Scheinbar altbekanntes neu entdecken

Biennale Bonn 2008 (Logo)Seit Jahrhunderten schon ist der Orient – das Hirngespinst im Abendland – der Schleier, der die Blicke trübt und die Sinne vernebelt. Seine Märchen aus Tausendundeiner Nacht, all die tausend Geschichten und Lügen über ihn, liegen uns in den Ohren wie eine einzige Wahrheit. Dichter, Schriftsteller und Diplomaten aus aller Welt trugen gleichermaßen ihren Teil dazu bei, dass sich Europa niemals ernsthaft mit der Kultur und Gesellschaft des Orients auseinandergesetzt hat. Die diesjährige Biennale eröffnet uns nun die Möglichkeit, ein anderes Bild der orientalischen Welt kennenzulernen. Die Türkei, Anatolien und seine Bevölkerung, wird uns die Gelegenheit geben, Künstlern zu begegnen, die ihre eigene kulturelle Identität in der Form darstellen, wie sie selbst sie wahrnehmen.

Orient – Okzident

(An Pierre Loti)

Geheimnis! Gottvertrauen! Kismet! Holzgitter, Karawanserei, Karawane, Brunnenanlage! Silber, die auf Tabletts tanzende Sultanin! Maharadscha, Padischah, Schah von tausendundeinem Jahr. An den Minaretten hängen perlmuttbestickte Pantinen, und Frauen mit hennagefärbten Nasen besticken mit ihren Füssen einen Rahmen. Vorbeter mit grünen Bärten rufen durch den Wind zum Gebet! Das ist der Orient, wie ihn der französische Dichter sah! Das ist der Orient der Bücher, von denen pro Minute eine Million gedruckt werden! Doch es gab weder gestern, noch gibt es heute so einen Orient und es wird ihn auch morgen nicht geben!

Nâzım Hikmet

 
[Aus: Nâzım Hikmet: Die Luft ist schwer wie Blei. 3. Aufl. Berlin: Dagyeli Verlag, 2000. S. 8]

 

Biennale Bonn 2008 (Logo)Seit Jahrhunderten schon ist der Orient – das Hirngespinst im Abendland – der Schleier, der die Blicke trübt und die Sinne vernebelt. Seine Märchen aus Tausendundeiner Nacht, all die tausend Geschichten und Lügen über ihn, liegen uns in den Ohren wie eine einzige Wahrheit. Dichter, Schriftsteller und Diplomaten aus aller Welt trugen gleichermaßen ihren Teil dazu bei, dass sich Europa niemals ernsthaft mit der Kultur und Gesellschaft des Orients auseinandergesetzt hat. Nicht nur die Kunst, Musik und Lebensweise des Orients fand in ihren Schriften ihren Platz. Selbst seine Armut wurde zur Kultur verklärt. Die oberflächliche Darstellung des Orients als einer völlig entpolitisierten Märchenwelt entbehrte dabei jeder Grundlage. Und jene fehlende Grundlage ist es, die nun auch in den heutigen Zeiten die Kommunikation zwischen den Kulturen erschwert. In den Kulturen, die sich niemals vorgestellt wurden, besitzt der Orient keinen Namen. Nur jenen, den ihm träumerische französische, deutsche, britische Abenteurer, Schreiberlinge, andichteten. Die ersten Zeilen des Gedichts von Nâzım Hikmet schildern das Bild des Orients, wie es in der westlichen Welt nachhaltig existierte. Dies ist die unaufhörliche Zurschaustellung einer Kultur, die nicht als gleichwertig betrachtet wurde. Die Anziehungskraft des Orients und des Orientalen speiste sich allenfalls aus einer überspitzten Darstellung einiger seiner kulturellen Eigenschaften. Der Orient glich einem mit Interesse betrachteten Löwen, in dessen Käfig kein Platz für seine Identität blieb. Diese kulturelle Ausbeutung und Marginalisierung ganzer Länder der Region ist der Punkt an dem schon der bedeutende türkische Dichter Nâzım Hikmet seine Kritik ansetzte. In diesem Auszug aus seinem Gedicht Orient – Okzident benennt Hikmet den »Übeltäter«: Pierre Loti. Der französische Schriftsteller, der seinerzeit in Istanbul lebte und maßgeblich das europäische Orientbild beeinflusst hat, ist für ihn die Symbolfigur dieser westlichen Neugier auf eine exotische Traumwelt. Pierre Loti ist die personifizierte Verklärung des Orients. Nâzım Hikmet dagegen versuchte das zu entzaubern, was heute noch wie ein Fluch auf dem Orient lastet, und unterscheidet sich grundsätzlich von jenen »Chronisten«, die in ihren Darstellungen des Orients nicht in der Lage waren, Gesellschaften darzustellen, deren Existenz sich in der Realität nicht auf jene Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gründen. Während Pierre Loti in der Sichel des Anatolischen Bauern den Halbmond zu erkennen glaubte, sah Nâzım Hikmet seinen Schweiß auf der Stirn, seine Hingabe und Not. Während Pierre Loti Azayadehs Lippen bewunderte, hörte Hikmet ihre Worte. Nichts als die Begierde war es, welche die Pierre Lotis dieser Welt in den Orient trieb. Und wiederum sie waren es, die, um ihr selbst generiertes Bild aufrechtzuerhalten, dem Orientalen den berühmt-berüchtigten orientalischen Fes aufsetzten, und den Schleier auf dem Munde der Orientalin fester zogen. Doch dieser Schleier ist der Schleier beider. Er verbirgt nicht nur die Blicke der Orientalin, er verdeckt auch die Augen Pierre Lotis und verschleiert jegliches Bild des Orients das von der romantisch-verklärten Darstellung Europas divergiert. Lange Zeit schon teilen sich Europa und der Orient diesen Stoff, der sie beide gleichermaßen daran hindert, einander zu erkennen. Aber vorbei sind die Zeiten des Schachtürken und der Alaturca-Mode. Niemand wird mehr aus dem Serail entführt, kein Pascha schwingt mehr das Schwert, wie es dem Abendland genehm war. Kara Ben Nemsi ist verschollen in den kurdischen Bergen, und Karl May vermag nicht mehr zu schreiben, was er ohnehin niemals gesehen hatte. Der Orient, wie ihn Europa schuf, ist nicht mehr. Denn der Orient ist mehr als der Schleier vor dem Munde Yasmins. Mehr als Sehrezades braune Augen. Er ist mehr als der Säbel des Sultans, und mehr als das verschlossene Tor des Harems. Der Orient ist mehr als die Darstellung hoffnungslos verlorener Romantiker. Die diesjährige Biennale eröffnet uns nun die Möglichkeit, ein anderes Bild der orientalischen Welt kennenzulernen. Die Türkei, Anatolien und seine Bevölkerung, wird uns die Gelegenheit geben, Künstlern zu begegnen, die ihre eigene kulturelle Identität in der Form darstellen, wie sie selbst sie wahrnehmen. Künstler, die unter keiner zwanghaften Orientierung am Westen leiden und sich ebenso wenig in die orientalischen Schubladen stecken lassen, die jene Pierre Lotis für sie bereit halten. Sie werden keine Kunst präsentieren, die ihnen angedichtet wurde. Ihre Vergangenheit wird ebenso zu spüren sein wie ihre Zukunft. Der Orient wird sich selbst präsentieren. Er wird scheinen, wie er ist, und nicht mehr so sein, wie man ihn hat scheinen lassen. Er bestimmt, wer er ist. Tradition und Moderne werden sich weder hier, noch am Bosporus Istanbuls ausschließen. Und der selbige möge bleiben, was er ist: eine Meerenge, und nicht die Grenze der Zivilisationen und Kulturen. Seine Brücken mögen Kontinente und Menschen verbinden, doch Kulturen verbinden sie nicht. Kulturen verbindet der Mensch, der bereit ist, scheinbar Altbekanntes neu kennenzulernen. Der Mensch, der bereit ist, den Schleier abzunehmen, den ihm ein anderer umgebunden hat. Denn die künstlerische Freiheit kennt keine Verschleierung, es sei denn, der Schleier ist die Kunst. Abendland und Morgenland! Wir sind nicht der Morgen, ihr nicht der Abend. Zusammen sind wir die Dämmerung, weder das eine noch das andere. Der Orient des Europäers: ein Niemals- und Niemandsland!

 

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