Shake de Fink off de Tree

Fink

Gute Platten brauchen ein wenig Zeit, bis man an ihnen Gefallen findet. Manche werden gar erst im nachhinein groß, obwohl man sie eigentlich nie so richtig in Ruhe zu hören bekam. Auch die neue Fink-Platte brauchte Zeit, bis ich Gefallen an ihr finden konnte. Das liegt aber nicht unbedingt daran, daß sie besonders unzugänglich wäre, sondern vielmehr, daß eine Band, die nun ihr 6. Studioalbum veröffentlicht hat, einen gewissen Erwartungshorizont vor sich herschiebt. Es muß Fink sein – und darf doch nicht einfach nur ein neuer Aufguß von Altbekanntem sein. So wäre meine Erwartung vielleicht am besten zusammenzufassen. Ein schweres Unterfangen. Aber können Fink nach all den Abgängen eigentlich noch Fink sein? Wenn der Schlagzeuger und der Gitarrist die Band verlassen, sollte man doch fast erwarten können, daß sich einiges ändern wird. Im Booklet der letzten CD Haiku Ambulanz ist ein Schwarzweißphoto von Nils Koppruch, dem Sänger der Band, und Andreas Voss, dem Bassisten, abgebildet. Auf einem Hocker sitzt der Sänger und schaut etwas verängstigt in den linken Bildrand. Auf einem frotteeüberzogenen Sofa liegt mit geschlossenen Augen der Bassist. Zwischen zwei Fenstern hinter dem Sofa hängt genau dieses Bild in klein noch einmal, und auf der rechten Seite fast das gleiche Bild, nur sind Sofa und Hocker dort leer. Vielleicht wollten sie mit diesen Bildern eine Verlassenheit ausdrücken, vielleicht Zweifel daran, weiterzumachen? Die Bilder lassen einigen Interpretationsspielraum. Daß dieser Kern der Band nun alleine weitermachen muß, daran erinnert allerdings auf der letzten Seite des Heftes der Satz, mit dem sie sich beim Schlagzeuger und beim Gitarristen bedanken. Fink: Bam Bam Bam (Cover)Ganz anders das neue Booklet. Schon beim Aufklappen der Doppel-CD-Hülle stößt man auf ein Photo, das eine komplette Band zeigt. Die 5 Männer sitzen und stehen bei ihren Instrumenten und halten sich die Ohren zu. Diese gemeinsame Aktion deutet auf ein neues Selbstverständnis als Band hin. War das letzte Album ein wenig uneinheitlich, so hört man bei Bam Bam Bam die Veränderung. Die Platte hat einen eigenen Fluß, wie das bei Fink auch früher schon war. „It’s all one song“, ruft Neil Young am Anfang einer Konzertaufnahme. Fink könnten das getrost auch tun, denn: Fink bleibt letztlich Fink, ja selbst wenn Texter und Komponist Koppruch ohne Voss musizieren müsste, würde man seine Musik erkennen. So klingen die Lieder altvertraut – und sind doch neuartig. Denn neu sind nicht nur die Geschichten, die erzählt werden, auch das Zusammenspiel der Instrumente hat sich verändert, ist rauher geworden, aber dabei nicht unpräzise. So kommt es im Zusammenspiel von elektronisch erzeugten Tönen, etwa bei „Eismann“, nicht zu einem seltsamen Lautgemisch, sondern entsteht aus der Kombination eine Spannung, die den Song zu einer der Perlen nicht nur dieser Platte, sondern unter allen Fink-Liedern macht. Eine andere Größe ist der Titel „Shake de Birds off de Tree“, dessen Text nur aus dieser einen Zeile besteht und die folgenden 3 Minuten des Stücks einleitet. Neben Betrachtungen des herannahenden Eismannes im heißen Sommer und Liebes- oder Antiliebesliedern erzählen Fink auch vom Musizieren. Finks Musik wird oft als deutscher Country bezeichnet. Ob sie das ist oder nicht, war schon immer so egal wie die meisten Stilbezeichnungen in der Rockmusik überhaupt. Dennoch scheint sich Nils Koppruch dazu berufen gefühlt zu haben, zu dieser Frage noch einmal Stellung zu nehmen. Die Antwort in „Doppelhopp“ lautet: „ich dreh meine eigne Tour, ich zieh mein eignes Los [...] Von mir aus ist es nur Musik, ich misch mich da nicht ein [...]“. Vielleicht haben Fink gerade deshalb eine gute Platte gemacht. Sie sind dort angekommen, wo sie, rein musikalisch gesehen, hinkommen konnten. Bam Bam Bam ist ein rundes Album, das allerdings sicherlich keinen Massengeschmack befriedigen wird, denn dafür ist es nicht poppig genug, enthält zu wenige Ohrwürmer und braucht einige Zeit, um auf den Hörer zu wirken (was – muß man das betonen? – nur gut sein kann). Die Angestrengtheit des Vorgängeralbums ist einer neuen Lockerheit gewichen, in der es mehr rockt. Wer Fink live mag, dem wird Bam Bam Bam gefallen, da es von allen ihren Alben der Intensität eines Konzerts am nächsten kommt. Leider jedoch fehlt den Texten die Tiefe, die einen beträchtlichen Teil der früheren Qualität ausmachte. Auf dem Album Fink von 2001 sangen sie in „Hund II“: „Heut nacht werde ich den Hund begraben, heut nacht zieh ich einen Strich.“ Danach fiel kein Wort mehr über die „Stelle, die mich kratzt und quält“ („Diese Stelle“, Loch in der Welt, 1998) oder andere Ängste und Lebensfragen. Das mag einigen befreiend vorkommen, der Intensität der Lieder aber tut es einen Abbruch. Hört man Fink-Lieder nach- und durcheinander, fallen die Unterschiede sehr stark auf. Von der Perfektion in „Sieh mich nicht an“ (Fink, 2001), wo Text und Musik so sehr miteinander verschmelzen, dass die Angst, im Versteck gefunden zu werden, sich in der Musik widerspiegelt, ist nicht viel geblieben. Wer „den Hund begräbt“ und die Stelle, die „kratzt und quält“, einfach zupflastert, der schafft eben nicht mehr unbedingt musikalisch-textliche Höhenflüge. Dem Vogel ist der eigenwillig gewachsene Flügel gebrochen und zu gerade wieder angewachsen. Das ist zwar eine häufig zu beobachtende Entwicklung in der deutschen Musikszene, aber im Falle Fink doch allzu schade, zumal die neue Besetzung musikalisch zu überzeugenden Leistungen fähig ist.

 

Fink: Bam Bam Bam. Ratingen: Trocadero Records, 2005. Ca. 46 Min. Spielzeit. Best-Nr. 5609-2. Ca. 15,- Euro. Fink im Internet: www.finkmusik.de

 

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