»Solange die Menschen über sich selbst lachen können, ist noch nichts verloren«

Alek Popov spricht in Bonn über Bulgarien und Europa

Die Lesereihe Literatour d’Europe. Neue Texte aus Europa wird bereits seit drei Jahren von der Regionalvertretung der Europäischen Kommission in Bonn zusammen mit dem Literaturhaus Bonn veranstaltet. In der fünften Lesung am vergangenen Freitagabend war der bulgarische Autor Alek Popov zu Gast. Er unterhielt das Publikum humorvoll und mit einer ansteckenden Leichtigkeit. Neben Berichten über sein Heimatland Bulgarien und dessen Verhältnis zum westlichen Europa sorgten auch seine persönlichen Lebensweisheiten für einen besonderen Abend.

2018 ist das »Jahr des kulturellen Erbes« mit dem Fokus auf Literatur, Archäologie aber auch Sitten und Gebräuche verschiedener Kulturen. Wie passend, dass an diesem Abend der bulgarische Autor Alek Popov im Rahmen der Veranstaltungsreihe Literatour d’Europe. Neue Texte aus Europa im Literaturhaus Bonn zu Gast ist, um über sein Heimatland Bulgarien zu sprechen. Popov wurde 1966 in Sofia geboren, ist studierter Bulgarist und war als Kulturattaché der bulgarischen Botschaft in Großbritannien und Nordirland tätig. Er schreibt Romane, Kurzgeschichten, Essays und Drehbücher. Die Werke Mission London, sein erster Roman, welcher 2010 verfilmt wurde und zu den erfolgreichsten Filmen in Bulgarien zählt, Die Hunde fliegen tief, Für Fortgeschrittene und Schneeweißchen und Partisanenrot wurden in den Jahren 2006-2014 von Alexander Sitzmann in die deutsche Sprache übersetzt. Popovs Erzählungen handeln überwiegend von Bulgarien, sowohl in der Vergangenheit als auch Gegenwart. Mit satirischem Humor erzählt er von der Geschichte und Kultur aber vor allem der Beziehung des Landes mit dem Westen.

Popov bestreitet den Abend nicht alleine. Neben ihm sitzt nicht nur sein Übersetzer Alexander Sitzmann, sondern auch der Schauspieler Dennis Laubenthal. Er beginnt mit der Rezitation eines Ausschnitts aus Popovs Werk Für Fortgeschrittene, einem Sammelband von Kurzgeschichten. In der Geschichte Auf der Insel der Koprophagen geht es um die vermeintliche Lösung für die Hungersnot im Osten. Der Westen geht den Kampf gegen Hunger mit einer direkten Methode an: in den Osten wird buchstäblich »Scheiße geliefert«, um damit die Menschen zu versorgen und das Problem der fehlenden Nahrungsmittel endgültig zu bewältigen. Die Konsequenzen sind überraschend. Während die Menschen im Osten zufrieden sind und plötzlich mehr Zeit haben sich kulturell zu entwickeln, dreht sich im Westen alles nur noch darum, in Massen zu essen, um »so viel Scheiße wie möglich nach Osten zu liefern«. Im Osten wächst der Anteil an Philosophen, Dichtern, Malern, Künstlern und Wissenschaftlern und es werden neue Talente entdeckt, im Westen hat der Druck der Immigration aus dem Osten abgenommen und das Leben dort wird immer sicherer. Um dies beizubehalten, gibt es eine Ausscheidungspflicht und aus kulturellen Institutionen werden Imbissbuden. Mit anderen Worten verwandelt sich »die zivilisierte Welt in eine gigantische Ausscheidungsmaschinerie«.

Spannung zwischen Ost und West in fiktiver Literatur

Die Stimmung an diesem Abend ist von Beginn an ausgelassen. Popovs Aussagen erzeugen viele Lacher und Zustimmung seitens des Publikums noch bevor sie überhaupt übersetzt werden. Ein Hinweis darauf, dass viele Bulgaren oder bulgarisch sprechende Zuschauer anwesend sind. Über Auf der Insel der Koprophagen sagt er, dass es eine uralte Erzählung über die Spannung zwischen Ost und West sei, die er bereits 1991 oder 1992 intuitiv verfasst hat. Sie spiegelt laut ihm seinen Eindruck vom Westen und Osten während dieser Zeit wider, da vor allem zu Beginn der 90er Jahre eine große Hungersnot in Bulgarien herrschte und die Angst, dass Nahrungsmittel endgültig ausgehen würden, sehr präsent war. Auf die Frage, ob der Text heutzutage schon passé sei, sagt der Autor überzeugt er bliebe »immer aktuell und provokativ«. Vor allem der Punkt, dass der Migrationsdruck aus dem Osten abgenommen habe und die Idee, die Migrationsbewegung zu unterdrücken, sei noch aktuell, so Popov. Außerdem erwähnt der Autor, dass er »als ironischer Mensch kein Freund von Stereotypen« ist, da er diese nicht als sinnvoll, nützlich und wahr empfindet. Zur Asymmetrie der Macht zwischen Ost und West bezieht er auch bestimmt Stellung. Der Osten ist zwar momentan »weniger mächtig« als der Westen, aber nur so lange »bis es sich umdreht«. Popov sagt, dass nichts für die Ewigkeit ist und sich alles immer verändert.

Der zweite Textausschnitt des Abends stammt aus Mission London. Der Roman wurde in 16 Sprachen übersetzt und hat einen teils autobiographischen Hintergrund oder beruht auf, wie Popov es ausdrückt, »first-hand experience« aus seiner Zeit als Kulturattaché in der bulgarischen Botschaft in London. Die Geschichte ist fiktiv, doch der Hintergrund dazu existiert wirklich, was bei Lesern immer wieder für Verwunderung sorgt und fragen lässt, ob die Dinge denn wirklich so geschehen seien. Lange Zeit wollte Popov nicht über das Leben in der Botschaft schreiben, da es ihm immer zu langweilig erschien. Mit der Zeit geschahen jedoch mehr und mehr Vorfälle und Menschen tauchten auf, die ihn zu der Erzählung inspirierten und er konnte der Verlockung nicht widerstehen. Er beteuert, dass er es sich hätte nie verzeihen können, dieses Buch nicht geschrieben zu haben.

»Die Kunst der Selbstironie ist für jedes Volk von großer Bedeutung«

Der Roman ist laut der Einführung Popovs »satirisch, lustig, turbulent« und handelt überwiegend von Bulgariens Wunsch in Europa mitspielen zu dürfen, welcher auch heute noch aktuell ist. Doch in dem Textausschnitt wird deutlich, wie aussichtslos dies tatsächlich scheint. Der Osten empfindet es als nutzlos, sich mit dem Westen zu vergleichen, und ist überzeugt davon, dass, selbst wenn dieser auf sie zurennen würde, er trotzdem nie erreichbar wäre. Popov vertritt die Ansicht, dass Bulgarien bis heute ein gewisses Image transportieren möchte, um sich dem Westen anzupassen. Viele Länder in Osteuropa, besonders im Balkan, behaupten zum Westen zu gehören. Doch Bulgarien liegt im Zentrum des Balkans und hat keinen Ausweg als dies zu akzeptieren - mit einem Schmunzeln fügt Popov hinzu »zumindest irgendwo liegt Bulgarien im Zentrum«. Komplexe sind in jedem Land und Wesen vorhanden, doch diese können sich auch positiv auswirken. Man muss seine Schwächen kennen und darüber lachen können denn »die Kunst der Selbstironie ist für jedes Volk von großer Bedeutung« und gut für die kollektive Psyche.

Der letzte Textausschnitt an diesem Abend stammt aus Popovs Beitrag für das Europa-Heft der Zeitschrift Akzente aus dem Jahr 2016. In dem historisch angehauchten Text Ein Platz an der Sonne setzt sich Popov mit Themen wie Herkunft, Heimat und Zugehörigkeit in Bulgarien und Georgien auseinander. Er bezieht sich auf die sogenannten Protobulgaren, die Ur-Bulgaren. Die Geschichte des Landes wird erzählt in den Wunschträumen des unzufriedenen Bulgaren Ivan, welcher täglich Zuflucht in der Vergangenheit seines Heimatlands und seiner Herkunft findet, während er morgens den Sonnenaufgang betrachtet und über die Geschichte nachdenkt. Zur gleichen Zeit schaut sich ein Georgier immer den Sonnenuntergang an und träumt davon Europa zu bereisen, um seiner aussichtslosen Situation zu entkommen. Er ärgert sich über seine Vorfahren, die nie ihre Urheimat verlassen haben, und wäre zu gerne selbst auf der anderen Seite des Meeres, da dort in Europa alles besser ist - ganz besonders bewundert er, dass Menschen dort frei reisen dürfen, nur mit einem Personalausweis. In Gedanken besucht er Städte wie Wien, Venedig, Rom und Paris und fühlt sich dort zugehöriger als in Georgien - er sieht es als geistige Heimat an und schwärmt jeden Abend solange bis ihn die Realität, der er nicht entkommen kann, wieder einholt - »Die Tür nach Europa beginnt sich langsam, aber unerbittlich zu schließen. Bis zum nächsten Sonnenuntergang«.

Wenn das Menschliche in Vergessenheit gerät

Laut Popov ist es paradox, dass Länder stürmisch beginnen nach ihrer Identität zu suchen, um sich von Europa abzuheben, sobald sie ein Teil davon werden, während jene Länder, die unbedingt in die EU rein wollen, stetig beweisen möchten, wie europäisch sie sind. In Bezug auf die europäische Identität vertritt Popov die Meinung, dass der Westen viel vom Osten lernen kann. Der Osten hat laut ihm eine bessere Vorstellung davon, was Europa ist, da er durch Isolation bewahrt hat, was Europa früher war. Bis heute ist der Osten nicht sehr multikulturell, die Länder sind traditionell und legen viel Wert auf ihre kulturelle Identität. Zudem versuchen sie mit allen Mitteln, diese zu wahren und demonstrieren regelmäßig für ihre Rechte. Auf die Frage, ob Multikulti schädlich sei, antwortet Popov, dass es auf den Grad des Multikulti ankommt. Wenn es zu große Unterschiede zwischen den Menschen gibt, kann eine Gesellschaft nicht funktionieren: von Grund auf sind sich alle Menschen sehr ähnlich, doch der Fokus wird immer auf die Unterschiede gelegt und das Menschliche gerät in Vergessenheit.

Als eine Frage zu nationalistischen Strömungen in Bulgarien, vor allem im Vergleich zur jetzigen Lage in Polen, aufkommt, reagiert Popov gelassen. Der Autor gibt zu, kein Politikbeobachter und nicht auf dem neuesten Stand zu sein, er ist sich jedoch sicher, dass es in Bulgarien nie zu extrem werden wird, denn laut ihm geben sich die eher praktisch denkenden Bulgaren Ideologien nicht so leicht hin. Erneut greift Popov den Aspekt des Humors auf und beteuert in seinem Schlusswort, dass man alles übersteht, solange man das Lachen nicht verlernt: »Solange die Menschen über sich selbst lachen können, ist noch nichts verloren«.

 

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