Sir Arthur Conan Doyle lebt!

Manfred Poser hat ein Buch aufgespürt, in dem der Schöpfer des Sherlock Holmes aus dem Jenseits Ratschläge gibt

Im vergangenen Dezember kam der Film Spiel im Schatten in die Kinos, gedreht von Guy Ritchie. Robert Downey jr. spielt den Sherlock Holmes, Jude Law den Doktor Watson. Es ist die Fortsetzung von Sherlock Holmes, und man könnte sagen, dass der geniale, in London tätige Detektiv die berühmteste literarische Gestalt aller Zeiten ist.

Heuer jährt sich zum 125. Male das Erscheinen des ersten Holmes-Bandes, Eine Studie in Scharlachrot. Die Helden sind Raucher. Holmes: »Ich hoffe, Sie stört der Rauch eines starken Tabaks nicht. Oder doch?« Watson: »Ich rauche immer Ship’s Sir Arthur Conan Doyle (1859–1930) war damals knapp 30 Jahre alt und schrieb 40 Jahre weiter, erweckte den Meisterdetektiv wieder zum Leben, den er die Schweizer Reichenbach-Fälle hatte hinabstürzen lassen, und beendete den Zyklus 1927.

Neu erschien außerdem Das Geheimnis des weißen Bandes, geschrieben von Anthony Horowitz und der erste ›echte‹ Holmes seit Conan Doyles Ableben, da von der Conan-Doyle-Stiftung autorisiert. Er wird nun – eigentlich unerhört – zum Hauptkanon gezählt, gilt also als fünfter Roman, ergänzend zu den 56 Erzählungen (wenn ich richtig gezählt habe). War der Meister überhaupt einverstanden? Man hat ihn wohl nicht gefragt. Oder es nicht für nötig erachtet. Ist ja schon lange tot.

Der Philosoph Roger Straughan sieht das vermutlich anders; er hätte gewiss eine Methode gefunden, Conan Doyle einen neuen Roman zu entlocken. Allerdings muss man sagen, dass so etwas noch nie überzeugend gelungen ist. Die Kommunikation mit der unsichtbaren Welt ist mühevoll und mit Mängeln behaftet. Straughan hat 2009 sein Buch A Study in Survival veröffentlicht.

Ich war elektrisiert, denn das war traumhaft: Botschaften aus dem Jenseits anhand von Passagen aus Büchern, noch dazu von einem berühmten Autor, der sich dazu herablässt, als sein eigener Bibliotheken-Engel zu fungieren.

Die Kurzfassung: Ein Engländer, der in seinem Berufsleben Studenten an das philosophische Denken gewöhnte, ist überzeugt, dass sein Lieblingsautor Conan Doyle, den er kurz ACD nennt, ihm die Hand führt. Zehn Jahre lang stellte er sich, wenn er ein Problem hatte, vor die 2,5 Regalmeter mit den Büchern des Autors, griff blind eins heraus und las, was ihm in die Augen sprang. Er fand die Treffsicherheit der Stellen unglaublich; das konnte kein Zufall sein. Er begann zu experimentieren, und je mehr Zeit verging, desto überzeugter wurde er.

Straughans Bücherwand mit der Conan-Doyle-Gesamtausgabe (Foto: R. Straughan)

Der Hund von Baskerville

Es fing damit an, dass Sgott, Straughans Hund, im Sterben lag. Dann war es vorbei. Herrchen ging zu Bett, fragte sich, ob sein Hund hatte leiden müssen, und nahm zerstreut einen 1000-seitigen Band mit Holmes-Kurzgeschichten zur Hand. Stieß auf die Stelle: »Sein Abgang war so rasch und schmerzlos, wie man sich nur wünschen konnte.« Wie? Erst war es nur ein Spaß, doch immer öfter stieß er auf Stellen mit Hunden, und als er einen neuen kaufen wollte, fand er etwas mit Hunden (Mehrzahl), an der Straße nach Ascot. Da war ein Zwinger, und tatsächlich waren Roger Straughan und seine Frau bald Besitzer von zwei Hunden. Er fragte also öfter im Geiste nach Rat, schloss die Augen und griff dorthin, wo seine Hand hinwollte.

Sir Arthur Conan Doyle
Sir Arthur Conan Doyle (Quelle: George Grantham Bain Collection, U.S. Library of Congress; ohne Datum)

»Die Treffsicherheit dieser Lesungen raubte mir den Atem«, schreibt der Philosoph. (Wer das Phänomen kennt, versteht das gut.) Bald musste er sich eingestehen, dass es zu viele Koinzidenzen waren, um noch mit purem Zufall erklärt werden zu können. Es musste »eine externe, intelligente Kraft« dahinterstecken. Im Conan-Doyle-Buch Through the Magic Door fand er: »Die Persönlichkeiten der Autoren sind in die blassesten Schatten verblichen wie ihre Körper, die im unfassbaren Staub verschwanden, und dennoch ist ihr Geist hier, dir zu Diensten. [...] Die Toten sind eine solch gute Gesellschaft!« Bücher als Brücke zwischen dem lebenden Leser und dem toten Autor.

Freilich, eine Stelle auf Seite 72 schwächt Straughans Argumentation. Er gibt zu, dass nur mehr als ein Drittel der Lesungen ihn total überraschte und zutreffend war, und dass in weniger als der Hälfte der Fälle die Methode kein überzeugendes Resultat erbrachte. Das brachte wohl Tom Ruffles in der Fortean Times Anfang 2010 dazu, dem Autor ›selektive Wahrnehmung‹ vorzuwerfen. Dennoch sind 35 Prozent spontane Treffer über 10 Jahre hinweg mehr, als man sich erträumen kann, zumal es um präzise Sachverhalte geht und nicht um das Raten von Kartensymbolen.

Conan Doyle glaubte ans Weiterleben der Toten

Ich glaube nicht mehr an die Beweiskraft von Zahlen in der Parapsychologie, vielleicht nicht einmal mehr an das Fach an sich. Roger Straughan legt sich immer wieder die Frage vor, ob es wirklich sein kann, dass ... Er argumentiert und ist eigentlich skeptisch bis zuletzt. Was hilft es? Wer dies alles für Unsinn hält, ist nicht zu überzeugen. Man kann über hunderte Seiten überzeugend argumentieren, und dann kommt bestimmt einer wie Tom Ruffles und senkt den Daumen. Man muss das Buch lesen und wird überzeugt sein. Es ist eine gute Geschichte.

Conan Doyle ließ sich 1916 vom Weiterleben der Toten überzeugen und gab bis zu seinem Tod 1930 alles, um auch andere zu überzeugen – er hielt Lesungen in allen Teilen der Welt, schrieb Bücher (etwa 1927 Phineas Speaks, im Volltext hier nachzulesen) –, um seiner Welt von einer künftigen Welt zu künden, die nicht unbedingt eine bessere wäre, sondern eine, deren Aussehen von der individuellen Lebensführung abhinge.

Straughan bekam nützlichen medizinischen Rat, Hinweise auf Cricket (Conan Doyle war auch passionierter Sportler, liebte Skifahren und Autorennen), und meistens schlug der Charakter des großen Autors durch: Er war großherzig, ironisch, gründlich und wurde schnell ungeduldig wie alle Genies. Wenn Straughan eine Frage nochmal stellte, musste er meistens lesen: ›Das habe ich schon einmal gesagt.‹ Gegen Ende des Buchs schreibt der Philosoph: »Nicht zum ersten Mal spürte ich, dass ich in einer Konversation steckte, und nun hatte ich keine Zweifel mehr, mit wem ich diese Konversation führte.« Und dann, als Roger Straughan, nunmehr pensioniert, an das Buch dachte, das dann erscheinen sollte, holte er sich wieder Rat bei ACD ein. Und was las er sogleich? »I am your friend, and I wish to help you.« Es war aus den Collected Stories, Seite 718. Wer würde solch ein Angebot ausschlagen?

* * *

Letzten Oktober, auf einer Frankreich-Reise, erschien mir mein von 26 Jahren verstorbener Vater im Traum. Er sagte, er hätte gern ein Buch von Kipling verlegt, und da würde ich mehr über ihn erfahren. Gelesen hat mein Vater aber nie. Kipling, das kam überraschend. Ich selber kenne Kim, aber sonst interessierte er mich nicht besonders. Das gemeinte Buch konnte nur Something about me sein, die Autobiografie, kurz vor seinem Tod 1936 erschienen.

Rudyard Kipling, der Literatur-Nobelpreisträger von 1904, besprach sich oft mit seinem Vater, der auch Autor war. Hatte dieser eine Arbeit vollendet, war er immer unzufrieden und meinte, alles neu schreiben zu müssen. Sein Sohn denkt genauso, und dann kam die Stelle, die mir in die Augen sprang: »... aber, wenn es möglich ist, werden er und ich das in einer besseren Welt tun und derart, dass sich die Erzengel darüber wundern.« Das war es wohl, was mir mein Vater hatte sagen wollen.


 

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