Wie wir wurden, was wir sind

Mit Spurensuche eines Kriegskindes reist Hartmut Radebold nicht nur in seine eigene Vergangenheit

Wie verändert die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs die Psyche eines Kindes und welche Folgen hat das Erleben von Krieg und Flucht im hohen Alter? Fragen wie diese scheinen ferner denn je, wenn man die aktuelle Weltlage betrachtet. Losgelöst von den Ereignissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird aber deutlich, dass ihre Aktualität nicht von der Hand zu weisen ist. Auch deshalb ist Hartmut Radebold mit seiner Biographie ein lesenswertes Buch gelungen.

Was Hartmut Radebold, der 1935 in Berlin geboren wurde, über seine Kindheit zu erzählen hat, ist geradezu typisch für eine Lebensgeschichte, die in den Wirren des Zweiten Weltkriegs beginnt. Er wächst wie so viele seiner Altersgenossen ohne männliche Bezugsperson auf, weil der Vater im Krieg fällt und der Bruder zeitweise abwesend ist. Doch damit nicht genug, denn Flucht, Hunger, Bombardierungen und eine ungewisse Zukunft bestimmen sein Leben. Radebold schafft es trotzdem. Er studiert Humanmedizin und macht in seiner Zeit als Assistenzarzt eine psychiatrisch-neurologische Weiterbildung. Sein Interesse gilt besonders der Psychoanalyse.

Als Lehrstuhlinhaber für Klinische Psychologie an der Universität Kassel wird er schließlich zum »Nestor der deutschsprachigen Psychotherapie Älterer«, weil er sich schwerpunktmäßig mit der Entwicklung der Kriegskinder beschäftigt. Doch wie kommt es dazu? Als Radebold mit 50 Jahren Patienten mittleren Lebensalters behandelt, wird er mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, die er lange Zeit »unter einer stabilen seelischen Betondecke […] verschlossen« hatte. Radebold erkennt, dass seine Patienten allesamt Kriegskinder sind, wie er selbst:

Es ging mir sehr schlecht. Ich war depressiv. Durch meine Patienten wurde ich wieder mit meinem eigenen Schicksal konfrontiert. Und dann merkte ich, dass ich hinter der Couch traurig wurde, bedrückt und verzweifelt war, einige Male weinte ich sogar, und schämte mich vor meinen Patienten, die das zunächst nicht mitkriegten und nicht mitkriegen sollten. Dann begriff ich, dass ich lauter Kriegskinder auf der Couch hatte, und dass ich natürlich selbst solch eine abgespaltene Geschichte mitbringe.

Diese einschneidende Erfahrung veranlasst Radebold als Psychoanalytiker der Frage nachgehen, was es bedeutet ein Kriegskind zu sein und welche Auswirkungen dies auf sein gesamtes persönliches Leben – bis ins hohe Alter – hat. Es entsteht die Idee für seine Biographie Spurensuche eines Kriegskinds, die im vergangenen Jahr erschienen ist und das Ergebnis dieser Selbstpsychoanalyse dokumentiert.

Denken, fühlen, handeln… leben

Bei Radebolds Buch handelt es sich nicht um eine klassische Biographie, die seine Lebensstationen chronologisch aufzählt, sondern um eine themen- und problemorientierte Analyse der psychologischen Hintergründe, die seinen Lebensweg ausgemacht und geprägt haben. Dabei stehen neben der Schwierigkeit, diesen Prozess in Worte zu fassen, auch der Umgang mit Trauer, Zorn und nicht zuletzt die Gründung einer eigenen Familie und die Rolle als Vater im Zentrum. Dass gerade letzteres nicht immer einfach ist, zeigen vor allem die Interviews, die die Journalistin Rebecca Hillauer 2013 für ein Radiofeature im WDR Radebolds Ehefrau und seinen zwei Kindern geführt hat. Einige Ausschnitte daraus finden Platz in einem eigenen Kapitel der Biographie:

Da war unser Sohn so ganz klein, drei, vier Jahre, und die Kinder spielten bei Freunden. Und einmal kam ich runter, da lag der entsprechende Vater auf dem Boden und boxte und rangelte mit seinen Söhnen, und unserer war da mit dabei. Auf einmal hob sich der Kopf und dieser Freund sagte ›Sag mal, warum macht dein Mann das eigentlich nicht?‹ Und da dann bin ich richtig erschrocken gewesen darüber und habe gedacht, stimmt, macht er nicht. Und als er dann nach Hause gekommen ist, habe ich es ihm erzählt. Und da ist er fast in Tränen ausgebrochen und hat gesagt, ich weiß doch gar nicht, was man macht, wenn man ein Vater ist. 

Passagen wie diese lassen den Leser nicht unberührt. Sie machen aber auch darauf aufmerksam, dass Radebold sich nicht nur aus lauter Eigennutz zu dieser Biographie entschlossen und sich selbst zum Forschungsobjekt gemacht hat. Sein Buch ist auch deshalb entstanden, weil Kriegskinder in unserer Gesellschaft in der Vergangenheit zu wenig Aufmerksamkeit erfahren haben und noch immer erfahren. Mit seinem Werk möchte er zeigen, wie wichtig es ist, sich seiner Vergangenheit zu stellen und dass die psychotherapeutische Behandlung Älterer ebenso wichtig ist, wie die Jüngerer.

Denkt man an die aktuelle Weltlage und die Probleme, die aus den traumatisierenden Erfahrungen von Krieg und Flucht entstehen können, ist die Biographie mehr als nur eine wissenschaftliche Spurensuche, bei der das Denken, Fühlen und Handeln eines Kriegskinds im Mittelpunkt steht. Sie will mit einem Thema, das quasi tabuisiert wurde, wachrütteln. Entscheidenden Anteil haben daran auch Radebolds anschauliche Sprache und seine fesselnde Erzählweise, mit der die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs noch einmal sichtbar werden. Dass er es leider verpasst, seine Methode der Selbstpsychoanalyse von der wissenschaftlichen Seite aus genauer zu beschreiben und damit deutlich zu machen, wie sich Wissenschaft und Auseinandersetzung mit der persönlichen Vergangenheit in seiner Arbeit auf besondere Weise verbinden, macht dieses Buch aber nicht minder lesenswert.

Hartmut Radebold: Spurensuche eines Kriegskindes. Stuttgart: Klett-Cotta, 2015. 207 Seiten. ISBN: 978-3-608-98054-7. 18,95 Euro.

Weitere Informationen zu diesem Thema gibt es hier und auch in dem im Text erwähnten Radio-Feature des WDR.

 

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