Das Grauen vor dem eigenen Versagen

In der Erzählung Schläferin nähert sich die Autorin Sophie Reyer erneut dem Thema Kindsmord

Das Buchcover von Sophie Reyers lesenswerter Erzählung starrt nur so von Augenpaaren. Sie erinnern an den Surrealismus und fixieren eine junge Dame im roten Kleid, deren Pose von Marilyn Monroe abgeschaut sein könnte. Anders als diese kokettiert die »Schläferin« jedoch nicht mit ihren Bewunderern. Ihr Wesen ist von Zerbrechlichkeit und Selbstzweifeln geprägt. Mann und Kind hat sie bereits verloren. Gelingt es ihr, sich selbst wiederzufinden?

»Sie schreckt hoch. Durchgebeutelt vom Aufwachen. War das ein Traum? Es war nur ein Traum, sagt sie sich. Sie als Kindsmörderin.« Das Thema Kindsmord lässt Sophie Reyer scheinbar nicht los. Kein Wunder, ist dieses doch wahrlich etwas derart Schreckliches, dass es einen bis ins Mark erschüttert, wenn man nur ein Wort darüber hört. Man fragt sich instinktiv: Wie kann eine Mutter dazu in der Lage sein, das unschuldige Leben, das sie selbst erst geschenkt hat, zu beenden? Drei Jahre nach der Veröffentlichung des Lyrikbandes Marias. Ein Nekrolog, der mit sehr direkten Bildern von Kindsmord-Szenarien schockiert, legt Reyer 2016 mit Schläferin eine Erzählung nach, in der das Thema Kindsmord auf den ersten Blick erneut eine große Rolle spielt. Dabei gerät Reyers Sprache ähnlich bildhaft wie in der Lyrik. Denn obwohl die Eindrücke den Leser im neuen Werk naturgemäß nicht unmittelbar treffen, wird die Distanz zwischen dem Gezeigten und dem Rezipienten auch hier nicht allzu groß.

Die narratologischen Elemente bilden einen hauchdünnen Rahmen, um die bildhafte Traumwelt der Protagonistin Sara, die einen inneren Kampf mit sich selbst ausficht und dabei kaum Unterstützung von außen erfährt. Im Gegenteil: Die Figuren in Schläferin sind entweder selbst kaum gesellschaftsfähig, oder so distanziert, dass sie kein Mitgefühl entwickeln. Der Alkoholiker Dietrich ist ein gebrochener Mann, der sich für seine Beteiligung an der menschenverachtenden Arbeit eines mysteriösen Pharma-Unternehmens schämt und es nicht schafft, seine Vergangenheit hinter sich zu lassen. Bill ist zwiegespalten, da er romantische Gefühle für Sara entwickelt, obwohl er vor Ort eigentlich über die geheimen Experimente des Unternehmens recherchieren soll – er fragt sich, ob sie in die Sache involviert ist, erfährt aber im Laufe der Handlung nie die Wahrheit darüber. Zoe wiederum scheint nur vorzugeben, für Sara als Freundin da zu sein. Durch sie bekommt die Protagonistin die Möglichkeit, sich als »Schläferin« für Experimente zur Verfügung zu stellen. Statt sich jedoch von dem Trauma, das sie erlitten hat, erholen zu können, wird Sara nicht nur vor der Vorstellung geplagt, eine Kindsmörderin zu sein – sie träumt von tanzenden Kindern, plüschigen Kaninchen und einem Liebhaber ohne Gesicht, mit dem sie engelsgleich durch die Lüfte flattert.

Auf den Pfaden der Surrealisten

Um Reyers Schaffensprozess verstehen zu können, muss man wissen, dass für sie vor allem auch Klang und Rhythmik von Sprache eine große Rolle spielen. Dies lässt sich nicht nur in ihrer Lyrik beobachten, sondern wird auch in Schläferin ganz deutlich: Das was passiert, das was Sara fühlt, denkt und erlebt spiegelt sich unmittelbar in der Sprache und der Form des Textes wider. So werden beispielsweise die Sätze immer länger, je besser die Protagonistin sich mithilfe äußerer Einflüsse von ihren depressiven Gedankengängen abzulenken weiß. Im Gegenzug überwiegen Parataxen im Satzbau, wenn sie völlig in sich gekehrt ist. Dies lässt sich nicht nur in einer Vielzahl von Bewusstseinsströmen beobachten, sondern spiegelt sich auch in der Erzählerstimme.

Die Rahmenhandlung tritt hinter dem subjektiven Empfinden der Hauptfigur zurück, das in immer wiederkehrenden Traumse-quenzen und inneren Monologen gezeigt wird. Dem Leser werden kaum Informationen darüber mitgeteilt, was es mit den Experimenten auf sich hat. Sara wird in ein Glashaus einquartiert, wo sie keine weitere Aufgabe zu verrichten hat, als Pillen zu schlucken und zu schlafen. Da Sara das luzide Träumen beherrscht, verschwimmen für sie Traum und Realtität und  die Erzählung erhält automatisch einen surrealistischen Anklang. Die einzelnen Bilder, die auf den Leser einwirken, erscheinen beim ersten Lesen der Erzählung zusammenhangslos. Wie eingangs erwähnt, bekommt man davon schon durch das Buchcover einen ersten Eindruck: es zeigt Augen ohne dazugehörige Körper, die eine einsame alleingelassene Frau anstarren.

Automatisch denkt man an Bilder, wie sie Luis Buñuels Film Un chien andalou präsentiert. Hier wird das Auge einer Frau zerschnitten, später – die Augen der Frau sind wundersamerweise doch noch intakt – sind es die Augen zweier Eselskadaver, die gänzlich fehlen. Bilder wie diese rufen beim Rezipienten starke Gefühle hervor. Ganz ähnlich ist es auch in Schläferin. Obwohl man nicht gleich versteht, was es mit den sonderbaren Träumen der Protagonistin auf sich hat, kann man sich immer besser in sie einfühlen, je mehr Zeit man mit ihr verbringt. Vordergründig geht es in der Erzählung um die Beziehung einer Mutter zu ihrem Kind, das nie wirklich ihres war. Sie hat es weggegeben und ist ihm gefolgt, um ihm doch nahe sein zu können. Bis man zu dieser Erkenntnis kommt, ist es jedoch ein weiter Weg, denn Reyer lässt den Leser zunächst im Glauben, Saras Kind sei tatsächlich tot. Diese schreckliche Vorstellung scheint die Protagonistin jedoch nur deshalb in ihren Träumen zu verfolgen, weil sie nach der Geburt keine Beziehung zu dem Kind entwickeln konnte. Der Kindsmord mutiert so zur Metapher und dokumentiert ein Schuldeingeständnis, das an der Psyche unaufhörlich nagt.

Zwischen Lethargie und aufbäumendem Wahnsinn

Generell ist es ein spannendes und recht eigenwilliges Spiel, das sich Saras innere Stimme und die Erzählstimme liefern. Zuweilen ist der Erzähler so nah dran an der Protagonistin, dass es scheint, als dränge diese sich ihm förmlich auf. Im nächsten Moment wird dieser Eindruck jedoch ad absurdum geführt, da der Erzähler sich deutlich zu Wort meldet. Als Sara Dietrich, dem mysteriösen Alkoholiker, erstmals begegnet, hört sie noch vor der verschlossenen Tür stehend »debiles Gebrabbel«. Wenig später, als sie ihm dann gegenüber steht »kramt [sie] eine Birne heraus und hält sie ihm ratlos vor die Augen« mit den Worten: »Ich hab Ihnen was mitgebracht«. Sara also, die Dietrich als debil bezeichnet, vollzieht selbst eine Handlung, die nicht unbedingt davon zeugt, dass sie ganz auf der Höhe ist. Der Erzähler scheint die Protagonistin lächerlich zu machen, indem er ihr vorschnelles und nicht eben gnädiges Urteil über Dietrich auf sie zurückwirft.

Es ist wirklich nicht einfach, dem Sinn der Erzählung auf die Schliche zu kommen. Zu nah ist man dran an Sara, die sich zwischen Lethargie und aufbäumendem Wahnsinn bewegt. Es ist das Grauen vor dem eigenen Versagen im Leben, das sie und die Sprache der Erzählung zu lähmen scheint. So ist denn auch der Kindsmord nur eines von vielen Schreckensbildern, die Reyer hier entwirft. Diese spiegeln weniger eine inhaltliche Kohärenz wider, als die seelische Zerbrechlichkeit der Figuren. Lesenswert ist die Erzählung Schläferin allemal, wenn man etwas Geduld mitbringt und sich auf die bildreiche, lyrische Sprache einlässt.

Sophie Reyer: Schläferin. Erzählung. Wien: Edition Atelier, 2016. 64 Seiten. ISBN: 978-3-903005-18-1. 5 Euro. – auch als E-Book erhältlich.

 

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