Reine Geschmackssache

Ein Jahresrückblick unserer Redakteurin Ines Böckelmann

»Bon voyage das Leben ist ne Reise. Spring einfach auf und es zieht seine Kreise. [...] Wie verrückt das Ziel ist die Suche und wenn man was findet ist es das Glück.«
(Freakatronic, »Bon Voyage«, aus dem Album »Error«, 2010)

Ich habe dieses Jahr nicht bewusst nach neuen künstlerischen Einflüssen gesucht, sondern mich berieseln lassen und dadurch ganz ungezwungen zu Dingen gefunden, die ich vielleicht gar nicht vorhatte zu finden. Man hat ja immer Vorstellungen von dem was zu einem passt, da macht man bei der Kunst keine Ausnahme. Sie kleidet einen ebenso wie die Kleidung, die man tagtäglich am Körper trägt.

Über eine Wiederentdeckung
Musikalisch habe ich im Sommer als ich in Frankreich war die Vorzüge von Coldplay wieder zu schätzen gelernt. Vielleicht kann keine Band auf so hohem Niveau auf die Tränendrüse drücken, wie diese. Alles ist irgendwie schnulzig abgehoben und die große Kunst ist es nun, dass dies nicht negativ auffällt. Würde jemand die Musik von Coldplay in einen Roman transkribieren weiß ich nicht, ob ich ihn je lesen würde. Zum Glück ist Chris Martin aber kein Schriftsteller, sondern ein Sänger und seine leicht nasale Stimme schafft es bei ihr auszuharren und verweilen zu wollen, große Gefühle zuzulassen ohne in einer Dunstglocke aus Kitsch zu ersticken. Ich werde Coldplay nun wohl immer mit Frankreich in Verbindung bringen, das Land, wo ich nach mehreren Jahren wieder diese Band gehört habe. Das ist ja gerade das Großartige an Kunst, die mal verrückten, mal leisen konnektiven Einzigartigen, die sie bei jedem einzelnen auslösen kann.

Über das Staunen
Generell hat das Jahr 2012 mich ein wenig weg von der Rockmusik mit ihren dreckigen Gitarren hin zur elektronischen Musik geführt. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde. Wirklich nie hätte ich gedacht, dass ich freiwillig elektronische Musik auflege und ihr mehr als nur ein paar Sekunden lausche, aber dieses Jahr habe ich mir fast nur Platten von  Elektro-Künstlern gekauft. Die Verwunderung rührt daher, dass ich jahrelang mit dem Vorurteil gelebt habe, dass elektronische Musik mit dem Schaffen von Scooter gleichzusetzen sei, alles reine Geschmackssache, aber eben nicht mein Geschmack. Es ist nicht so, als hätte ich mich nun 2012 großartig hineingelesen in die Welt, die für mich, meinem bescheidenen Wissen verschuldet, einfach den Namen Elektro trägt und doch eigentlich so unendlich viele Unterscheidungen in sich birgt, wie jede andere Musikrichtung auch. Sie ist vielmehr einfach über mich gekommen und ich begebe mich seitdem auf eine Entdeckungsreise. Verweile an der einen Stelle etwas länger, einer anderen kehre ich nach wenigen Minuten den Rücken zu und es nicht schlimm, denn ich hatte ja gar keine Erwartungen und kann nur gewinnen.

LouisEx lassen sich mich auf einer Blumenwiese frische Luft atmen, wobei sich am Horizont in der Ferne schon dunkle Wolken ankündigen, so dass ich immer daran erinnert werde, wie marode doch alles ist. Spektre heben mich mit ihren elektronischen Klängen ein wenig in den Weltraum und in Gedanken springe ich vielleicht wie Felix Baumgarnter aus der Kapsel eines Ballons aus 36.000 Metern Höhe und komme unversehrt wieder auf der Erde an und möchte nur noch tanzen. Ich könnte jetzt noch einige Künstler nennen, wie zum Beispiel SBTRKT, deren eingängige Beats und minimalistischer Gesang bewirken, dass  man einfach nicht anders kann als sich zu bewegen, oder Robot Koch, dessen Song »The Other Side« mich auch nach mehrmaligen Hören verwundert, weil er alles ausdrückt ohne das ein Wort gesprochen wird. Alles, was mir erklärt, warum Elektro in meinen Augen Beachtung verdient. Eben nicht diese eintönigen Beats, diese Wums-Wums-Mentalität, die ich jahrelang verächtlich mit einer Handbewegung aus meinem Einflussradius abgewehrt habe, wie lästige Fliegen, sondern Komplexität, die nicht nur von ihrer Lautstärke und ihrem Bass lebt.

Wenn ich mir nun so recht überlege, ist mein ganz persönliches Highlight nach Jahren Zugang zu einer Musikrichtung gefunden zu haben, der ich früher nie eine Chance gegeben habe und worin ich etwas gefunden habe, was ich in den nächsten Jahren sicherlich nicht mehr unbeachtet lassen werde.

 

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