Spieltrieb

Es gibt unterschiedliche Wege, Literatur wahrzunehmen, ihr bewusst zu begegnen und ihre Ideen facettenreich widerzuspiegeln. Eine der schönsten, spannendsten und intensivsten Arten, literarische Werke sich selbst und anderen begreiflich zu machen, ist es, sie dramaturgisch zu inszenieren.

Die Mitglieder der 'Gerüchteküche' (Foto: Ansgar Skoda)Die studentische Theatergruppe „Gerüchteküche“ bringt jedes Semester ein gemeinschaftlich ausgesuchtes Theaterprojekt auf die Bühnen der ESG Bonn. Gegründet wurde die Gruppe vor etwa drei Jahren infolge der Auflösung des studentischen Ensembles „Die Schlafzimmergäste“. Zu der anspielungsreichen Namensgebung kam es unter anderem durch die damalige Arbeit an dem Stück Gerüchte, Gerüchte, einer schwarzen Komödie von Neil Simon. Seit dem Wintersemester 2002/03 probt die „Gerüchteküche“ regelmäßig mindestens einmal wöchentlich in den Räumlichkeiten der ESG. Wie bei studentischen Projekten üblich, besteht eine konstante Fluktuation in der Mitgliederzahl: Einige bleiben längere Zeit dabei, andere nur ein Semester lang. Immer zu Semesterbeginn werden verschiedene Stücke gelesen und in der Gruppe vorgestellt. Bevor gemeinschaftlich eines der Stücke ausgewählt wird, muss zunächst der Aufwand der Realisierung abgeschätzt werden. Diejenigen, die sich bereit erklären, die Regiearbeit zu übernehmen, überlegen sich dann, zu welchem Schauspieler welche Rolle passt. Festgelegte Aufführungstermine gibt es nicht. Diese legen die Gruppenmitglieder gemäß ihrer individuellen Zeitbudgets fest.

Unter den bislang acht Inszenierungen der „Gerüchteküche“ finden sich klassische Lustspiele, politische Satiren und hintergründige, sozialkritische Dramen. Die Schwierigkeit, einen gemeinschaftlichen Konsens bei der Auswahl des jeweiligen Stückes zu finden, wird schon beim Rückblick auf die bisher inszenierten, inhaltlich und thematisch sehr unterschiedlichen Stücke deutlich:

Der im WS 2002/03 inszenierte Comedy-Thriller Schau nicht unters Rosenbeet von Norman Robbins erzählt von den Verwirrungen, die der mysteriöse Tod eines Millionärs bei den hinterbliebenen Familienmitgliedern auslöst. Zeitlebens war er Patriarch seiner Familie, deren größtes Vergnügen Mord in den verschiedensten Spielarten ist. Als bei der Testamentseröffnung bekannt wird, dass sein Vermögen an eine vollkommen Fremde geht, trifft die hinterbliebenen Familienmitglieder ein Schock.

Das Statische des Bühnenbildes und die Dichte der Erzählung werden im darauffolgenden Sommersemester durch die Inszenierung vieler kurzer Sketche von Loriot abgelöst. Die Theatergruppe nimmt sich der Sketche an, ohne Loriots eigene Darstellung zu kopieren. Getreu dem Motto „Der deutsche Spießbürger steckt in jedem von uns!“ versuchten sich die Schauspieler in die Schrullen und Macken der Charaktere, die in den Vorlagen überwiegend gesetzteren Alters sind, hineinzuversetzen und im Rahmen der Inszenierung trotzdem einen eigenen Stil kenntlich zu machen. Die Trockenheit der Darstellung von stereotypen Charakteren oder traditionell festgesetzten Mentalitäten bahnt dabei eine Gesellschaftskritik untergründig an, die komisch wirkt, weil sie weder zu intellektuell, noch zu oberflächlich erscheint.

Das Lustspiel Dame Kobold von Calderón de la Barca ist ein eher unkritisches Mantel- und Degen-Drama, dass im Jahre 1629 in Madrid spielt und von romantischen Verwicklungen in einem reichen Herrenhaus erzählt. Die „Gerüchteküche“ führte Dame Kobold im vergangenen Jahr in der unmittelbaren Vorweihnachtszeit auf.

Die im Sommersemester 2005 folgende Politsatire American War Games lehnt sich an den Hollywoodfilm Wag the Dog von Barry Levinson an. Die Schauspieler reizte an der Satire vor allem das aktuelle politische Thema: Der amerikanische Präsident hat eine Affäre mit einer Praktikantin. Um dies vor der unmittelbaren Wiederwahl zu vertuschen wird über mediale Hilfsmittel ein Krieg inszeniert.

Plakat zu 'Die 12 Geschworenen' (Gerüchteküche, November 2005)Auf American War Games folgte im WS 2005/06 Die zwölf Geschworenen, wiederum in Anlehnung an eine bekannte Verfilmung, Twelve angry men von Sidney Lumet. Die ernsthafte Stimmung des Dramas bot der Gruppe eine Abwechslung zu den überwiegend humorvollen Stücken der vergangenen Semester, da sie auch neue Herausforderungen an die schauspielerischen Darstellungskünste setzte.

Michèle Hammes übernahm zusammen mit Dominic Gansen die Regiearbeit und unterstützte die Schauspieler bei ihrer schwierigen Aufgabe, ihr Publikum über eine Zeitspanne von etwa drei Stunden allein durch Gestik, Mimik und Sprache unterhalten zu können. Als Regisseurin war es für sie eine besondere Herausforderung die Dynamik der Gruppe zu beobachten und zu lenken:

Es wird nicht nur Kreativität in Anspruch genommen, die nötig ist um einen Stoff interessant in Szene zu setzen, sondern auch Organisationstalent, Führungskraft und soziale Kompetenz gefördert. Man lernt viel über die Dynamik in einer Gruppe.

Die organisatorischen und sozialen Erfahrungen, die sie auf diese Weise gesammelt hat, empfindet sie für ihre Arbeit im späteren Lehrberuf als wertvoll. Dass sowohl Schauspieler als auch Regisseure mit zahlreichen Fragen konfrontiert werden, etwa: Wie drücke ich Gefühle und Gedanken für einen Zuschauer eindeutig aus, ohne gekünstelt zu wirken? Wie halte ich eine Gruppe zusammen und bringe sie auf für alle angenehme Weise einem bestimmten Ziel näher?, sieht sie positiv, da man aufgrund der, aus diesen Fragen gewonnenen Erkenntnisse sich selbst, die eigenen Fähigkeiten, aber auch generell die Natur des Menschen besser einordnen lerne. Wichtig sei jedoch auch der Zusammenhalt und das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe. Über Probleme, die dabei auftauchen können, sagt Dominic Gansen, der sowohl bei Dame Kobold als auch bei Die zwölf Geschworenen Regie führte:

Wer nicht bereit ist, in den intensiven Probenphasen vor den Aufführungen einen Großteil seiner Freizeit zu opfern, verursacht schon einmal Komplikationen. Auch tauchen besonders Probleme auf, wenn Leute während des Projekts ausscheiden müssen. Das ist sowohl bei American War Games als auch bei Die zwölf Geschworenen der Fall gewesen. In so einer Situation muss man entweder schnellstmöglich Ersatz finden oder, so wie Michèle und ich es dieses Mal gehalten haben, als Regisseur bereit sein, selbst eine Rolle zu übernehmen.

Felix Toyka übernahm nicht nur in Die zwölf Geschworenen eine der drei Hauptrollen, sondern spielte bereits in seiner Schulzeit die Hauptrolle in William Sakespeares Tragödie Macbeth, bei den „Schlafzimmergästen“ in Kunst von Yasmina Reza und bei der „Gerüchteküche“ in Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch, verschiedene Rollen bei den Loriot-Sketchen und in American War Games. An dem Stück Die zwölf Geschworenen gefiel ihm besonders die Statik des Bühnenbildes: Das Geschworenenzimmer wurde in der Aula der ESG schlicht durch aneinandergesetzte Tische, die, einen Gerichtssaal andeutend, auf drei Seiten durch tribünenähnlich aufgebaute Sitzreihen für das Publikum umgeben waren, nachgestellt.

Der Blick des Zuschauers konzentriert sich nicht auf die Szenerie oder das Bühnenbild. Man kann sich als Schauspieler nicht darin verstecken.

Auf die Frage hin, was ihn an seinem Charakter gereizt und wie er sich in seine Rolle eingefühlt habe, antwortet er:

Die Nr. 3, der Charakter, den ich gespielt habe, beharrt bis zuletzt und gegen alle Indizien aus persönlichen Gründen auf der Schuldigkeit des im Stück angeklagten Jungen, dessen Hinrichtung von den Stimmen der Geschworenen abhängt. Dass er sich durch seine Sturheit oft die Blöße gibt, ist ihm ungeheuer unangenehm. Das macht es ihm noch schwerer, sein latentes Gewaltpotential und seinen unterdrückten Sadismus zurückzuhalten. Ich habe die Rolle gemäß der Vorlage des Films von 1957 erarbeitet und diese dann nach und nach an meine eigene Persönlichkeit angepasst, die auch über genug unterdrücktes Gewaltpotential verfügt. Wichtig war mir, die konstante Balance zwischen Jovialität und spontanen Gewaltausbrüchen aufrecht zu erhalten und diese jederzeit, auch wenn Nr. 3 keinen Dialog hat, mitschwingen zu lassen. Allgemein reizt mich an der Schauspielerei, den Leuten, die mir zuschauen, den Einblick in eine andere Persönlichkeit zu verschaffen, die ich mir selber erst erschließen muss, und dass ich Emotionen, die ich im alltäglichen Leben konstant unterdrücke, beim Theaterspiel nicht nur ausleben, sondern sogar völlig übertreiben kann.

Als entschiedener Widerpart der Nr. 3 agierte Livia Spiegel als Nr. 8. Sie begreift ihre Rolle als sehr selbstlosen Charakter, der verzweifelt die Wahrheit zu ergründen versucht und vermeiden möchte, dass jemand Unschuldiges stirbt:

Auch sie erscheint in einigen Momenten fanatisch, jedoch immer nur der Sache wegen. Es geht ihr um nichts Persönliches. Sie ist sehr selbstlos und ich glaube, ein bisschen mehr davon täte den meisten von uns gut. Sie bringt nach und nach alle dazu, für „nicht schuldig“ zu stimmen.

Die zwölf Geschworenen war ihr erstes Theaterstück mit der „Gerüchteküche“. Bühnenerfahrung hatte sie zuvor nur im Rahmen des Literaturkurses an ihrer Schule sammeln können. Vor Beginn der Proben hatte sie das Stück einmal im Theater gesehen und dabei erste Eindrücke von der dramaturgischen Dichte und Intensität des Werkes gewonnen. Über die Vorbereitung auf ihre eigene Rolle erzählt sie:

Ich habe das Stück sehr intensiv gelesen, meinen Text herausgeschrieben und versucht, mich selbst von den Argumenten überzeugen zu lassen. Der letzte Schritt war, meinen Text so zu sprechen, dass er nicht mehr wie eine Rolle klang, sondern möglichst authentisch. Ich weiß von mir persönlich, dass ich große Angst vor allem habe, was mündlich vorgetragen werden muss, auch wenn das viele meiner Bekannten oder Freunde nicht glauben wollen. Mit dieser Rolle, die ja wirklich viel sagen muss, wollte ich mir beweisen, dass ich vor großem Publikum reden kann. Das hat geklappt und ich hatte sogar richtig viel Spaß dabei! Es ist toll, dass man über das Spiel auf der Bühne seine Zuschauer in eine andere Welt entführen kann, sie auf andere Gedanken bringen kann.

Theater verzaubert eben – so kitschig das auch klingen mag!

Info:

Die Theatergruppe „Gerüchteküche“ trifft sich jeden Dienstag um 19:30 Uhr in der ESG, Königstraße 88. Als studentische Kulturgruppe wird sie durch finanzielle Mittel des AStA der Uni Bonn unterstützt. Mitwirken kann jeder, der bereit dazu ist, Ideen, schauspielerisches Engagement, viel Zeit und Nerven in die gemeinschaftlichen Projekte zu investieren. Über e-Mail erreicht man die Theatergruppe unter Geruechtekueche.Bonn@gmx.de.

 

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