Im Narrenturm

Rattenrennen - Etappe 3

Mit der Hochschulreife in der Tasche zog es mich in eine Stadt, deren Bewohner das ganze Jahr über nur Karneval im Kopf hatten. Bis ich eine bezahlbare Bude beziehen konnte, wohnte ich zunächst bei Verwandten, obwohl ich für einen Studienanfänger ein geradezu enormes Vermögen besaß: 10.000 Mark, bei Opel am Band verdient.

Anfangs war der Job am Band vor allem körperlich anstrengend gewesen – wer rennt schon gerne den ganzen Tag hinter Autos her? Später kam die psychische Belastung hinzu. Man durfte gar nicht daran denken, was dreißig Jahre dieses Arbeitslebens in Monotonie und Stumpfsinn in einem Menschen anrichten können. Ich hatte drei Monate malocht, die mir nicht nur ausreichend Bares für mein Studium einbrachten, sondern vor allem die nötige Motivation bescherten, um es auch durchzuziehen. Knapp vier Jahre nach diesem Intermezzo am Band hatte ich meinen Abschluss in der Tasche.

Trotz meiner nicht immer positiven Erfahrungen in Schule und Studium machte ich mir wenig Zukunftssorgen. Warum sollte mein Lebenslauf nicht honoriert werden und überbezahlte Personalmanager mir demnächst nicht händereibend Jobs anbieten? Mein Alta war von dieser Aussicht so begeistert, dass er mir zu Ehren eine Party gab. Im Hinterhof wurden zahllose Sitzgelegenheiten geschaffen, im Heizraum unseres Hauses rotierte ein Putendöner und aus dem Ghettoblaster tönte türkische Folkloremusik. Neidische Verwandte wurden eingeladen, das Tanzbein zu schwingen und hatten brav der Aufforderung zu folgen. Mein stolzer Vater zelebrierte seine Genugtuung und den Lohn für dreißig Jahre Schuften und Verzichten. Ich selbst sah meine hoffnungsfrohe Zukunft in einem der zahlreichen Finanzunternehmen des Landes, denn schon während des Studiums hatte mich das Phänomen des Kapitalmarkts magisch angezogen. Hier schien zumindest theoretisch gutes Geld in greifbarer Nähe zu liegen. Und was die Jobaussichten betraf: Mit meinem Prädikatsexamen hielt ich die Voraussetzungen im Prinzip für erfüllt; ein Irrglaube, der sich durch die vom Dekanat vermittelte Einladung zu einer Vorstellungsrunde beim renommierten Abzocker-Unternehmensberater Mc Kinnly vorerst noch zu bestätigen schien. Ohne allzu klare Vorstellungen nahm ich an dem Auswahlverfahren teil, wobei das auf der Einladung in Aussicht gestellte vorzügliche 4-Gänge-Menü keinen unerheblichen Anteil an meiner Zusage hatte. Ich wurde abgelehnt. Man wollte keine Mitarbeiter ausländischer Herkunft.

Es begann ein schmerzhafter Prozess, bei dem ich anfangs noch den Fehler bei mir und in meinen Bewerbungsunterlagen und fehlenden Praktika suchte. Kartoffelfreunde hatten nichts auszusetzen, nahmen meine Anschreiben als Grundlage für die eigene Jobsuche und wurden prompt zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Der nächste Schwung meiner Bewerbungen brachte jedoch dasselbe Resultat; meine Eltern verstanden die Welt nicht mehr. Bildung war für sie stets der Schlüssel zu einer besseren Zukunft ihrer Kinder gewesen. Dafür hatten sie so viel gegeben; und nun das? Ein wissbegieriger, fleißiger Sohn mit einem hervorragenden Abschluss, der Anlass für jede Menge Hoffnung gegeben hatte und nun nach Jahren vergeblicher Bemühungen da enden würde, wo sein Vater dreißig lange Jahre geschuftet hatte, um genau das zu verhindern: Am Fließband! Immerhin: Nach wochenlangem Bemühen flatterte dann doch eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch ein, das anfangs überraschend gut zu laufen schien. Umso rätselhafter war die schon am nächsten Tag per Express folgende Absage. Wozu diese Eile? Hatten sie Angst, mein Passbild mit offenbar undeutschem Konterfei würde ihre Schreibtischschubladen infizieren? Die Enttäuschung meines Vaters war so groß, dass er nun gezielt von »yabanci düsmani« sprach, Ausländerfeindlichkeit. Es war für ihn einfach unbegreiflich und verletzend, dass ein junger Akademiker mit qualifizierter Ausbildung derart chancenlos sein sollte. Es folgten fünfzehn weitere Einladungen, die zu fünfzehn weiteren Enttäuschungen wurden. »Ausländer – Nein, danke!« Nach einem halben Jahr erfolgloser Bemühungen lagen die Fakten auf dem Tisch. Es war wie verflucht. Obwohl der Grad meiner Frustration inzwischen ungeahnte Höhen erreicht hatte, startete ich einen verzweifelten sechzehnten Versuch. MADI, die Fondsgesellschaft der »Kopfschmerzbank«, suchte einen Produktspezialisten. Das war nicht gerade meine erste Wahl, aber in der Not frisst der Teufel bekanntlich Fliegen. Diesmal bewarb ich mich anonym. Mein Vorstellungsgespräch fiel in die Zeit des Münchener Oktoberfests. Besoffene Ziegenpeter und grölende Heidis bevölkerten die öffentlichen Verkehrsmittel. In meinen seriösen Klamotten muss ich inmitten dieser Demonstration von Volksfeststimmung wie ein Alien gewirkt haben. Auch das Gespräch, das mich nun erwartete, war nicht von dieser Welt. Dies lag nicht nur daran, dass der Abteilungsleiter dieses nicht allzu großen Teams ein halbglatzköpfiger Albino war, der mit seiner überdimensionalen Brille wie eine Filmrequisite aus den 70ern aussah. Statt Psychofragen zu stellen, referierte er bunt gemischt über Fonds in Deutschland und Luxemburg, Fondsmanagement in Frankfurt, Vertrieb in Frankfurt und München, erzählte von Rechtsabteilungen, Marketing, Callcentern und Reporting. Anschließend erläuterte er das Tätigkeitsprofil. Als das Gespräch beendet und ich freundlich verabschiedet war, befand ich mich in einem Zustand kompletter Verwirrung. Einem Kommilitonen, der zufällig im selben Zug wie ich nachhause fuhr, konnte ich auf die Frage, was ich in München gemacht hätte, keine sinnvolle Antwort liefern. Es folgte ein zweites Gespräch bei der Kopfschmerzbank und obwohl ich den konfusen Inhalt des ersten inzwischen verdrängt hatte, wurde meine Verwirrung tatsächlich noch übertroffen. Nun gab auch die Personalabteilung ihren Senf dazu, was mich dazu motivierte, meinen ganzen Ehrgeiz in die Angelegenheit zu investieren. Die mochten leicht verrückt sein, aber ich war wild entschlossen, wenigstens irgendeinen Job in der Finanzbranche zu ergattern – wenn es sein musste, dann eben diesen. Allzu gut lief es meiner Einschätzung nach allerdings nicht – umso überraschter war ich, als nach ein paar Tagen das kam, womit ich allmählich schon überhaupt nicht mehr zu rechnen wagte: Eine Zusage. Selbst meine Eltern dachten zuerst, ich würde einen schlechten Witz machen; so weit hatte sich die Aussichtslosigkeit schon in unser Denken gefressen. Der eigentliche Witz aber war noch viel schlechter. Mein großes Glück war, dass ich in der Welt von »Einmal Kanake – immer Kanake« auf jemanden getroffen war, der die Spielregeln scheinbar einfach noch nicht mitbekommen hatte. Hinter Pornobrille und Kalkgesicht des Albino-Abteilungsleiters verbarg sich ein unbeirrbarer Verfechter des Leistungsprinzips. Kurz nach diesem unerwarteten Erfolg begegnete ich meinem alten Professor und erzählte ihm von meinem zukünftigen Job. Dass dieser so lange auf sich hatte warten lassen, schien auch den in der Wirtschaft hochangesehenen Wissenschaftler zu befremden. Er gratulierte mir mit der kryptischen Bemerkung, dass diese Stadt mit all ihrer Schickeria und ihrem Schickimicki ja bestens zu mir passen würde. Dazu zog er ein Gesicht, als würde er sich gleich übergeben. »Eins möchte ich Ihnen noch mit auf den Weg geben: Bewahren Sie stets ihre Selbstachtung.« Das erinnerte mich verdächtig an die Worte eines asiatischen Philosophen, der im Westen vor allem für seine Kampfkünste berühmt wurde. »Das Individuum ist nur solange gefestigt, wie es seinen Stolz bewahren kann. Das wiederum erfordert einen lebenslangen Kampf!« Nach meinen bisherigen Erfahrungen auf Jobsuche und den bitteren Erkenntnissen, die sich daraus ergeben hatten, klang das beängstigend prophetisch.

Unser Abteilungsleiter, der fast jeden Morgen aussah, als ob er in der vergangenen Nacht in einer Table-Dance-Bar versumpft wäre, kümmerte sich wenig um sein Team. Folglich machte jeder sein eigenes Ding, so dass sich die Vertretungsregelungen oft sehr schwierig gestalteten. Die Performance in den meisten Aktienfonds sprach für sich: Ging der Aktienmarkt nach oben, hinkte sie hinterher und wenn der Aktienmarkt fiel, dann plumpste die Performance wie ein Stein in den Abgrund. Wenn es später um die Rechtfertigung ging, dann war stets irgendetwas anderes schuld an der Sache, notfalls auch das schlechte Wetter in den Monaten März und April. Manchmal wurden auch die Risikocontroller verantwortlich gemacht, die in der Theorie frühzeitig vor Risikowerten hätten warnen sollen. Viele Ratten verließen in dieser Zeit das sinkende Schiff und nahmen die überaus lukrativen Abfindungen im sechsstelligen Bereich mit, die der Konzern ihnen anbot. Der Ausdruck free lunch gewann eine neue Bedeutung. Als Konsequenz der Gier nach neuen Mittelzuflüssen wurden viele Fonds, von denen einige ausschließlich mit Firmenkapital (seed money) ausgestattet waren, nach kürzester Zeit und mit hohen Kursabschlägen geschlossen. Fondsschließungen waren letztlich gesund für die ganze Branche: Man konnte so der Öffentlichkeit neue Versprechungen und profitable Ziele präsentieren, die anders nicht möglich gewesen wären. So wurden bei uns in dieser Zeit beispielsweise knapp 60 Fonds geschlossen oder mit anderen Fonds fusioniert. Damit waren wir endlich mal an der Tabellenspitze. Dies war auch dem Vorstand nicht entgangen, der daraufhin diese wenig schmeichelhafte Auszeichnung voller Enthusiasmus in einer Email mit dem Betreff »Madi bei Fondsschließungen ganz vorne« zusammenfasste. Angeblich war sogar der zuständige Geschäftsführer erfreut. Gleichzeitig verhängte der Konzern einen Einstellungsstopp. Die Außerkraftsetzung eines der wichtigsten Postulate der Marktwirtschaft schuf ein ganz eigenes Eldorado – ein Paradies für Intriganten, Speichellecker und Profiteure. Währenddessen wurde ich, der hauseigene Quotenausländer, eher wie eine eklige, unerwünschte kleine Made behandelt. Die MADI war ein altes deutsches Traditionshaus, in dem bislang kein einziger Kanake tätig gewesen war, abgesehen von den Putzfrauen. Ich hatte das Unternehmen diesbezüglich sozusagen entjungfert und entweiht, was vielen im Haus geradezu als Sakrileg galt.

Die Stimmung in der Firma verschlechterte sich von Tag zu Tag. Zusätzlich erhöhte sich der Druck vonseiten der Kopfschmerzbank, Kosteneinsparungen in Form von Entlassungen vorzunehmen. Die Frage, ob es für mich nicht Zeit für die viel beschworenen »neuen Herausforderungen« war, lag in Anbetracht dieser Situation quasi auf der Hand. Ich war jung, integriert und hatte mit viel Fleiß und Durchhaltevermögen eine gute schulische Ausbildung abgeschlossen, verfügte über das erforderliche Knowhow und nun – dank noch mehr Durchhaltevermögen – auch über die erwünschte Berufserfahrung. Wieder einmal bildete ich mir also ein, dass meine Chancen auf dem Arbeitsmarkt brillant wären – und wieder einmal erwies sich das als ein großer, deprimierender Irrtum. Schon bald folgte eine Absage der anderen. Vielleicht lag es ja diesmal an meinem Bewerbungsfoto, schließlich galt nach 9/11 jeder Ausländer als ein gefährlicher Terrorist, vor allem in der Bankenbranche. Man war nicht nur der subjektiven Wahrnehmung der Personalreferenten ausgeliefert. Mit dem orientalischen, sprich: nebulös bedrohlichem Gesicht auf dem Bewerbungsfoto galt in dieser von Angst zerfressenen Gesellschaft nämlich mehr als je zuvor: Einmal Kanake – immer Kanake. Nur die Argumente waren jetzt andere, beziehungsweise hatten durch die Katastrophe neue Munition geliefert bekommen. Eines Tages erhielt ich jedoch tatsächlich eine Einladung von einer Schwestergesellschaft der KfW in Bonn. Sie suchten einen Mitarbeiter im Rentenmanagement. Es war, beruflich gesehen, der erste Lichtfunken in einer langen Phase der Dunkelheit und so schöpfte ich wieder Mut und Hoffnung. Ein Wink des Schicksals, bu kismet artik, nicht zum ersten Mal in dieser Zeit. Einige Wochen zuvor hatte ich – mein Karma war offenbar zu Scherzen aufgelegt – bei einem kurzen Abstecher in die Stadt jenseits des Busbahnhofs eine schöne, blonde, kluge, warmherzige, unglaublich eigensinnige und aufmüpfige Kartoffel-Schnepfe kennengelernt, die zu allem Überfluss auch noch Betriebswirtin bei der BASF war. Eine Marketingtussy aus einer protestantischen Kartoffelfamilie, die bei der ehemaligen IG Farben arbeitete – ich konnte es selbst kaum glauben. Immerhin bestand ein gewisser Trost in der Tatsache, dass sie umgekehrt nun ihr Leben mit einem oft unzufriedenen, zwanghaft ehrgeizigen und auffällig schwarzhaarigen Kanaken mit geschätzten fünfhundert Verwandten und massiven Jobproblemen verbringen wollte. Das würde nicht leicht werden, aber iste öyle olsun, so sollte es eben sein, oder, wie mein lieber Onkel Ali es etwas drastischer formuliert hätte: »boku yedik artik.« Das Schicksal hatte entschieden. Und wir uns auch.

Am Markt nahmen infolge der Konsolidierungsphase im Bereich Kapitalanlagen die Stellenanzeigen schlagartig ab. Nur wenige Unternehmen waren noch auf der Suche nach Mitarbeitern im Renten-Portfoliomanagement. Nach 100 Absagen und 10 Vorstellungsgesprächen, also 110 Enttäuschungen, landete ich bei der AMFURY, der FDK Asset Management. Mein neuer Arbeitsplatz wirkte erfreulich heiter, es handelte sich um ein Großraumbüro, in dem ununterbrochen die Telefone heiß liefen, jeder einzelne der Mitarbeiter hing offenbar an der Strippe und fiel nur durch Quatschen und Lachen auf. Es kam mir vor, als ob sie alle irgendeinen Stoff geraucht hätten, der unter das BTM fiel. Da gab es zum Beispiel einen Typen namens Wand, der seinem Namen alle Ehre machte und sich bevorzugt hinter einer solchen versteckte. Dies geschah, indem er sich von morgens bis abends in seinem Büro verschanzte, das von zwei chaotischen Mitarbeitern strengstens bewacht wurde. Den separaten Eingang verbarrikadierte er von innen mit dicken Holzbrettern, die er mit extralangen Nägeln fixierte. Auch die Rollläden seines Büros waren stets heruntergelassen; offenbar war er etwas lichtscheu. Seine rhetorischen Fähigkeiten allerdings stellte er oft erfolgreich bei all denen unter Beweis, die in dieser Hinsicht zwischen anspruchslos und schmerzfrei einzuordnen waren, sprich: bei den Kunden oder der Geschäftsleitung. Hauptsache, die Weihnachtsgeschenke waren üppig. In einer Hinsicht waren sie sich alle einig: Sie wollten möglichst hohe Erträge bei minimalen Risiken erwirtschaften. Das Ergebnis waren Papiere, deren gemeinsamer Nenner war, dass sie niemand mit einem Hauch von Verstand auch nur mit der Mistgabel angefasst hätte. Herkömmliche Staatsanleihen wurden demgegenüber für Teufelszeug gehalten, schließlich brachten sie keine Rendite. Die Tatsache, dass die zuvor konsultierten Experten von Tuten und Blasen im Allgemeinen, aber insbesondere hinsichtlich der Preisfindung von Wertpapieren keine Ahnung hatten, wurde großzügig ignoriert.

Mitarbeit: Kathrin Peter

In den kommenden Wochen präsentieren wir an dieser Stelle weitere Teile aus Tekin Tegidas Erzähltext Rattenrennen. Bisher erschienen sind Teil 1 und Teil 2.

 

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