Pssst! – Gedenkminute an einen großen Schriftsteller

Raymond Federmans Geschichte einer Kindheit bildet den krönenden Abschluss eines Lebenswerkes
Raymond Federman (Foto: © Weidle Verlag)
Raymond Federman (Foto: © Weidle Verlag)

Raymond Federman wurde am 15. Mai des Jahres 1928 im beschaulichen Montrouge geboren. Die ersten Jahre seines Lebens jedoch spielten sich weitgehend in der französischen Metropole schlechthin ab. Schon als Kind lebte er mit seinen Eltern in Paris, von wo er aufgrund eines furchtbaren Kriegserlebnisses jedoch bald fliehen sollte. Im Jahre 1942 nämlich wurden zahlreiche Razzien durch die französischen Kollaborateure in der Hauptstadt durchgeführt, die zum Ziel hatten, sämtliche Pariser Juden zu erfassen und in Konzentrationslager zu deportieren. Eine dieser Razzien traf auch die Familie Federman. Mithilfe seiner Mutter gelang es Raymond allerdings, sich in einer Abstellkammer versteckt zu halten, während sein Vater, seine Mutter und seine beiden Schwestern von den Polizisten abgeführt wurden um nach Ausschwitz deportiert und später vergast zu werden. Diese traumatische Erfahrung bestimmt das gesamte Werk Federmans. Sein œuvre ist geprägt von der Erfahrung des Holocausts und dem Gefühl der Einsamkeit, aber auch der Auserwähltheit, da einzig er der Deportation und dem sicheren Tode entkommen konnte. Schuld und Verlassenheit sind daher die zentralen Themen in den Romanen des jüdischen Schriftstellers. Trotz des tiefsitzenden Traumas und der stets im Raum stehenden Frage »Warum?« zeugen seine Texte aber auch von Lebensfreude, die er der Nazimacht und seinen Erfahrungen mit derselben gegenüberzustellen vermag. Seine Liebe zum Leben und seine stets bewahrte Kindlichkeit fungieren geradezu als Antwort und als Antithese auf die Greuel des Faschismus, die er am eigenen Leibe erfahren musste.

Aufbruch in die Neue Welt

Bald schon zieht es Federman jedoch ins Ausland. Wie viele andere europäische Juden emigriert er im Jahre 1947 in die USA, wo er sich zunächst mit Gelegenheitsjobs, etwa als Jazz-Saxophonist, verdingt. Später arbeitet er in Tokio als Übersetzer für die US Army, da er sich dadurch ein Stipendium für ein Universitätsstudium erhofft. Nach Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft im Jahre 1953, beginnt er das Studium der Vergleichenden Literaturwissenschaften an der University of Columbia. Im Anschluss an den erworbenen Master of Arts, übernimmt er eine Dozentenstelle an der University of Santa Barbara. Seine Doktorarbeit über den ihm freundschaftlich verbundenen Samuel Beckett folgt fünf Jahre darauf, im Jahre 1963. Auch nach seiner Promotion bleibt Federmann der akademischen Laufbahn zugetan und lehrt zukünftig an der University of New York in Buffalo. Neben seiner Lehrtätigkeit steht für Federman aber vor allem eins im Vordergrund: das Schreiben. Federman sieht sich dabei nicht bloß als Erzähler, sondern auch als Begründer einer neuen Literaturbewegung. In Double or Nothing etwa, gelingt es ihm, Prosa mit konkreter Poesie zu verbinden. In den 70er Jahren kreiert er zudem den Begriff der Surfiction, worunter er Literatur versteht, die die Fragen von konstruierter, bzw. imaginierter Wirklichkeit thematisiert. Sie versucht nicht etwa, die Wirklichkeit so abzubilden, wie sie tatsächlich ist, sondern nähert sich den Ideen der Postmoderne und verschreibt sich vornehmlich der Metafiktion, also der Thematisierung des Schreibprozesses selber. Dies wird vor allem dort deutlich, wo der Autor den Leser mit einbezieht und seine eigene, parallel entstehende Erzählung kommentiert:

Federman, hör auf, uns zu erzählen, daß du uns deine Kindheit erzählen wirst, und erzähle. Du wirst uns nicht wieder Bocksprungprosa machen voller Abschweifungen in den Abschweifungen. Was glaubt ihr denn? Daß ich meine Kindheit chronologisch erzähle? Schön wär's. Ich habe es schon soundso oft gesagt, die Chronologie hält mich auf, und von Logik verstehe ich nichts. Außerdem, was von meiner Kindheit in meinem Kopf übrig ist, das sind nur Bruchstücke, Erinnerungsreste, für die eine Form improvisiert werden muß. Gut, ich versuche trotzdem weiterzumachen.

Auch wenn Federman erst im Alter von 20 Jahren des Englischen mächtig wird, begreift er seine aus der Emigration resultierende Zweisprachigkeit als enormen Zugewinn für sein literarisches Werk. Einige seiner Romane verfasst er auf französisch, andere auf englisch. Gelegentlich versucht er sich selber an den Übersetzungen und bewacht diese aufs strengste. Ähnlich wie sein Freund Samuel Beckett, vermag Federman mit der Sprache und ihren Möglichkeiten zu spielen wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor. So auch in seinem letzten Roman Pssst – Geschichte einer Kindheit.

Krönender Abschluss eines Lebenswerkes

Der Roman bedient sich einer an Laurence Sterne erinnernden Erzählweise, da Federman bewusst auf eine chronologische Darstellung seiner Kindheitserlebnisse verzichtet, um stattdessen rein assoziativ oder in Form von Anekdoten zu berichten. Der Autor erzählt in seinem autobiografischen Roman davon, wie seine Mutter ihn in einer Abstellkammer versteckte, wie er erleben musste, dass seine gesamte Familie von den französischen Kollaborateuren der Gestapo abgeführt wurde, wie er nach einem dunklen und angsterfüllten Tag aus seinem Versteck gekrochen kam, um das Elend und die Verwüstung der Deportation mit anzusehen. Federman erinnert sich in Pssst! aber vornehmlich an die Zeit vor diesem grauenhaften Erlebnis, an das abenteuerliche Leben seines spielsüchtigen Vaters, der zahlreiche Liebschaften pflegte, an die Fürsorge und Liebe seiner Mutter, die ihm zum Geburtstag trotz ihrer Armut einen Schokoladen-Éclair kaufte, an seine beiden Schwestern, die gemeinsam auf dem Küchenboden schlafen mussten. Bemerkenswert ist, wie Federmann es vermag, diesen eigentlich sehr tristen und tragischen Stoff dem Leser verdaulich zu machen, indem er ihn durch zahlreiche Anekdoten komisch zu durchsetzen versteht. Dies tut er mit einer geradezu kindlichen, typisch französischen Leichtigkeit, die man auch bei Autoren wie etwa Eric-Emmanuel Schmitt, Francois Lelord oder Antoine de Saint-Exupéry bewundern kann, da sie schwierige und tiefgreifende Themen mit einer erfrischenden Einfachheit behandelten. Auch Federman bedient sich dieser Légèreté, etwa wenn er von dem ekelerregenden Kackeimer berichtet, der nachts über von der Familie benutzt wird, da sich die Toilette auf dem Hof befindet, und den er allmorgendlich ausleeren muss:

Ach ja, ich werde von diesem Eimer erzählen, er hat so sehr zu meiner Kindheit gehört. Was habe ich nicht jeden Morgen geschimpft, bevor ich diesen ekelhaften Eimer voller Kacke und Pisse hinunterbrachte, und gemault, es sei nicht gerecht, immer ich müsse diese Dreckarbeit machen. [...] Jeden Morgen bin ich also mit diesem Emailleeimer in der Hand die drei Stockwerke hinuntergegangen, um ihn im Abort hinten im Hof auszuleeren. Ich mußte aufpassen, daß ich mich nicht vollspritzte, wenn ich den Eimer ausleerte, sonst hatte ich die Schuhe und die Beine voller Scheiße.

Dieser und ähnlichen Episoden mangelt es an jeglichem Schamgefühl, was aber wiederum die Kindlichkeit und Naivität des Erzählers zum Ausdruck bringt und angenehm authentisch wirkt. Auch die Behandlung eben trivialer Tätigkeiten und Vorkommnisse tragen zu dieser Authentizität des Romans bei und vermittelt die Geschichte der Pariser Okkupation durch die Nazis greifbarer als jedes Geschichtsbuch dies tun könnte. Ähnlich wie in dem Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész oder dem Film Das Leben ist schön von Roberto Benigni wird die Naziherrschaft mit den gutgläubigen und beschönigenden Augen eines Kindes gesehen, welche die Schrecken des Régimes zwar naiv betrachten, ohne jedoch die Greuel des Holocausts zu verharmlosen. Die Löffel-Episode etwa, während derer Raymond feststellen muss, dass die Familie eines Schulkameraden nach der Deportation seiner Familie, das der Mutter so teure Tafelsilber entwendet hat, lässt den Erzähler verstummen und schockiert ihn zutiefst:

MF. Das sind die Initialen, die ich auf dem Löffel sehe. Und plötzlich wird mir klar, daß ich einen Löffel in der Hand halte, der meiner Mutter gehörte. [...] Die Nachbarn und die Leute aus dem Viertel aber, die hatten vor nichts Achtung. Sie haben alles zu sich transportiert, sobald man uns abtransportiert hatte. Und so geriet der silberne Löffel meiner Mutter auf den Eßtisch von Monsieur und Madame Laurent. Ich bin noch einen Augenblick mit erhobener Hand sitzen geblieben und habe auf den Löffel gestarrt. Dann habe ich ihn langsam auf den Tisch zurückgelegt. Ich bin aufgestanden. Ich habe nichts gesagt. Sie waren alle über ihre Suppe gebeugt. Ich stand einen Moment da, dann bin ich gegangen, ohne die Tür zuzuschlagen. Ich habe das beklemmende Schweigen hinter mir gespürt, als ich sie zugemacht habe.

In dieser Episode wird zudem deutlich, dass Federman sich nicht an die gültigen Klischees hält und davon Abstand nimmt, die Welt in Schwarz und Weiß zu zeichnen. Die Nazis etwa werden nicht nur negativ porträtiert, teils sogar, wie etwa auf dem französischen Land, werden sie als durchaus umgängliche Menschen dargestellt, welche die Familie Federmann mit Kohle und Lebensmitteln versorgen, da der Vater Raymonds mehrere Sprachen beherrscht und sich schnell mit ihnen anfreundet. So beschreibt das Kind Federman die Zeit in Argentan als die »wenigste unglückliche Zeit meiner Kindheit« und betont, dass die Familie besser dort geblieben wäre, anstatt nach Paris zurückzukehren. Neben dieser gnädigen und milden Zeichnung einiger deutscher Besatzer, scheint die Darstellung des jüdischen Onkels recht hart und kritisch auszufallen und den typisch antisemitischen Klischees zu entsprechen. Onkel Léon nämlich ist ein Schneider mit äußerst betuchten Kunden. Er ist ein Snob und Geizhals, der die Familie Raymonds zwar in seinem Haus wohnen lässt, sie aber nie zum Essen einlädt oder sie an seinem Reichtum teilhaben lässt. Er zwingt Raymond sogar ab und zu für ihn zu arbeiten, da ein »Dussel« wie er das lernen müsse.

Die Welt in all ihren Schattierungen

Raymond Federman: »Pssst! Geschichte einer Kindheit«Auf diese Weise evoziert Raymond Federman in seinem letzten Roman ein äußerst ehrliches und authentisches Bild, welches sich ganz auf seine Erinnerungen und persönliche Erfahrungen stützt, nicht aber auf die vorgefertigten und gängigen Bilder, die jeder von uns über den zweiten Weltkrieg und seine Ursachen im Kopf hat. Er zeigt auf, dass Gutes und Böses jedem Menschen, jeder Nation, jedem Volk innewohnen und warnt somit vor Pauschalierungen, die versuchen, alles über einen Kamm zu scheren. Pssst! ist ein bemerkenswertes Buch voller Anekdoten, aber auch Traurigkeiten, welches ein facettenreiches Spektrum der 30er und 40er Jahre dieses Jahrhunderts aufbietet und eine völlig neue Sicht auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges ermöglicht, eine Sicht in der nicht bloß eine böse Seite und eine gute existieren, sondern in der sich die Kategorien in jeder Figur aufs Neue vermischen. Sein letzter Roman, ebenso wie das Gesamtwerk Raymond Federmans gemahnt an die grausame europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts, an die Fehlbarkeit jedes Einzelnen, aber auch an die Kindlichkeit und Freude, die jedem Menschenleben innewohnen. Daher wird dieses wundervolle Lebenswerk auch nach Federmans Tod im Oktober letzten Jahres nichts von seiner maßgeblichen Bedeutung verlieren. Federman, Raymond: Pssst! Geschichte einer Kindheit. Bonn: Weidle Verlag, 2008. 200 Seiten. ISBN: 978-3-938803-10-3. 23,– Euro.

... und es wäre natürlich zu

... und es wäre natürlich zu annotieren: der letzte roman von Raymond Federman ist "The Carcasses" (und nicht "Pssst", der im original erst jetzt im märz 2010 erscheint - im märz erscheint auf deutsch erneut, aber überarbeitet "Eine Liebesgeschichte oder sowas"). ... und wer mag, mag Federman lauschen:
search "Raymond Federman - UHV/ABR Reading Series" on youtube.
in toto fast eine stunde ...
best,
volker

Vielen Dank für den

Vielen Dank für den Hinweis!
Die beiden Fehler sind nun korrigiert.

corrections: - Roberto

corrections:
- Roberto Benigni
- Eric-Emmanuel Schmitt

 

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