Der Aufbruch

Rattenrennen - Etappe 1

»Lan Moruk«, »ben Gastarbeiter, eeehhh, ne var simdi?« »Gastarbeiter nedemec«

Als die Bundesrepublik 1961 das sogenannte Gastarbeiterabkommen mit der Türkei schloss, schien sich keine der beiden Seiten über die sozialen, gesellschaftlichen oder gar familiären Konsequenzen dieses Unterfangens im Klaren zu sein. Geplant war eine rein männliche, zudem zeitlich streng limitierte Arbeitermigration, ein Austausch von Wohlstand und Arbeitskraft, von dem, rein wirtschaftlich betrachtet, schließlich alle profitieren würden. Eine Art bilaterale Leiharbeit im großen Stil, ohne gemeinschaftliches Konzept und ohne Mindestlohn, für deren zu erwartenden Profit Politiker beider Staaten mögliche Probleme schon im Vorfeld geflissentlich ignorierten. In bewährter Vogel-Strauß-Taktik verschwanden sprachliche und kulturelle Barrieren, auf dem Papier gab es keine Gratwanderung zwischen Identitätsbewahrung und Anpassung. Im politischen Alltagsgeschäft wurde die zwangsläufige Veränderung der familiären Strukturen genauso ausgeblendet wie die fragwürdige Bemühung um Eingliederung einer größeren ethnischen Gruppe in ein traditionell nicht übermäßig fremdenfreundliches Land. Der Begriff des Gastarbeiters suggerierte dabei ein Provisorium, das es für die türkischen Besucher, die auf ihrer Suche nach ein bisschen Wohlstand Frau und Kinder zurückließen, überhaupt nicht geben konnte und zugleich eine Willkommensbereitschaft, die es in Deutschland überhaupt nicht gab.

Mein Name ist Tekin, ich gehöre zur zweiten Generation einer Gastarbeiter-Dynastie. Geboren wurde ich 1970, im fast unerträglich heißen anatolischem Sommer und an einem Ort, an dem weder Zeit noch Geld eine Rolle spielten. Aufgewachsen bin ich in einer schwäbischen Kleinstadt nahe der Wirtschaftswundermetropole Stuttgart, sprichwörtlich im Schatten des Mercedessterns. Im Heimatdorf meiner Familie, einem kleinen Bauernkaff in Zentralanatolien, waren die Menschen schon froh, wenn sie die Bedürfnisse des täglichen Lebens ohne allzu große Plackerei bewältigen konnten. Die Gegend bestand aus Staub, steinigen Hügeln und ausgetrockneten Feldern. Lediglich das Quellwasser, das von der anderen Seite des Berges hinabfloss, war glasklar, kühl und frisch. Das Wasser war die einzige Erholungsmöglichkeit von der Gluthitze des Sommers, denn Wälder gab es kaum in dieser Gegend. Die wenigen Bäume wurden abgeholzt und in den eisigen Wintermonaten zu Überlebenszwecken verfeuert. Die Dörfer in dieser kahlen, kargen Landschaft waren vor langer Zeit von Nomaden errichtet worden. Die Menschen lebten von Käserei, Milchwirtschaft und bauten nebenbei Tabak an. Auch mein Dede (Opa) war Ziegenhirte, sein ganzes Leben lang. Ohne staatliche Hilfe zog er jenseits dessen, was in Industrienationen heute als Lebensstandard gilt, vier Jungs und zwei Mädchen auf. Das älteste seiner Kinder war mein Vater Süleyman, der nach meinem Dede die Nummer Zwei im Haus war und auch »Deputy« genannt wurde. In der Jugend meines Vaters waren die meisten Errungenschaften der modernen Zivilisation noch nicht bis in die abgelegenen Dörfer Zentralanatoliens vorgedrungen und auch 30 Jahre später, in meiner Jugend, hatte sich daran noch nicht viel geändert. Eine Müllabfuhr gab es nicht, wobei die klassischen Kipplaster auf den engen, steilen Bergwegen auch nicht viel hätten ausrichten können. Zu den abgelegenen Dörfern führten erst gar keine Straßen und wenn doch, waren sie nur selten asphaltiert. Abfälle wurden ins Feuer geworfen, Essensreste irgendwo am Dorfrand vergraben. Für Fliegen und anderes Ungeziefer war es wohl ein Paradies – der Gestank aber war manchmal kaum auszuhalten.

Die Familien lebten bescheiden und waren froh, wenn die Elektrizität ausreichte, um nicht bei Kerzenlicht oder im Dunkeln zu Abend essen zu müssen. Obwohl die allgemeine Schulpflicht in der Türkei bereits mit der ersten Verfassung von 1923 eingeführt wurde, konnte noch 30 Jahre später von einer flächendeckenden Umsetzung keine Rede sein. Gerade in den weit abgelegenen ländlichen Regionen war Bildung Mangelware und wurde – gemessen an den realen Anforderungen des kargen Alltags – wohl von den wenigsten vermisst. Auch im Heimatdorf meines Vaters gab es keine Schule – die einzige Chance auf Unterricht war verbunden mit der endlos erscheinenden Wanderung in die nächstgrößere Stadt. Ein weiter, beschwerlicher und vor allem gefährlicher Weg, denn außer tollwütig umherstreunenden Hunden lauerte in den Höhlen am Wegrand oft auch die türkische Gendarmerie auf der Jagd nach rebellischen Kurden. Der einzige Schutz gegen die vielfältigen Gefahren bestand im bedingungslosen Zusammenhalt der Schulkinder aus allen umliegenden Dörfern.

Bildung beschränkte sich allenfalls auf den männlichen Teil der Jugend und auch das nur, wenn deren Eltern auf Hilfe im Familienverbund verzichten konnten. Im Normalfall waren Feldarbeit und Ziegenhüten angesagt. Den Mädchen war ohnehin die Erfüllung des klassischen Rollenbildes beschieden; alles dafür Notwendige lernten sie im Haushalt der Eltern. Somit war die spätere Aufgabenteilung geregelt: Der Mann besorgte das Essen, die Frau bereitete es zu. Auch Jahre später, wenn ich als Kind das Heimatdorf meiner Eltern besuchte, hatte ich stets das Gefühl, die Zeit sei dort stehengeblieben. Wir trafen Verwandte, besichtigten die Gräber unserer Vorfahren und verbrachten einige Zeit in dieser anachronistischen Welt, die mein Vater 30 Jahre zuvor verlassen hatte.

Mit 20 musste Süleyman das Ziegenhüten seinen jüngeren Brüdern überlassen und dem heimatlichen Dorf den Rücken kehren: Er war zum Militärdienst eingezogen worden. In Anbetracht seiner kurdischen Abstammung stellte das ein Risiko von nahezu dramatischer Dimension dar. Der Abschiedsgruß seiner Eltern bestand deshalb in der dringenden Warnung, unter keinen Umständen seine Herkunft preiszugeben. Er würde womöglich sofort erschossen werden. Zu dieser Zeit, in den späten Sechziger Jahren, als die kurdische Kultur und Sprache in der türkischen Gesellschaft nicht einmal zähneknirschend geduldet wurde, hätte seine Abstammung beim Militär Standgerichtsverfahren und umgehende Exekution nach sich ziehen können. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang der Ausspruch des türkischen Justizministers Mahmut Esat Bozkurts zur Kurdenfrage. Im Jahre 1930 äußerte er, die Türken seien die Herren des Landes. Diejenigen aber, die keine »echten Türken« (»Öztürkler«) seien, hätten nur ein einziges Recht: Das Recht, Diener oder Sklave zu sein. Seit Gründung des türkischen Staates gab es Assimilierungsprogramme, die das Ziel verfolgten, die Sprache, Kultur, Literatur und damit letztlich die Existenz der Kurden auszuradieren. Seit den späten Vierziger Jahren war klar, dass diese Politik von den USA unterstützt würde, sofern sie sich als Maßnahme gegen eine vermeintlich kommunistische kurdische Bewegung darstellen ließ. 

Angesichts dieser Entwicklungen hatte mein Alta großes Glück. Zum einen war er nicht in der Nähe der Kurdengebiete entlang der iranischen, irakischen oder syrischen Grenze stationiert worden. Zum anderen konnte er seinen Vorgesetzten gegenüber unauffällig im Hintergrund bleiben. So kannte oder erriet niemand seine Herkunft. Das Leben in der Kaserne und der unvorstellbare Druck, der auf meinem Vater gelastet haben muss, schienen nicht gerade ideal, um sich mit Heirat oder Familiengründung zu beschäftigen. Nicht selten geschehen jedoch Dinge, die außerhalb unseres Einflusses liegen. Für Süleyman begannen sie mit einem Anruf seines Vaters, meines Dede. Er solle bei der nächsten Gelegenheit kurz nachhause kommen, um ein Mädchen namens Ayse aus dem Nachbardorf zu heiraten. Ayse sollte später meine Mutter werden. Damals aber kannte mein Vater die Familie seiner Zukünftigen nur flüchtig, die Braut selber sogar nur aus Erzählungen. Immerhin war er mit Ayses älterem Bruder seit der Zeit gemeinsamer Gewaltmärsche zur Schule befreundet. Aber was heute wie ein Fall für Amnesty International klingt, war damals für niemanden auch nur ungewöhnlich: Mein Vater gehorchte meinem Dede und heiratete. Nach der Hochzeit und dem Abschluss seiner Wehrzeit begann er in der nächstgelegenen Kleinstadt eine Schneiderlehre. Viele seiner Onkel und Cousins wanderten in diesen Jahren nach Deutschland aus, um ein besseres Leben zu beginnen. Es war eine Zeit des großen Umbruchs und der Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythen, die in diesem Fall »Vom-Bandarbeiter-zum-Millionär« genannt werden könnten. Für Gastarbeiter schien der Reichtum in Deutschland auf der Straße beziehungsweise auf dem Akkord-Band zu liegen. Trotzdem schwebte meinem Vater zunächst eher eine gesicherte Zukunft in der überschaubar kleinen Ortschaft Fındık vor. Er war mit dem zufrieden, was er hatte. 1966 bekam er einen Sohn, Müslüm, und wenige Jahre später eine Tochter, Gül. Da Süleyman als »Deputy« teilweise noch seine Eltern und Geschwister unterstützte, reichte sein Schneidergehalt für kaum mehr als die Aufwendungen des Alltags. Selten blieb genug übrig, um den Kindern eine kleine Freude zu machen. Trotzdem schien er alles in allem zufrieden.

Mutmaßlich waren Probleme mit seinem Lehrmeister der Auslöser, der Süleyman nach Deutschland aufbrechen ließ, statt wie geplant selbst eine Werkstatt zu eröffnen. Ayse und die beiden Kinder ließ er vorerst bei seinen Eltern zurück. Vor seiner Abreise nahm mein Vater noch schnell einen Kredit bei der türkischen Bank auf. Als zukünftiger Auswanderer galt er quasi als solvent und konnte in der Stadt ein kleines Häuschen für die Familie kaufen. Drei Zimmer, 80 qm, kein Briefkasten, geschweige denn eine Heizung. Neben meinen beiden Geschwistern und meiner Mutter zogen auch gleich mein Dede, meine Nene (Großmutter), meine blinde Ur-Oma sowie einer meiner Onkel ein. Wenigstens die anderen Verwandte meines Vaters blieben in ihrem Dorf! Was in der westlichen Welt nach heutigen Maßstäben unvorstellbar scheint, ist in türkischen Familien durchaus noch immer Tradition. Völlig unwesentlich erscheint dabei die Enge der Räume, zumal die Männer die meiste Zeit des Tages außerhalb der eigenen vier Wände verbringen – entweder auf der Arbeit oder in der Cafeteria. Meine Ur-Oma hingegen verließ das Haus kaum einmal und saß stattdessen nahezu den ganzen Tag im Schneidersitz auf ihrem Bett, direkt im Flur neben dem Eingang. Ihr gegenüber residierte mein Onkel, den Rest der drei Zimmer teilten sich die übrigen Familienmitglieder. Die Haut von büyük-nine war faltig, ihr Rücken bucklig und ihre Zähne zum Teil verfault. Bald vermutete ich, dass sie durch ihre Anwesenheit ungebetene Gäste abhalten sollte, wenn die übrigen Familienmitglieder arbeiteten beziehungsweise einkauften. Niemand wusste, wie alt sie war – sie selbst womöglich am wenigsten.

Finanziert wurde das Leben in unserem kleinen Haus von meinem Vater, der monatlich buchstäblich jede Mark und jeden Pfennig, den er erübrigen konnte, aus Deutschland überwies. Meine Familie war stolz auf Süleyman, der in Deutschland »iyi para«, gutes Geld, verdiente. Das war die Hauptsache, denn bei uns Türken ist Geld Thema Nummer Eins. Seinen ursprünglichen Beruf musste Süleyman in Deutschland leider aufgeben, denn Maßschneiderei war für die Normalsterblichen zwischen München und Hamburg längst durch die Armada von Karstadt, C&A, Hertie und Horten ersetzt worden. Also richtete sich mein Vater wie jeder andere Immigrant nach den aktuellen Jobangeboten, beschränkte sich jedoch in seiner Auswahl auf die ehrlichen. Um nach Deutschland gelangen zu können, hatte er den Familiennamen seines Onkels angenommen, der bereits eine Aufenthaltserlaubnis hatte. Diese De-facto-Adoption ersparte ihm die Survival-Safari durch den Bürokratiedschungel.

Meine Eltern wussten, dass das Leben in einem fremden Land aufgrund des Unterschieds in Sprache und Kultur für uns alle nicht leicht sein würde. Die Dauer des Aufenthaltes stand in den Sternen – für meine Eltern genauso wie für die meisten der Immigranten. Gleichzeitig mischte sich die Unsicherheit mit Aufbruchsstimmung. Der Schritt in Richtung des westlichen Wohlstands würde schwer werden, versprach aber auch den Beginn einer neuen Ära, fernab von Ziegen, Staub, Müll und der Unterdrückung der eigenen Sprache und Kultur. Mein Vater gab alles dafür, dass seine Kinder in Deutschland aufwachsen und zur Schule gehen konnten. Es war sein Lebenstraum, dass wir überall in der Welt in Schreibtischjobs arbeiten könnten, ohne uns die Finger schmutzig zu machen. Der Preis war hoch, aber er und meine Mutter zahlten ihn ihren Kindern zuliebe wie selbstverständlich.

Wir landeten nun in einer Kleinstadt im Schwarzwald, in der nicht mal die Ureinwohner verständlich Deutsch sprachen. So blieben unsere sozialen Kontakte anfangs auf einen einzigen einheimischen Freund beschränkt. Er vermittelte uns die ersten Sprachkenntnisse und hatte – offensichtlich im Gegensatz zur übrigen Bevölkerung – auch keinerlei Berührungsängste. Unser Fernseher war heiß geliebt, obwohl schwarz-weiß und mit nur drei Programmen ausgestattet. Tag für Tag lehrten uns die Figuren aus der Flimmerkiste neue Vokabeln. Zuerst waren es die Mainzelmännchen, die uns fröhlich »Guten Tag«, »Guten Abend« oder »Ende« beibrachten, als nächstes lernten wir Unterhaltung und Konversation unserer Zielkultur aus Heinos Heimatmelodien. Auch tschechische Märchenfilme erfreuten sich bei uns großer Beliebtheit. Die Glotze bescherte uns also nicht nur ein abwechslungsreiches Vokabular, allmählich begriffen wir sogar die Satzstrukturen. Etwas schwieriger war es bloß mit den Lokalmatadoren, dem Äffle und dem Pferdle, deren Idiom schon für uns Kinder schwer zu kopieren oder überhaupt als sprachliche Äußerung zu erkennen war. Spezielle Kurse waren weder für Erwachsene noch für Kinder vorgesehen, meiner Mutter diente der Fernseher vielmehr als eine Art Kindermädchen, das sie kurzzeitig entlastete, während sie die täglichen Anforderungen einer Hausfrau bewältigen musste. Wenn die drei TV-Programme nicht einmal mehr den alltäglichen Schnick-Schnack hergaben, wurden wir auf die Straße gescheucht, wo wir gemeinsam mit anderen ausländischen Kindern verschiedenster Nationalität spielten. Den deutschen Eltern waren wir Migrantenkinder offensichtlich etwas suspekt. Sicherheitshalber hielten sie ihre Kinder von uns fern. Dank des Fernsehers hatten wir aber immerhin die Chance, autodidaktisch Deutsch zu lernen oder es wenigstens zu versuchen. Meinen Eltern blieb nur das, was sie im Alltag aufschnappten: meist nur Versatzstücke der deutschen Sprache wie der auf Verbotsschildern beliebte Infinitivstil. Im Grunde genommen sprach man mit ihnen wie mit Außerirdischen.

Mitarbeit: Kathrin Peter

In den kommenden Wochen werden wir an dieser Stelle weitere Etappen aus Tekin Tegidas Erzähltext Rattenrennen präsentieren. Den zweiten Teil gibt es hier.

 

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