderen und will es sich aneignen und stehlen. Das ist das entscheidende Thema dieser Geschichte. Ich selber spioniere nicht. Meine Grenze ist die Beobachtung und das schmerzlose Entwenden fremder Geschichten, die ich manchmal für ein Buch oder aber einen Film verwende.

Für ein Gefühl der Freiheit

K.A.: Einer Ihrer ersten Filme ist über den slowakischen Musiker Dezo Ursiny. Sie selber machen aber auch Musik. Welche Rolle spielt sie für Ihr kreatives Schaffen? Gibt es da Verbindungen?

Krištúfek: Musik nimmt aktuell weniger Platz in meiner Arbeit ein als früher. In der Vergangenheit habe ich auch die Musik für meine Filme komponiert. Besonders wichtig ist es mir aber in der Gruppe zu musizieren. Die Improvisation mit einem anderen Musiker oder aber einer Gruppe ist entspannend und gibt ein Gefühl der Freiheit und Genugtuung. Das gilt besonders dann, wenn man einfach spielt ohne es aufnehmen zu wollen oder aber ohne ein Publikum zu haben.

K.A.: Hören Sie denn Musik, während Sie schreiben?

Krištúfek: Ja, das mache ich. Das unterstützt meine Konzentration. Ich höre vor allem Minimal und Ambient Music, wie zum Beispiel Harold Budd und Steve Reich.

K.A.: Slowakische Literatur und Filme sind nahezu unbekannt in Deutschland. Was sollte man unbedingt über das kulturelle Leben der Slowakei wissen. Gibt es etwas, das man unbedingt gesehen oder gelesen haben muss neben Ihrem Werk?

Krištúfek: Es gibt sehr viele inspirierende Dokumentarfilme, die auch auf wichtigen internationalen Filmfestivals Berücksichtigung finden. Insbesondere Namen wie Marko Škop, Peter Kerekes, Ivan Ostrochovský oder Jaro Vojtek sind hier zu nennen. Mit Blick auf die Literatur würde ich Bücher über die Geschichte von Mitteleuropa empfehlen, die sehr ähnlich ist wie die deutsche Geschichte. Ein interessanter Autor ist Pavol Rankov. Ich wünschte mehr slowakische Bücher würden ins Deutsche übersetzt, weil wir viel zu sagen haben. Wir haben auch eine interessante moderne und experimentierende Musikszene. Das kulturelle Leben der Slowakei ist durchaus reich, es mangelt aber an Geld.

K.A.: Vielen Dank für das Gespräch!

Die Kritische Ausgabe begleitet die Lesereihe »Literatour d’Europe. Neue Texte aus Europa« des Literaturhauses Bonn und der Vertretung der Europäischen Kommission in Bonn als Medienpartner und knüpft damit an ihr langjähriges Engagement bei der Lesereihe »Reading Europe. Neue Autoren aus Europa« an, die von 2006 bis 2013 in Bonn ebenfalls regelmäßig europäische Autoren präsentierte.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!