Platos Höhle

Manfred Poser über die Wirklichkeiten des »Qualitätsjournalismus«

Diesen Begriff hat die F.A.Z. anscheinend für sich erfunden, und nun müssen alle an die Front mit dem Kampfruf »Rettet unser Haustier«, den Qualitätsjournalisten, und man hört schon das Klingeln des Beutels. Wenn es darum geht, ihren Status zu verteidigen, lassen die Krieger schon einmal vom Qualitätsjournalismus ab und malen mit den schwärzesten Farben. Am 11. Mai erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Beitrag von Miriam Meckel, Professorin in St. Gallen, der »In der Grotte der Erinnerung« betitelt ist und den »Qualitätsjournalismus« preist. Diesen Begriff hat die F.A.Z. anscheinend für sich erfunden, und nun müssen alle an die Front mit dem Kampfruf »Rettet unser Haustier«, den Qualitätsjournalisten, und man hört schon das Klingeln des Beutels. Wenn es darum geht, ihren Status zu verteidigen, lassen die Krieger schon einmal vom Qualitätsjournalismus ab und malen mit den schwärzesten Farben. Der Titel bezieht sich auf einen Roman von Philip Roth (»Die Empörung«), und zitiert wird folgende Stelle: »Körperlos in dieser Grotte der Erinnerung, erzähle ich mir rund um die Uhr in einer uhrenlosen Welt immer wieder meine eigene Geschichte und habe dabei das Gefühl, dies schon seit Millionen Jahren zu tun.« Das Neue werde im Internet »simuliert als Ergebnis der innovativen Verlinkung von Altbekanntem«. Es gebe ein Programm, das »immer Gleiches rekombiniert, um es uns als Wirklichkeit zu präsentieren«. In ihrem Eifer, den Qualitätsjournalismus zu verteidigen, wird die Autorin ziemlich redundant, was aber dem Thema angemessen ist. Bald seien wir »gefangen in einer Zeit- und Inhaltsschleife der fortwährenden Reproduktion und Rekombination des immer Gleichen«, und Berichterstattung von Laien beruhe auf der »permanenten Reproduktion und Neukombination von vorhandenen Informationen, wie sie im Netz längst üblich ist«. Danke, das genügt. Mehr muss man daraus nicht zitieren. Als ehemaliger Qualitätsjournalist der dpa (lange her) und jetziger Internetpublizist und Blogger muss ich hier grundsätzliche Antworten finden. Frau Meckel kann natürlich die Nähe der Rothschen »Grotte der Erinnerung« zu Platos Höhle im bekannten Höhlengleichnis nicht entgangen sein; da sitzen wir, in unserer Höhle, und es werden uns Schatten an die Wand geworfen, die wir für die Wirklichkeit halten. Ist, was die Autorin in ihren sich wiederholenden Satzschleifen uns einprägen will, nicht genau unsere Welt, Qualitätsjournalismus hin oder her? Was ist denn wirklich neu? Wer das Neue lobt, klingt, als müsse er ein Produkt verteidigen. Gut, es gibt nicht oft einen Tsunami oder einen Börsencrash, aber 90 Prozent der News von heute sind Informationen, bei denen man nur die Namen austauschen muss, und gleich ähneln sie News von 1987, 1995 oder 2006. Wir sind in der Tat gefangen in einer Zeit- und Inhaltsschleife der fortwährenden Reproduktion und Rekombination des immer Gleichen. Die Welt ist so, weil die Menschen wenig originell sind, und die Journalisten hecheln da hinterher und berichten getreulich darüber – wo es darum gehen müsste, kritisch zu sein und Akzente zu setzen, neue Blickwinkel zu wagen und etwas zu hinterfragen. Doch das trauen sich die Journalisten nicht. Und halten sie das, was sie uns präsentieren, für die Wirklichkeit? Wer ist überhaupt noch so naiv, von »Wirklichkeit« zu sprechen? Diese Wirklichkeit, die die traditionellen Medien uns präsentieren, sind Wahlkampagnen, Konferenzen, Bankengeschichten ... Es ist Wirklichkeit »von oben«. Der Erfolg der Doku-Soaps und der Auswanderer-Geschichten im Fernsehen zeigt, dass die Zuschauer auch eine Wirklichkeit »von unten« tolerieren. Wo ist denn der engagierte, unbequeme Journalismus? Er hat sich stillschweigend verabschiedet, und Qualitätsjournalismus heißt, einem Redakteur ein Flugticket nach Sevilla zu spendieren, damit er gemütlich von den Osterprozessionen berichten kann. Nochmals: Die Wirklichkeit der Medien, die sie uns an die Wand projizieren, ist die Wirklichkeit von Politikern, Bankern und Autobossen, und das Neue, was sie uns vorgaukeln, ist nur alter Wein in neuen Schläuchen. Doch bei Frau Professor klingt es so, als glichen Nicht-Zeitungsleser Troglodyten. Schon gehört, dass man aus Büchern etwas lernen kann? Aber in der Konsumwelt muss man das eigene Produkt für unabdingbar erklären und den Rest schnell abtun. So entledigt sich der Qualitätsjournalismus, um seine Pfründe zu retten, auch flugs des bürgerlichen Bildungsballasts; rette sich, wer kann, und nach uns die Sintflut. (Ich glaube nicht, dass Adorno und Heidegger viel Zeitung gelesen haben.) Ähnlich verquer ist, was Felix Salmon am 8. Mai im Magazin der Süddeutschen Zeitung über Blogs schrieb: Warum sie in Deutschland nicht funktionieren können; in zehn Punkten. Das ist eine wunderschöne Auflistung von Vorurteilen über Deutsche: In Deutschland sei man fixiert auf Status und Hierarchie (Punkt 1); Qualifikationen zählten mehr als alles andere (2); die Stimme des Volkes werde selten respektiert (3); Menschen in Deutschland seien karrierefixiert, was beim Bloggen hinderlich sei (4); Deutsche hätten viel Angst, sich zu blamieren und etwas falsch zu machen (5); sie seien methodisch und umfassend, viel zu exakt fürs Bloggen (6); Deutsche gierten nach Ansehen, als Blogger aber sei man Außenseiter (7); deutsche Professoren würden nie bloggen wie es amerikanische tun (8); Deutsche arbeiten nur für Geld (9); Deutsche lieben ihre Ferien, und Blogger kennen keine Ferien (10). Vermutlich war das provozierend und satirisch gemeint, doch so haben wir wieder einmal die Ansichten gehört, die über uns Deutsche kursieren. Daran ändert sich wohl wenig, denn Salmon ist erst 37 Jahre alt. Ist das die Wirklichkeit? Sind wir so? Dazu noch einmal Frau Meckel: »Diese Informationen machen es möglich, uns in einer komplexen Lebenswelt zu orientieren, uns der eigenen Zugehörigkeit zu dieser Welt zu vergewissern, indem wir uns aus einem Informations- und Themenfundus bedienen, der diese Komplexität reduziert und Momente der gesellschaftlichen Verständigung generiert.« Ja, Komplexität reduzieren, das kann Journalismus bestens. Er blendet einfach das Unangenehme aus, und schon passt es. Und die »Momente der gesellschaftlichen Verständigung«? Ein solcher Moment kann auch sein, wenn ich meiner Nachbarin sage: »Morgen gibt’s super Wetter.« Das kostet nichts, und die F.A.Z. brauche ich dazu nicht.

Guter Artikel, und gut

Guter Artikel, und gut beobachtet. Das immer Gleiche: Wo gibt's das heute nicht? Für Altbekanntes werden einfach neue Namen erfunden: In der Wirtschaft wird Arbeitslosigkeit mit "Human Ressource Management" umschrieben; braucht der Staat Geld, wird eine "Gesundheitsreform" verabschiedet; für das, was sich früher von allein verstanden hat, muss heute ein "Ethikkodex" her. Die Beispiele gehen alle stark in eine Richtung, aber es ist ja so: Es geht nur noch darum, möglichst viel Geld mit möglichst wenig Aufwand zu machen. Und dass die Nachrichten, die sich ja sowieso immer wiederholen, einfach in ökonomischer Effizienz ausgetauscht werden, ist dann nur wirtschaftlich konsequent. Vielleicht sollten sich die Journalisten auf einen anderen Bereich besinnen und "Qualitätsblogger" werden? Oder wie wäre es mit "Connected Content Creative Conducter"?

MfG
Rosa

Hallo Manfred, Danke für

Hallo Manfred,

Danke für deinen Artikel, der mir aus der Seele spricht. Das, was aktuell an "professioneller" journalistischer Leistung in den Medien zu beobachten ist, ist kaum noch zu ertragen. Der Verfall der "Qualität" seit den 70 ´er Jahren ist unbeschreiblich.

Grüße Dieter

 

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