Sade, Defoe, Pasolini

Manfred Poser, den sie früher auch ›Marquis‹ nannten, liest gerne seinen Adelsbruder, den Herrn von Sade

Vor 40 Jahren hat der französische Soziologe Roland Barthes das Buch Sade, Fourier, Loyola geschrieben. Darin geht es um Liebe und Macht, denn der Marquis propagierte das Böse, Charles Fourier eine Republik der Liebe, und Ignatius von Loyola setzte auf Strenge und Gehorsam. Ihr Wirken überspannte zweieinhalb Jahrhunderte – wie auch das meiner drei Protagonisten.

Es fing an mit meiner Lektüre der über zweitausend Seiten der Histoire de Juliette von Donatien Alphonse François, Marquis de Sade (1740-1814). Der Marquis schlüpft in die Rolle der Ich-Erzählerin Juliette, einer Sado-Hure, die ihre libertinistischen, kriminellen Abenteuer in Europa schildert. Es war logisch, daran Roxana anzuschließen, den Roman mit dem Untertitel The Fortunate Mistress, verfasst von Daniel Defoe (1661-1731). Er ist bekannt durch seinen ersten Roman Robinson Crusoe, den er als 59-Jähriger veröffentlichte. Roxana kam als Edel-Prostituierte zu viel Geld, und auch Defoe erzählt als Roxana. Pier Paolo Pasolini (1922-1975) stößt hinzu, weil in seinem postum veröffentlichten Roman Petrolio ähnliche Motive auftauchen.

Weiblicher Akt vor einem Haus bei Oskarshamn, Südschweden (Foto: Manfred Poser, 2010)

Sagen wir also: Es geht um den Themenkreis Mann und Hure – um Geld und Gewalt, Tragik und Untergang. Die Lektüre von Defoe hat mich auf diesen Beitrag gebracht; hier konnte man schön vergleichende Literaturwissenschaft betreiben. Roxana ist der letzte Roman seines Autors, 1724 veröffentlicht, und die eigentümliche Art zu erzählen lässt uns fragen: Was war das für eine Zeit damals? Voltaire war aktiv, der Aufklärer Denis Diderot noch jung, Spinoza schon gestorben, Giambattista Vico, der neapolitanische Philosoph, auch, und Emanuel Swedenborg fing an, aus dem Jenseits zu berichten.

Es war das Zeitalter des Rationalismus. Spinoza bewies haarklein und wie ein Mathematiker die Hypothesen, die er sich vorlegte. Vico ackerte alle Perioden der Menschheit durch und ging der Entstehung von Religion und Poesie nach. Und bei Defoe finden wir das auch: Über Seiten hinweg sondieren Roxana und ihr Mann, ein holländischer Kaufmann, ihre Vermögensverhältnisse, es geht dauernd um Geld, und wenn sie scherzhaft etwas von ihrem Mann wissen will, gliedert sie ihre Fragen in erstens und zweitens. Defoe war auch einmal Kaufmann und homo oeconomicus, für den Geld keine geringe Rolle spielte. Er stand auch einmal am Pranger.

Der Marquis von Posa aus Schillers »Don Karlos« – hier ein Kostümbild um 1820 –, dem der Autor dieser Kolumne seinen Spitznamen verdankt. (Quelle: Goethezeitportal)

Andererseits hat man Angst vor dem Eingreifen des Teufels, aber stärker noch ist der Glaube an die himmlische Gerechtigkeit (»... die früher oder später, wie ich meinte, erwarten zu müssen, auf mich oder meine Habe herniederkommen würde, wegen des fürchterlichen Lebens, das ich geführt hatte«). Unglück ist immer Strafe für irgendetwas, auch da wird genau gerechnet (und der Calvinismus hat das zur Lehre erhoben: Wer erfolgreich ist, gefällt augenscheinlich Gott). Also Unglück, und dann kommt die Ohnmacht. Große Gemütsbewegungen führen damals zum kurzzeitigen Verlust des Bewusstseins, und sogar de Einbuße des Lebens wird befürchtet. Die Gemütsbewegung entspricht also dem Anlass, klare Sache. (So wie der Libertin bei Sade seine Vorstellungen eins zu eins in die Tat umsetzt.)

Das Buch endet mit ihrer glücklichen Heirat, und erwähnt werden am Ende noch »calamities«, in die sie geraten sollte, weil eine Tochter drohte, ihre Vergangenheit zu enthüllen; aber Daniel Defoe hält sich und die göttliche Gerechtigkeit gerade noch zurück, um den Untertitel von der glücklichen Mätresse rechtfertigen zu können. Spätere Herausgeber fühlten sich in ihrem Gerechtigkeitsempfinden beleidigt, und so erhielt die Roxana 1740, 1745 und 1775 angeklebte, von anderen Autoren verfasste Schlüsse, die sie untergehen ließen. Übrigens: die fortdauernde Wirkung von Literatur! Man gebe Mistress Roxana in eine Suchmaschine ein und findet mehrere Dominas dieses Namens in deutschen Städten.

Welche Moral?

Die Moral und die Hure, das hat männliche Autoren oft beschäftigt. Welche Moral konnte man den Lesern zumuten? Musste es eine klare theologische Rechnung sein – Verdammung oder Erlösung? Die Histoire de Juliette des Marquis de Sade liegt außerhalb aller Kategorien, und Juliette lacht höhnisch über alle Publizisten, die als Bannerträger der Moral (und vermutlich oft selbst erregt beim Schreiben) Prostituierte schilderten, die Gottes Strafe trifft. Der Marquis bürstet alles gegen den Strich, dreht alles um: Seitenweise wird das Gute des Bösen gepredigt – sogar der Papst hält Juliette eine Rede, in der er Morde gutheißt –, Dutzende werden gefoltert und getötet, die Tochter bringt den Vater um, die Mutter den Sohn, Juliette verrät ihre beste Freundin, und gegen Ende muss sich einem der Eindruck aufdrängen, dass dies nicht eine mögliche andere Welt ist, sondern die Hölle auf Erden.

Immerhin, wenn jemand wie ich die zweitausend Seiten voll mit immergleichen sexuellen Ausschweifungen durchhält, dann spricht das für den Autor, und das Finale ist großartig: Juliette ist reich geworden und gut verheiratet, während ihre Schwester Justine tugendhaft und arm blieb; und als diese in Panik hinausrennt, trifft sie ein Blitz und tötet sie: Er tritt oben ein und unten wieder aus: göttliche Gerechtigkeit à la Sade. Er selber wurde 74 Jahre alt, wobei ihn doch, könnte man meinen, zehn Mal der Blitz hätte treffen müssen, wenn es so etwas wie himmlische Gerechtigkeit gäbe.

Pier Paolo Pasolini bei einer Reise 1959 in Süditalien (Fotograf unbekannt)

Und nun Pasolini. In seinem Roman Petrolio, einer Collage von Szenen und Skizzen, wird er autobiografisch. Er war homosexuell, und nach dem Abendessen mit der Mutter setzte er sich in seinen Alfa Romeo und fuhr die paar Kilometer vom Stadtviertel EUR in Rom zum Bahnhof Termini, wo man käufliche Jungs aufgabeln konnte. Hier nun ein blitzartiger Sprung zurück an den Anfang, denn Roland Barthes (1915-1980) hielt es ähnlich, speiste mit der Mutter, doch abends musste er ausgehen, er trank einen Kaffee im »Flore«, und da hielt er Ausschau nach den »Böcklein« (so Hervé Algalarrondo in seinem Buch Der langsame Tod des Roland Barthes, 2010), und wenn das nicht so klappte, ging er zu einem Gigolo. Alle im Viertel kannten den Meister, nur der vergötterten Mam erzählte er nie etwas.

Im Roman ist Carlo das alter ego Pasolinis, und am Anfang eines Kapitels heißt es: »Viele Wochen lang frequentierte Carlo den Bahnhof, Ort unendlicher sexueller Möglichkeiten.« Besonders quälend ist die Anmerkung 55, Die große Wiese der Casilina, auf der Carlo wartet, um eine Gruppe Jungs zu empfangen, einen nach dem anderen: Sandro, Sergio, Gianfranco, Fausto, Gustarello, Erminio, Gianni, Pietro.

Über 28 Seiten zieht sich das hin, und penibel werden die Begegnungen geschildert, für die Carlo sich »der Technik einer guten Nutte« bedient, die hastig handelt und ihr eigenes Vergnügen daran verbergen muss. Pier Paolo Pasolini hat sich da entblößt, wie sich auf der großen Wiese Carlo entblößt, und es ist keine Rede mehr von Moral, es ist nur Vollzug mit allen Enttäuschungen und Überraschungen, und das ist auch Literatur, die nur schildert und sich den Teufel darum schert, was die Leute davon halten.


 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!