Sich selbst finden

Das Ensemble Tiyatrolokomotif gastiert mit Yaban Çocuk (Das wilde Kind), einer Bearbeitung von Peter Handkes Kaspar, bei der diesjährigen Biennale

Biennale Bonn 2008 (Logo)»Ich möcht’ ein Kavallerist werden, wie einst mein Vater einer gewesen ist.« So lautet der einzige Satz, den das verstörte Wesen sprechen kann, das mitten auf der Bühne am Boden kauert, als sich der Vorhang öffnet. Es handelt sich um einen jungen Mann (Barış Şıri), bekleidet mit zerrissenen und für seine große schlaksige Gestalt viel zu kurzen Kleidern, das Haar auf seinem Kopf ist rasiert worden. Immer wieder schaut er sich hektisch um. Er befindet sich in einem kargen Raum, der durch sechs identische Türen mit der Außenwelt verbunden ist. Die Bewegungen des Mannes sind grob und unbeholfen. Mehrmals versucht er aufzustehen, kann das Gleichgewicht jedoch nicht halten und fällt zu Boden. Immer wieder spricht er den einen Satz, in der Hand hält er ein Spielzeugpferd. Dann plötzlich werden die Türen von außen aufgerissen und die »Experten« betreten den Raum, in schwarze Hosenanzüge gekleidete Männer und Frauen mit strengem Blick, die sogleich beginnen, dem wilden Kind fast alle Kleider und das kleine Spielzeugpferd wegzunehmen. Nun muss der verstörte junge Mann einige Untersuchungen über sich ergehen lassen. Ist die Neugier der Experten dann gestillt, bekommt er neue Kleider und wird vorerst wieder allein gelassen, eingesperrt in diesem Zimmer wie ein wildes Tier in seinem Käfig. So oder ähnlich muss die Szene auch gewesen sein, als 1832 in Nürnberg der sich tierähnlich gebärdende Kaspar Hauser aufgefunden wurde, ein ungefähr 16 Jahre alter Junge, dessen Herkunft bis heute nicht geklärt werden konnte. Man vermutet, dass er in einem Kerker gefangen gehalten wurde und abgeschieden von jeglichem Kontakt zu anderen Menschen aufwuchs. Es existiert sogar die Vermutung, dass er ein badischer Erbprinz war, der aus machtpolitischen Gründen aus dem Weg geschafft werden sollte. Fest steht jedoch, dass er, als er gefunden wurde, weder sprechen noch richtig laufen konnte und wohl eher einem wilden Tier als einem Menschen glich. – Das ist der Mythos, den Peter Handke in seinem 1967 uraufgeführten Stück Kaspar verarbeitet hat. Dieses »zeigt nicht, wie ES WIRKLICH IST oder WIRKLICH WAR mit Kaspar Hauser. Es zeigt, was MÖGLICH IST mit jemandem. Es zeigt, wie jemand durch Sprechen zum Sprechen gebracht werden kann.« Mit diesen Worten beginnt Handkes Stück und diese Worte sich gleichzeitig programmatisch für die Produktion Yaban Çocuk (Das wilde Kind), mit der das Ensemble Tiyatrolokomotif bei der Biennale Bonn :Bosporus 2008 zu Gast ist.

Szenenfoto aus »Das wilde Kind« (»Yaban Çocuk«). Inszenierung des Ensemble Tiyatrolokomotif (Foto: © Mehmet Ali Üzergün)
Szenenfoto aus Das wilde Kind (Yaban Çocuk)
Inszenierung des Ensembles Tiyatrolokomotif
(Foto: © Mehmet Ali Üzergün)

Die Gruppe zeigt eine Bearbeitung von Handkes Kaspar, das 1984 zum ersten Mal ins Türkische übersetzt wurde. Die Inszenierung entstand bereits 2005 unter der Leitung des Regiesseurs Ahmet Bülent Acar, der sich im Zuge der Diskussionen über einen möglichen Beitritt der Türkei in die EU die Frage stellte: Wie kann man die erzwungene Verwandlung eines unterentwickelten Wesens in ein eigenständiges Individuum heute neu interpretieren? Ziel und Zweck der Inszenierung sei es gewesen, das Augenmerk auf das Identitätsproblem der Türkei zu lenken und den Prozess des »Sich-selbst-neu-Findens« auf kultureller Ebene durch Diskussionen anzukurbeln. Die mythologische Figur Kaspar Hauser, der durch äußeres Einwirken zum Sprechen gebracht wird und über die Sprache zu seiner Identität findet, wird so in Ahmet Bülent Acars Interpretation zum Spiegel für die aktuell in der Türkei ablaufenden Prozesse, in denen sich die kulturelle Landschaft zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne immer wieder aufs Neue definiert.

Auch wenn es sich bei Yaban Çocuk um eine Bearbeitung des Handke-Textes handelt, so bleibt die Inszenierung doch über weite Strecken recht nah am Original. Zu Beginn heißt es in Handkes Kaspar, das Stück könne ebensogut ›Sprechfolterung‹ genannt werden und dieses Wort beschreibt wunderbar treffend, was mit dem jungen Kaspar geschieht. Er wird nämlich den unterschiedlichen Stimmen von zahllosen »Einsagern« ausgesetzt, die pausenlos auf ihn einreden und durch diese permanente sprachliche Reizung versuchen, Kaspar zum Sprechen zu bewegen. In der Version des Tiyatrolokomotif treten die Einsager in Gestalt der bereits zu Beginn erwähnten Experten auf, die manchmal durch eine der Türen die Bühne betreten, um Kaspar einen Stuhl oder andere Gegenstände zu bringen, die manchmal aber auch aus dem Off zu ihm sprechen. Gleichzeitig wird die Szene mit Musik und einer leicht bedrohlich wirkenden Geräuschkulisse hinterlegt, die an ein tierisches Stimmengewirr aus dem Urwald erinnert. All diese akustischen Reize scheinen das wilde Kind zu überfordern und das Publikum empfindet Ähnliches, zumal für die Mehrzahl der Zuschauer noch eine weitere Stimme hinzu kommt: die des deutschen Synchronsprechers im Kopfhörer nämlich. Doch auch wenn es manchmal aufgrund der unterschiedlichen Stimmen der Experten und der Geräuschkulisse im Hintergrund schwer fällt, der deutschen Übersetzung zu folgen, erzielt diese akustische Reizüberflutung auch einen positiven Nebeneffekt: Der Zuschauer erfährt am eigenen Leib, wie Kaspar das Stimmengewirr empfindet und kann erahnen, wie jemand, der kaum sprechen kann und keinen Kontakt zu anderen Menschen gewohnt ist, sich unter dem Einfluss einer solchen sprachlichen Reizung fühlen muss. Nach und nach werden immer mehr Gegenstände zu Kaspar ins Zimmer gebracht. Ein Tisch mit einer heraushängenden Schublade, ein Stuhl, ein Tisch, dem zwei Beine fehlen, ein Garderobenständer, eine Schere, Streichhölzer, ein Schaukelpferd. Mit der Zeit gelingt es Kaspar, sich einen Überblick zu verschaffen. Er lernt, die Dinge beim Namen zu nennen und plötzlich flößen sie ihm keine Angst mehr ein. Er beginnt die Gegenstände im Zimmer hin und her zu räumen und schafft so Ordnung. Ständig lernt er neue Worte und Sätze und auch seine Bewegungen werden immer sicherer und kontrollierter. »Seit ich sprechen kann, kann ich ordnungsgemäß aufstehen; aber das Fallen tut erst weh, seit ich sprechen kann; aber das Wehtun beim Fallen ist halb so schlimm, seit ich weiß, dass ich über das Wehtun sprechen kann«, sagt Kaspar wie zu sich selbst und tut damit einen weiteren wichtigen Schritt in seinem Individuationsprozess: Er reflektiert sein eigenes Denken und Handeln.

Szenenfoto aus »Das wilde Kind« (»Yaban Çocuk«). Inszenierung des Ensemble Tiyatrolokomotif (Foto: © Mehmet Ali Üzergün)
Szenenfoto aus Das wilde Kind (Yaban Çocuk)
Inszenierung des Ensembles Tiyatrolokomotif
(Foto: © Mehmet Ali Üzergün)

Nun greifen die Experten wieder ins Geschehen ein. Kaspar wird in einen schwarzen Frack gekleidet und bekommt eine blonde Perücke aufgesetzt. Nachdem er das Zimmer verlassen hat, erscheint sein Kopf als Projektion auf der Stirnwand des Raumes. Er wird zum Beobachter der Experten, die nun aus allen Richtungen die Bühne überqueren und auf großen Pappen Bilder der verschiedensten Gegenstänge hin und her tragen. Und schließlich verschwindet das Gesicht Kaspars und die Wand wird für ständig wechselnde Projektionen genutzt. Gezeigt werden Menschenmassen in einem Einkaufszentrum genauso wie die Sprengung eines Hochhauses oder Szenen eines Bombenangriffs. Wieder nimmt der Zuschauer die Perspektive Kaspars ein und wieder summieren sich die Bilder zu einer Reizüberflutung – dieses Mal jedoch optischer Natur, denn die Experten bleiben die ganze Zeit über stumm.

Am Ende tritt Kaspar vor den geschlossenen Vorhang. Er trägt noch immer den schwarzen Frack samt Fliege und hat die Perücke auf dem Kopf. Er wirkt etwas schüchtern, doch er weiß nun, wie er sich zu verhalten hat, er kennt die Regeln der menschlichen Gesellschaft und kann sich sprachlich mitteilen. Die Experten haben ihr Ziel erreicht, sie haben das unterentwickelte Wesen erfolgreich in ein eigenständiges Individuum verwandelt. Sie haben das wilde Kind gezähmt. Doch als Kaspar den Epilog spricht, wird deutlich, dass der Prozess seiner Identitätsfindung längst nicht abgeschlossen ist. Das Gerüst, an dem er sich festhält und auf das er seine Sicht der Welt gründet, besteht nur aus erlernten Floskeln und Gemeinplätzen:

Jeder muss sich vor dem Essen die Hände waschen Jeder muss im Gefängnis die Taschen leeren Jeder muss vor der eigenen Türe kehren [...] Keiner darf Kaffee aus Untertassen trinken Jeder muss jedem zuwinken Jeder muss sich die Nägel schneiden Keiner darf den anderen das Leben verleiden [...] Keiner darf den anderen bei der Beerdigung kitzeln Keiner darf Toilettenwände bekritzeln Keiner darf das Gesetzbuch zerschnitzeln

Und genau wie Kaspar sich ständig selbst neu finden muss, so stellt auch die Türkei ihre eigene kulturelle Identität immer wieder in Frage. Auch sie ist beeinflusst von äußerem Einwirken, hin und her gerissen zwischen den Polen Orient und Okzident, zwischen der Rückbesinnung auf traditionelle Werte und der Orientierung am modernen Westen. Und so wird die Selbstfindung Kaspars zur Metapher für die Suche der Türkei nach kultureller Identität. Die Absicht des Regisseurs Ahmet Bülent Acar, der mit seiner Bearbeitung von Handkes Kaspar zum Nachdenken über die Identität seines Landes anregen will, ist vollständig aufgegangen. Der Inszenierung Yaban Çocuk gelingt es, den Stoff um Kaspar Hauser auf eindrückliche Weise auf aktuelle Probleme und Fragestellungen anzuwenden. Damit werden die Zuschauer nicht nur – im Sinne Ahmet Bülent Acars – zum Nachdenken über die Vielschichtigkeit der türkischen Kultur angeregt, es wird überhaupt erst das Bewusstsein dafür geschaffen, dass sich sowohl jede Gesellschaft, als auch jedes Individuun in einem ständigen Prozess der Identitätssuche befindet. Die Inszenierung gibt also auch Anstoß zur Reflexion über die eigene Identität sowie den Zusammenhang zwischen Individualität und Gesellschaft. Die Bearbeitung der Gruppe Tiyatrolokomotif geht damit weit über die bloße Auseinandersetzung mit der zum Mythos gewordenen Figur Kaspar Hausers hinaus und zeigt auf beeindruckende Weise, »was MÖGLICH IST mit jemandem«. Yaban Çocuk (Das wilde Kind). Schauspiel von Ahmet Bülent Acar und Bozkurt Şener nach Peter Handkes »Kaspar« (in türkischer Sprache mit Simultanübersetzung). Tiyatrolokomotif/PERDE – Performing Arts Research and Practice Association, Ankara. Theater Bonn – Alter Malersaal_Bonn-Beuel. Inszenierung: Ahmet Bülent Acar. Deutschland-Premiere.

Fotos: © Mehmet Ali Üzergün

 

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