Selbstauslöser

Was war und was sein wird – Günter Grass’ Die Box

Günter Grass: Die Box

»Meine Box macht Bilder, die gibts nicht. Und Sachen sieht die, die vorher nicht da waren. Oder zeigt Dinge, die möchten euch nicht im Traum einfallen. Ist allsichtig, meine Box. Muß ihr beim Brand passiert sein. Spielt verrückt seitdem.«

Bei der Box, die Günter Grass’ neuestem Buch zum Titel verhalf, handelt es sich um eine Kastenkamera der Firma Agfa, die in den 1930er Jahren auf den Markt kam. Soweit die Fakten, der Rest ist märchenhaft. Günter Grass bedient sich eines Kunstgriffs, um sein Leben sprechen zu lassen und jene Jahre in den Fokus zu rücken, die sich an den Bericht aus »Beim Häuten der Zwiebel« anschlossen. Ein Vater versammelt seine Kinder um sich und lässt diese über sich reden und urteilen. Um die einzelnen Erinnerungen aus der Vergangenheit heraufzubeschwören, hilft man sich mit den Fotos aus, die Knips-Mariechen, die visuelle Chronistin in Grass’ Leben, mit ihrer Box aufgenommen haben soll. Ihre Fotos zeigen Wunderbares und Unheimliches, Dinge die waren oder hätten sein können, Wünsche ebenso wie Ängste. Mariechens Box »sieht alles, was ist, was war und was sein wird. Die kann keiner beschummeln. Hat einfach den Durchblick.« Ja, das wünscht sich Grass und richtet – im Schreiben des Buches – die Box auf sich selbst. Was man sich hier erlesen kann, ist das (v)erwunschene Bild, das er, sein Werk überblickend, von sich geben will. Es ist ein Handbuch des Schauens, aber kein Buch über seine Familie. Etwas über seine Ehen erfahren? Seine Kinder kennen lernen? Ihm in der Werkstatt über die Schulter spinksen? Nein, das zeigt »Die Box« nicht. Es sind andere Bilder, die Grass arrangiert, um sich gegen jedwede Form von Kritik und Anklage zu wappnen! Seine Kinder sind Kopfgeburten, erstarrt zu austauschbaren Stimmen, die dem Vater Kontur verleihen, indem sie ihn besprechen. Doch damit gelingt Grass etwas Verblüffendes, er entkommt dem Vatermord der Urhorde, den Freud als den Ursprung aller Kultur annahm, indem er die Horde kurzerhand in sein Werk einreiht und auf den Selbstauslöser drückt. »Die Box« ist das Dokument einer Selbstbespiegelung, spannend für Grass-Interessierte, jedoch nur ein unterbelichteter Schnappschuss für diejenigen, die sich Einblicke in das Intimste des Nobelpreisträgers erhoffen.

 

Günter Grass: Die Box. Göttingen, Steidl 2008. 211 Seiten. ISBN 978-3865217714. 18,00 Euro.

 

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