Skandallos gut

Frank Wedekinds Lulu im Schauspiel Bonn

Wütend zugeschlagene Türen, ein erregtes und laut protestierendes Publikum, sich vor Aufregung überschlagende Feuilletons – welcher Theatermacher träumt nicht von solch einem handfesten Theaterskandal? 

Die saturierten Bürger auf ihren Aboplätzen aus ihrer Lethargie herausreißen und dazu zwingen, zum Geschehen auf der Bühne Stellung zu beziehen. Aufmerksamkeit erzeugen durch gut gesetzte Grenzüberschreitungen – ganze Regiekarrieren sind mit dieser Strategie verbunden (Peymann, Castorf, Schlingensief). Aber ist der Skandal auch heute noch möglich, zu einer Zeit, in der Nacktheit auf der Bühne eher dezentes Gähnen hervorruft oder Blut und andere Körperflüssigkeiten schon fast nostalgische Gefühle wecken? Wenn er überhaupt möglich ist, dann doch wohl mit einem Stück wie dem von Frank Wedekind: Lulu, die verruchte Femme fatale, der die Männer verfallen sind und deren Weg von um ihretwillen gestorbene Männer gepflastert ist.  Lulu, ein Text, der um 1900 zu einer Vielzahl von Prozessen geführt hat, der vom Autor vielfach umgeschrieben und geglättet wurde und dennoch zu Lebzeiten des Autors nicht in voller Länge aufgeführt wurde. Lulu, ein kaiserzeitliches Skandalstück par excellence. Auch noch ein Skandal im 21. Jahrhundert? 

THEATER BONN: LULUUm es gleich vorwegzunehmen: Der große Theaterskandal ist in Bonn ausgeblieben. Dabei hatte doch Regisseur Markus Dietz alles an Materialien aufgeboten, was dazu nötig ist: viel Nacktheit, Blut und am Ende gar Innereien, die aus Lulu hervorgerissen werden. Außerdem hatte er die ursprüngliche, fünfaktige Fassung des heute als Doppeldrama aufgeführten Stücks spielen lassen, die doch als die radikalste Fassung gilt. Aber dennoch klatschte das Publikum nach immerhin dreieinhalb Stunden Theater brav, wenn auch ein wenig benommen, dennoch sind bis auf zwei Dämchen alle auf ihren Sitzen geblieben. Was ist schief gelaufen? Nun, zunächst ist festzuhalten, dass es der Inszenierung gegen den Augenschein nicht daran gelegen war, einen Skandal zu entfachen. Man könnte sagen: im Gegenteil. Trotz des überaus erotischen und am Ende auch sehr blutigen Geschehens auf der Bühne, trotz Händen, die unter Lulus Rock gleiten oder Spargel, der in eindeutiger Weise ins Spiel eingebunden wird, setzt Dietz diese nicht als Schockeffekte ein, sondern fast im Vorübergehen, als einen notwendigen Teil des Körperspiels, dem die Bühne gehört. Besonders deutlich wird das in Bezug auf die Titelfigur. Nicht selten steht und fällt eine Inszenierung mit der Interpretation, die Regisseur und Schauspieler für die Hauptrolle erarbeiten. Aber kaum ist das bei einer weiblichen Figur so ausgeprägt wie bei Lulu. Und die Bonner Lulu umgeht sehr elegant alle Fallstricke, mit der diese flach wirken würde. Diese Lulu ist ein komplexes Wesen, in der zwischen Liebesbedürfnis und Erotik, Ennui und Devotheit, Spielfreude und Existenzkampf vermittelt wird. Es ist die große Leistung von Anastasia Gubareva, diese ungeheure Spannweite der Figur zusammengehalten zu haben. Fast bei jeder Replik wechselt sie ihren Ton, mal springt und tollt sie mit einem Verehrer über die Bühne, sitzt dem alten Ganoven Schigolch lolitahaft auf dem Schoß, mal gibt sie das berechnende Biest, dann wieder die glamouröse Dame. Ihr liegen die Männer zu Füßen, und das nicht nur auf der Bühne. Markus Dietz spielt mit der Erotik der kulleräugigen schönen Frau, die Bühne ist ganz auf sie zugeschnitten: Auf bis zur Bühnenrückwand laufenden weißen – nach der Pause schwarzen – Kunststoffbahnen ermöglichen zwei von oben und unten in die Bühne gleitenden Plexiglaswände, dass sie Spielfläche in drei Räume unterteilt werden kann: einen vor der ersten, einen hinter der zweiten und einen zwischen den Wänden. Die Lamellen der Plexiglaswände lassen das, was sich hinter ihnen befindet, mehr erahnen als sehen – und genau damit spielt die Inszenierung gerade in Bezug auf Lulu. Es ist ein Spiel mit dem Begehren, dem die Titelfigur sich teilweise spielerisch entzieht, indem sie sich etwa hinter den Wänden umkleidet oder ihr provokantes ›Kostüm‹ anlässlich des Künstlerballs zunächst dem Publikum vorenthält, ein Begehren, das sie aber gleichwohl bedient durch ihre Nacktheit, ihre mitunter aggressive Erotik und ihrem Spiel mit den ihr zugewiesenen Rollen, die sie alle annimmt, ohne in ihnen aufzugehen. – Das Stück hat seine stärksten Momente da, wo man an sich selbst und an der Reaktion im Publikum beobachten kann, wie entwaffnend die sinnliche Offenheit dieser Lulu ist, wie stark ihr im ersten Teil geradezu atemloser Lebensdrang auf diejenigen wirkt, die Mühe haben, ihrem Tempo zu folgen. Während also der erste Teil – ganz nach der Logik des Textes – der temporeichere, bisweilen fast übermütige Teil ist, verdüstert sich nach der Pause die Atmosphäre und schlägt die Erotik in Gewalt um, erneut ohne krasse Brüche, sondern so, als müsste es so sein. Es liegt in der Eleganz dieser Inszenierung, in den so selbstverständlichen Extremsituationen, die der Abend bietet, eine Art von Fatalismus: Man stellt sich nicht die Frage, wie alles so weit hätte kommen können, denn es war alles schon irgendwie angelegt in der Hatz nach Liebe, Erfüllung, Sex – oder was immer Lulu sucht. Zwar wehrt sie sich dagegen, zu sterben – ihren im Stück seltsamerweise Schöning (und nicht wie bei Wedekind Schön) genannten dritten Ehemann erschießt sie, statt seinem Wunsch nachzukommen, die Welt von ihr zu erlösen. Doch als sie Jack the Ripper am Ende zum Opfer fällt, wirkt sie wie eine Märtyrerin der Sinnlichkeit, wie eine, die gehofft hat, zu entkommen, aber doch ahnte, dass ihr Leben nicht ohne Preis sein kann – sie hat sich erschöpft. Dass man sich über dreieinhalb Stunden nicht langweilt, sondern an den durchgehend exzellenten Schauspielerleistungen mit einer herausragenden Lulu erfreuen kann, dass alle diese sogenannten Schockeffekte wichtiger Teil eines in seiner Radikalität doch seltsam vertrauten Bühnengeschehens sind, dass nur Theater diese unmittelbare Sinnlichkeit des Körperspiels erfahrbar macht, dafür wird diese Inszenierung in Erinnerung bleiben. Auch ohne Skandal. LULU.  Schauspiel von Frank Wedekind. Theater Bonn. Regie: Markus Dietz. Nächste Vorstellung: 16. Juli 2011. www. theater-bonn.de.


 

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