Solo für Onkel

Manfred Poser wird durch ein fast zeitgenössisches Buch an seine Tage in Hamburg als Rock(kritik)er erinnert

Vor einem deutschen Nationalfeiertag über dieses unser Land schreiben, hier und heute! Ich mache das indirekt: Schreibe über Geschriebenes, indem ich mich über zwei (fast) zeitgenössische Romane auslasse. Da bin ich zufällig hineingeraten.

Zwischen meiner 22-jährigen Nichte Franziska und ihrer Freundin Ann-Cathrin war ein Disput über ein Buch entstanden, und sie wünschten mein Urteil. Das Buch war wir schlafen nicht von Kathrin Röggla, 2006 erschienen. Ich fand’s toll. Danach, meinte Franzi, könnte ich eigentlich ganz gut oder müsste ich eigentlich noch Soloalbum von Benjamin von Stuckrad-Barre lesen, was sie für genial hält. Es ist 1998 erschienen, als die Franzi neun war: für sie also ein alter Schinken. Für ihren Onkel jedoch, der den Parsifal und die Werke von Sohrawardî von 1200 liest und die Göttliche Komödie von 1300, ist Soloalbum praktisch eine Neuerscheinung.

BStB solo

Jetzt läuft also nebenher die Musik der Band Oasis, die mit zum Soundtrack der 1990-er Jahre beitrug, neben U2, den Red Hot Chili Peppers, Nirvana und den Guns ’n’ Roses. Benjamin von Stuckrad-Barre (nennen wir ihn kurz, heute macht man das so, BStB und sprechen wir es Beastie Bee aus) verehrt diese Band, und der letzte Satz seines Buches lautet: »Ja, ›Definitely Maybe‹, das ist der beste LP-Titel aller Zeiten.« Es ist auch eine gute LP (so hieß das damals, Longplay). Melodiöser ist (What’s the Story) Morning Glory?, das Oasis den Titel »Beatles der 1990-er Jahre« eintrug.

Später eigene Musik aufgelegt, Washing Machine von Sonic Youth, war vor 20 Jahren Kult, das scheppert und trifft alle schrägen Töne, und damals las ich regelmäßig den Melody Maker aus London mit den besten Platten- und Konzertkritiken ever, manchmal nur 20 Zeilen lang, kryptisch und abgefahren und keiner bekannten Droge zuordenbar.

Der Autor 1989 in Hamburg (Foto: Manfred Poser)
Der Autor dieser Kolumne 1989 in Hamburg,
als böser Rocker verkleidet
(Foto: Manfred Poser)

Soloalbum: Wir befinden uns im Hamburg der Jahre 1996 und 1997. BStB war damals 22, und dass ein so junger Mann diesen Klarblick auf Stereo­typen und Zombie-Typen hat, wenngleich verschärft durch Frust und Koks, haut einen um. Obwohl ich ja fast 20 Jahre älter bin als er, war ich noch 1990 in Hamburg, hatte auch mit dem Musik­business zu tun und fand eine Menge An­knüp­fungs­punkte: die Beastie Boys, die Pet Shop Boys, den Hype, den Trash, die Exzesse (seltener) … und ich, immer kontemplativ und schüchtern gewesen, lese es mit großen Augen. So erfährt man auch, was da zwischen jungen Männern und Frauen passiert (oder nicht). Klingt nicht so, als ob ich viel verpasst hätte.

Dann gibt es Sätze, die etwas altklug und nach Hemingway klingen, aber leider stimmen, auch 20 Jahre danach noch: »Es ist nur einfach alles nicht so, wie ich mir einmal das Leben, die Liebe vorgestellt hatte, aber das macht ja weiter nichts.« Am stärksten ist BStB, wo er richtig böse und zynisch wird: wenn er Leute verbal abkanzelt, die wandelnde Gemeinplätze sind; wenn er mit Verve hinschreibt, wie banal die Wirklichkeit ist. Doch die meisten Leute kapieren nichts. Leider.

Als ich auf die Amazon-Seite von Soloalbum schaute, gab es 222 Rezensionen. 39 Leserinnen und Leser vergaben nur einen Stern, und das sind nun genau die 20 Prozent, die gar nichts blicken. Die schreiben dann Sätze wie diese:

»Ich fand es in seiner kurzweiligkeit durchaus lesenswert.«

»Der Autor beschreibt Alkoholexzesse in einer abartigen und trivialen Sprachgestaltung, welche signifikant für die Popliteratur ist.«

»Was passiert denn? [...] Aber: Soloalbum ließt sich flott, und da vergisst man die ganze Irrelevanz des Inhalts schon mal.«

»Absolut langweilige Liebesgeschichte und schlechter Schreibstil (aber eventuell gewollt – ?). Soloalbum sollte ein Einzelfall bleiben.«

»Soloalbum ist ein vollkommen triviales Buch. Es ist so geistlos, dass jeder halbwegs begabte Grundschüler ein tiefgründigeres Buch schreiben könnte.«

»Wozu soll man dieses Buch lesen? Diese Frage stellte ich mir von Seite zu Seite aufs Neue. Leider hielt ich durch, ich weiß bis heute nicht, wieso.«

»Der Protagonist (oder der Autor selbst? Man weiß es nicht!) ist dauer-depressiv und dümpelt so also die komplette Story vor sich hin und hat es sogar geschafft, mir persönlich schlechte Laune einzuflössen!«

Es geht um alles, wenn es um nichts geht

Zwischen den Zeilen spürt man es: Literatur triumphiert. Leute haben es durchgehalten, ohne zu wissen wieso, bekamen schlechte Laune dadurch und fanden, dass es sich flott »ließt«. In Soloalbum geht es wirklich nur am Rande um das Ende der Beziehung mit der 20-jährigen Katharina: Es geht um ALLES, um Deutschland im Jahr 1996, um die ganze Trostlosigkeit des Lebens, die Langeweile, um Sehnsüchte, die enttäuscht werden, und mehr kann ein Roman nicht leisten.

Dem Buch Auch Deutsche unter den Opfern, BStBs jüngstem Werk, wird von der PR die Qualität angedichtet, die Wirklichkeit zu schildern. Zum besten »Chronisten unserer Zeit« adelt ihn gerade die Zeit, aber da reden Leute, die das, was in Politik und Medien geschieht, für die Wirklichkeit halten und sich selber für wichtig. Der Autor ist aber stets entweder zu weit weg (als Fan) oder zu nah dran (als Promi unter Promis). In den zehn Jahren seit Soloalbum ist eben viel mit BStB passiert, und einen lichten Moment hat der Autor in dem Beitrag Vor Herlinde Koelbls Kamera. Da wirkt er zerknirscht, und das steht ihm gut. Sonst wirkt vieles in dem Buch antiquiert, weil Promis von gestern nicht immer die Promis von heute sind.

 

Steh auf! Das Leben ist schön (Foto: Manfred Poser)
Gesehen im August in Jesingen bei Kirchheim unter Teck
(Foto: Manfred Poser)

Soloalbum wirkt heute auch antiquiert, aber auf charmante Weise. Es spielt zu den Zeiten der Kohl-Regierung, der Regierung der »moralischen Erneuerung«, und dann taucht jemand auf, dem der Erzähler 10 Mark geliehen hat. Plötzlich verspürte ich den Wunsch, einen 10-Mark-Schein in der Hand zu halten (und hatte keinen mehr). Gleichzeitig stützt der Roman meine These des ewigen Stillstands. Die Konstellationen bleiben immer gleich, nur die Personen wechseln. Kohl gestern ist Merkel heute, Seehofer ist Strauß, Löw Beckenbauer, Vettel Schumacher und Klaus Kleber das, was Peter Hahne vor Ulrich Wickert war: der gute Onkel der Nation, der moralische Verbrämer der schlechten Nachricht, das lebende Schlafmittel.

Wir schlafen nicht

Die B-Seite von Soloalbum ist weniger prickelnd. Beim Hamburger Trash läuft BStB zu großer Form auf, mit der Glätte der Münchner Schickeria kann er wenig anfangen. Aber dafür ist es auch die B-Seite, und The Masterplan von Oasis, eine Kollektion von B-Seiten, dröhnt seit geraumer Zeit auch etwas unmotiviert vor sich hin. Auf Seite 156 kommt eine Frau zu Wort, die bei einer Zeitschrift der Bundesbahn arbeitet: »… aber ich sag mal, man hat halt auch eine irre Themenvielfalt, das hätte ich auch gar nicht gedacht, also, man kann sich schon ausbreiten, es gibt ja so viele Teilgebiete.« Vielsagend (da wenig sagend) auch Nadjas Berufspläne: »Also, so Journalismus finde ich erst mal gut, aber auch so Richtung Psychologie was, jedenfalls kein stupider Bürojob, und es muss halt sehr praktisch sein.«

Das könnte auch in dem Buch wir schlafen nicht von Kathrin Röggla stehen. Sie lässt in Kleinschreibung die Key-Account-Managerin, den IT-Supporter, den Unternehmensberater zu Wort kommen sowie die Praktikantin. Ihre Aufnahmen hat sie natürlich etwas zubereitet, aber das ist legitim. Wir wollen wissen, wie es im Parallelkosmos der neuen Medien, der Werbung, der new economy (die mal neu war) zugeht, und nur im Originalton wäre das trist. Es gibt keine Handlung, aber egal. Da hört man den österreichischen Zynismus heraus (Röggla ist 1971 in Salzburg geboren, ich sage nur: Handke) und auch die ganze Ratlosigkeit eines in hohem Leerlauf sich bewegenden Gewerbes. 14 Stunden arbeiten, kaum schlafen … und wann kommt – fragt eine Frau ironisch – der »berühmte Geschlechtsverkehr« (bei BStB immer Thema, aber selten im Vollzug)? Wann kommt das Leben und was soll das alles? – Gute Frage.

 

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