Postmoderne Untergangsszenarien

Zur Funktion des Theaters heute

Das Ende des Subjekts, das Ende der Geschichte, das Ende der großen Erzählungen, das Ende der Metaphysik, das Ende der Realität, das Ende der Kunst … Untergangsprophezeiungen erleben in der zeitgenössischen Philosophie Hochkonjunktur. In der Diskussion um das Ende der Postmoderne findet das Enden vielleicht ein Ende. Und das Theater? Ebenso wenig wie die Fotografie das Ende der Malerei bedeutete, brachte der Film – trotz gegenteiliger Vorhersagen – das Ende des Theaters. Und das Drama? „Ende, es ist zu Ende, es geht zu Ende, es geht vielleicht zu Ende“, so lautet der frappierende Beginn von Becketts Endspiel. Was hier zu Ende geht, ist das Drama in seiner etymologischen Bedeutung als Handlung: Becketts anti-aristotelisches Drama verzichtet auf eine kausal logische Handlung und differenzierte Figurenpsychologie. Die Negation bestimmter Genrekonventionen geht einher mit der Transformation und Neuerfindung der dramatischen Gattung, nicht aber mit deren gänzlichen Abschaffung. Wo immer also großspurig das Ende verkündet wird, gilt es zu differenzieren.
 

Theater in der Krise?
Wenn Skeptiker nach der Daseinsberechtigung des Theaters heute fragen und damit implizit eine Krise diagnostizieren,  so ist dem zunächst Berechtigung zuzugestehen. Zwei triftige Gründe seien hierfür angeführt: Zum einen hat der Film dem Theater insofern seine spezifische Legitimationsgrundlage entzogen, als er medial zu einer ungleich vollkommeneren Illusionswirkung disponiert ist. Zum anderen lässt sich auch und gerade gegen das zeitgenössische Theater der klassische Ästhetizismus-Vorwurf des l’art pour l’art vorbringen: Man denke an manierierte Stücke wie Fahr zur Hölle, Ingo Sachs von Studio Braun,  JFK von René Pollesch oder Perplex von Marius von Mayenburg – sie sind vortreffliche Beispiele für ein narzisstisches Metatheater, das sich allein um sich selbst bekümmert. Die mittels Fiktionsironie gestörte Illusionierung des Publikums – Brecht ist hierfür das Paradebeispiel – korrespondiert zwar prinzipiell mit einem funktionalen Verständnis von Theater, der gegenwärtige Trend geht jedoch in die gegenteilige Richtung: Das in Berlin grassierende Metatheater gehorcht in seiner Freundlichkeit und leichten Bekömmlichkeit den Gesetzen der Unterhaltungsindustrie. Wo des Weiteren Engagement draufsteht, ist nicht immer Engagement drin: Am deutschen Theater etwa erscheint die systematische Trivialisierung politischer Stoffe am weitesten vorangetrieben: „vergnügliche, zeitgeschichtlich forschende, populärwissenschaftliche, staatsbürgerkundliche Polit-Theater-Revue-Bastelarbeit“ – so charakterisiert der Theaterkritiker Ulrich Seidler die publikumsgefälligen Inszenierungen von Kuttner/Kühnel.
 

Theater als letzte Bastion der Realität im Zeitalter der Hyperrealität?
Zurück zum Ende: Dem postmodernen Theoretiker Jean Baudrillard zufolge leben wir im Zeitalter der Simulation. Die Simulation vernichtet die herkömmliche binäre Leitdifferenz Realität/Fiktion, wonach sich Echtes von Unechtem, Sein von Schein, Wahres von Falschem eindeutig unterscheiden lässt, sie ist „vor jeder Trennung von Realem und Imaginärem“ sicher. „‚Das ist Zirkus‘, ‚Das ist Theater‘, ‚Das ist Kino‘, alte Sprüche, alte, naturalistische Unterscheidungen. Darum geht es jetzt nicht mehr.“ Baudrillard glaubt den Zugang zu einer konkret erfahrbaren Wirklichkeit verloren. Hauptakteure im Simulationsgeschehen sind die Massenmedien. Baudrillard spricht daher auch von der „Hyperrealität der Medien“.
Ausgehend von Baudrillards These vom Ende der Realität lässt sich die Funktion des Theaters bestimmen: Seine heutige Bedeutung liegt gerade in seiner Antiquiertheit begründet. Baudrillard unterscheidet zwischen drei verschiedenen Ordnungen von Zeichen bzw. Simulakren. Das Theater spielt noch in einer heilen Welt: Es gehört der ersten Ordnung von Simulakren, der Ordnung der Imitation an. In dieser Ordnung herrscht ein „spürbarer Widerstreit“, eine souveräne Differenz zwischen Signifikant und Signifikat, theatraler Illusion und Realem. Die Grenze zwischen Fiktion und Realität verläuft im Theater entlang der Grenze zwischen Bühne und Publikumsraum. Mit Iser gesprochen herrscht im Theater – wie auch bei einer Romanlektüre – ein „stummes Wissen“ über die Differenz von Fiktion und Realität. Wir wissen, dass das, was sich auf der Bühne abspielt, nicht die Wirklichkeit ist. Im Metatheater, welches die Grenze zwischen Fiktion und Realität thematisiert, indem es – entgegen dem Illusionsprinzip – seine Künstlichkeit ausstellt, wird dieses „stumme Wissen“ explizit thematisiert. Daraus folgt die paradox anmutende These, dass gerade jenes Theater, welches vordergründig nur mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint, von größter gesellschaftlicher Bedeutung ist. Die soziale Realität ist – soweit wird man Baudrillard in jedem Falle folgen können – medial geprägt und generiert. Das Theater erscheint als letzte Bastion der Realität, weil es die längst obsolete Opposition zwischen Fiktion und Fakt weiter aufrechterhält. In Zeiten der Indifferenz, in welchen nur schwerlich zwischen authentischen und medial produzierten Ereignissen unterschieden werden kann, fungiert das Theater als stabilisierender Faktor, sozialer Schutzraum und letzte Bastion der Realität: Hier können wir uns der Kategorien von Sein und Schein und damit unserer eigenen Realität rückversichern. Hier erleben wir statt virtueller Absenz, reine körperliche Präsenz. Das Theater ist zwar potenziell dazu in der Lage, durch den Einsatz elektronischer Medien virtuelle Präsenz-Effekte zu erzeugen, seine differentia specifica ist jedoch die tatsächliche Präsenz lebendiger Körper.

 

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