Randbemerkung in der Rockgeschichte

Das zweite Album der Kaiser Chiefs klingt mal nach Britpop, mal nach Karneval

Kaiser Chiefs: Yours Truly, Angry MobIrgendwo hatte man das alles schon einmal gehört, zweimal, dreimal, irgendwo in der Geschichte der Rock- und Popmusik. Mit großem Werbeaufwand kommt nun das zweite Album der Kaiser Chiefs auf den Markt, jener Band, die 2006 bei den BritAwards abräumte und bei deren Musik man schon damals nur Altbekanntes heraushörte. Dass der BritAward einer jener Preise ist, die nicht gerade das sind, was man einen Förderpreis nennt, wird spätestens dann klar, wenn man weiß, wer ihn vergibt: Die Plattenfirmen selbst. So ist er eher ein Selbstbeweihräucherungspreis der Industrie, die ihre Verkaufserfolge feiert. Natürlich darf man Verkaufserfolge feiern wie jeden Erfolg. Nur sollte man trennen können, wo hier nach dem Kommerz die Kunst beginnt. Leider wirkt es oft so, als sei die deutsche Musikpresse neidisch auf das, was da doch recht einheitlich als Britpop zu uns rüberschwappt. Doch ist nicht vielleicht der so genannte Britpop in einigen seiner Auswüchse nur das, was man bei uns als Schlager bezeichnen würde? Mit der Prise Kultgehabe, die dazugegeben wird, haftet ihm jedoch zugleich etwas Besonderes an, das deutsche Musik nicht hat. Was wir in diesem Zusammenhang mit Guildo Horn und Konsorten vor einigen Jahren erlebten, war letztlich eine Phase fast ähnlicher Qualität wie die der Kaiser Chiefs. Allein, das ewig Gleiche als Neuerfindung zu verkaufen hat hierzulande nicht länger als ein Jahr funktioniert. Britpop hingegen rollt und rollt – und rollt doch viel zu selten über Stock und Stein. Und so stolpert man bei den Kaiser Chiefs eher über die Frage, wie das Lied eigentlich weitergeht, klingt es doch irgendwie vertraut. So sind die Kaiser Chiefs wohl eher als ein Phänomen im Fahrwasser des erneuerten Britpop-Hypes nach dem Erfolg von Franz Ferdinand und Bloc Party zu begreifen und weniger als eigenständige Band. Stellt man die Frage, was eine Band Neues gebracht hat, bleibt bei vielen Gruppen wenig übrig - bei den Kaiser Chiefs leider nichts. Die Rolling Stones beispielsweise sind ein Phänomen, und jede neue Platte nur ein Unterkapitel in einer der längsten Berufskarrieren der Rockmusikgeschichte. Wenig anders sieht es bei ähnlich lange aktiven Künstlern aus. Die Kaiser Chiefs aber sind nicht mehr als eine Randbemerkung in der Rockmusikgeschichte wert, wenn man sich davon befreit, Verkaufs- und Beachtungserfolge in die Geschichtsschreibung einzuweben. Ein wenig tröstend könnte man sagen: Jedes Partyjahr soll seine Songs haben. Doch braucht, über den flüchtigen Partymoment hinaus, jede Generation auch ihre Stones- und Beatleshelden und diesem durchaus hohen Anspruch können die Kaiser Chiefs nicht gerecht werden. »Yours Truly, Angry Mob« passt zwar wunderbar in Kneipen oder auf Partys, wo man nicht etwas Neues erwartet, sondern sich bei leichter Beschallung ungestört unterhalten möchte. Mehr als eine solch leichte Beschallung aber ist dieser Band bisher nicht gelungen. Wenn heute noch jemand von Nirvana spricht, dann geschieht das mit verklärtem Blick auf einen längst vergangenen Zeitraum der Jugend, es sind Erinnerungsmomente einer Generation. Nicht so bei den Kaiser Chiefs: Dem Partyalter entwachsen, bleibt wenig, das an dieser Musik noch begeistern könnte. Daher drängt sich in Bezug auf Britpop die interessante Frage auf: Wieso eigentlich werden unter diesem Label immer wieder Bands populär, die doch nur Wiederkäuer sind? Und warum lassen wir uns das von den Briten gar immer wieder erfolgreich vorbeten? Bei genauerer Betrachtung kann man bei den Kaiser Chiefs auch von europäischer oder westlicher Populärkultur sprechen. So klingt »My Kind of Guy« zum Beispiel nach einer Übernahme von Brecht/Weill in die Rockmusik, um im Refrain plötzlich bedenklich in Richtung Kölner Karnevalssong zu driften. Die Kaiser Chiefs gehören letztlich eher in die Ecke der Karnevalsschlager. Da ist mit Örgelchen und Gitarrenfeedback zum Ende des Songs kaum etwas zu retten. Denn was bei Brecht/Weill noch etwas Neues gehabt haben mag, ist auf dieser Platte eben nur ein Abklatsch der gesamten Rockgeschichte, auch wenn es oft eher so klingt, als hätte die Wahrnehmung der Band mit den 70-ern aufgehört. Einzig die Aufnahmequalität lässt darauf schließen, dass das Label Polydor hier nicht Bänder einer Musikgruppe ausgegraben hat, die sie einst abgelehnt haben, weil es davon auch damals bereits wirklich genug Exemplare dieser Art gab. Die Überlebensdauer ist hier, anders als bei den Begründern des Britpop, leider viel zu kurz – denn was oft nach Beatles oder den Stones klingt, muss man sich nicht ein weiteres mal in den Plattenschrank stellen, man hat es ja schon. Inhaltlich bemühen sich die Kaiser Chiefs ironisch in Richtung engagierter Musik zu gehen: »We are the angry mob / we read the papers every day, / We like who we like, / we hate who we hate, / But we're also easily swayed«, heißt es im Titelsong. Damit erinnern sie zudem an die Single »I predict a riot« aus dem Vorgängeralbum »Employment«, bei dem sie die deutschen Proteste gegen die Einführung allgemeiner Studiengebühren als Werbehintergrund nutzten. Die anderen Lieder sprechen von Liebe und dem Erwachsenwerden. Themen, die junge Erwachsene ansprechen und die doch jede Generation einmal für sich erleben und überleben muss. »When we were young nobody died / and nobody got older« sangen die Iren Whipping Boy 1996. Bei den Kaiser Chiefs klingt das auch nicht viel anders: »I remember nights out when we were young, they weren’t good they were rubbish« (Highroyds); während sie sich in »Heat dies down« nicht vorstellen können, alt zu werden: »I cannot imagine growing old, to have and to hold, till death to part each other«. Als Whipping Boy ihr Album »Heartworm« veröffentlichten, klang es ein wenig wie Nirvana mit Wall of Sound, und da damals Alternative Rockmusik nicht in dem Maße gehypt wurde wie heute, sind sie längst wieder vergessen. Die Kaiser Chiefs haben das Glück, mit ihrer Gitarrenmusik in einer etwas anderen Zeit begonnen zu haben. Die Industrialisierung der alternativen Popmusik ist weit vorangeschritten. Doch auch hier wird sich die Spreu vom Weizen trennen, wenn der Blick zurück nicht mehr nach identitätsstiftenden Momenten für eine Generation fragt. So bleiben die Kaiser Chiefs wohl bestenfalls eine Randbemerkung in der Rockgeschichte. Kaiser Chiefs: Yours Truly, Angry Mob. Universal Music Company, London 2007. ca. 44 Min. Spielzeit. Ca. 18,– Euro.

 

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