Star ohne Glamour

Tief durchatmen mit Norah Jones

Ihre Musik wurde vor zwei Jahren über Nacht zu einem Phänomen: Dass die bis dahin weitgehend unbekannte Norah Jones im Februar 2003 acht Grammys gewann, wurde als modernes Erfolgsmärchen gefeiert. (Ein kurzer Bericht findet sich auf laut.de.) Der überraschende Erfolg rückte die junge Künstlerin in das Blickfeld einer internationalen Öffentlichkeit, ohne dass ihr kompositorisch bewusst sparsames und unprätentiöses Debütalbum Come away with me typischen Erscheinungsformen gängiger Popmusik zugeordnet werden konnte. In einem Interview mit Brian Wise (DIG Internet Radio) sagt Jones über die Stilrichtungen ihrer Musik: “I'm influenced by country and jazz and blues and everybody who played on my record has a very wide range of tastes, and I think that comes out in our playing and my singing and the kind of songs we like to do.” Jones vereinigt in ihren Songs auf ganz eigene Art Elemente verschiedener Musikrichtungen, die heute längst nicht mehr als hip betrachtet werden. Auch die Künstlerin selber entsprach so gar nicht dem Klischeebild vom weiblichen Popstar ihres Alters: So setzt sie sich bei ausverkauften Konzerten mit einer unbestimmbaren Mischung aus Schüchternheit und Arroganz seitlich zum Publikum und begleitet, dem Publikum nie direkt zugewandt, ihre Songs an einem großen Konzertflügel.

Erstaunliche Reife des gesanglichen Ausdrucks

Dadurch erzeugt sie den für ihre Musik typischen atmosphärisch dichten Zusammenklang von Stimme und Klavierbegleitung. Mit einer für ihr Alter erstaunlichen Reife des gesanglichen Ausdrucks und der Klarheit ihrer Stimme entsteht eine geheimnisvolle Atmosphäre. Jones bricht diesen Zauber nur, wenn sie über eine Nachlässigkeit eines der mittlerweile fünf Mitglieder ihrer "Handsome Band" lächeln muss. Solche Auflockerungen des Konzerts sind eine willkommene, seltene Abwechslung, die die bewusste Überschaubarkeit und Präsenz der Jones-typischen Atmosphäre auflockern, ohne dass sie die Kontrolle über ihr Zusammenspiel mit der Band verliert. Die klangliche Symbiose von Orchester und Sängerin steht im Zentrum ihrer Konzerte, die mit keinerlei Bühnenattraktionen aufwarten. Die minimalistisch anmutende Gelassenheit von Jones' Stimme wird in regelmäßigen Abständen durch orchestrale Solos abgelöst, die, der stimmlichen Lässigkeit angepasst, auf künstlerische Konzentration und musikalisches Können schließen lassen. Wenn sich Jones dann am Ende des Konzerts von ihrem Klavierschemel erhebt, wirkt ihre unsichere Verbeugung, ihr einziger, längerer Blick ins Publikum und ihr scheues "good night" unverhältnismäßig zu ihrem erstaunlich sicheren Auftritt und ihren künstlerischen Fähigkeiten.

Ruhevolle Behaglichkeit

Jones' Musik berührt auf angenehme Art. Obwohl sie nicht mit der überbordenden Leidenschaft einer Céline Dion singt, liegt in ihrer Stimme immer viel Gefühl und ein gutes Gespür für Akzente setzende Feinheiten. Die zurückhaltende und sparsame Instrumentierung ihrer Songs schafft eine intime Atmosphäre zwischen Zuhörer und Musik. Sie lässt Raum für den verhaltenen und entspannten Gesang der Sängerin, der immer im Vordergrund der Songs steht. Klavier-, Percussion- und Gitarrensolos erweitern die in der Regel sehr kurzen Stücke, die von Zukunftsängsten, von Einsamkeit, meistens aber von Liebe oder dem Alltag handeln. Jones legt in ihre Songs unterschiedliche stilistische Ansätze und bewegt sich auch gesanglich auf variierenden Ebenen, indem sie in ihren Songs mal summt, Worte dehnt, sich dezent zurücknimmt, zart haucht, einzelne Sequenzen wiederholt oder langsam leiser wird. Die Ruhe, die Jones durch ihre stimmliche Fragilität und die Sparsamkeit der Instrumentierung in all ihren Songs bewahrt, macht einen besonderen Reiz ihrer Musik aus.

Tochter eines Sitar-Virtuosen

Die Sängerin, Songwriterin und Komponistin kann auf viele Jahre des musikalischen Handwerks und frühe Erfolge zurückblicken. Sie wird am 30. März 1979 in New York geboren. Musikalischer Ehrgeiz findet sich bereits in ihrer nächsten Verwandtschaft: So ist Jones die uneheliche Tochter des indischen Sitar-Virtuosen Ravi Shankar, zu dem sie bis heute wenig Kontakt hat und der ihre gleichaltrige Halbschwester Anoushka zur Sitar-Spielerin ausbildete. Norahs eigene musikalische Erziehung wird durch ihre Mutter Sue Jones in die Wege geleitet und maßgeblich beeinflusst. Auf die Frage nach dem Einfluss ihrer Eltern auf ihren Lebensweg und ihr Verhältnis zu dem prominenten Vater antwortet Jones im Interview mit Brian Wise: “I was raised by my mother. I saw my Dad every once in a while, but I really didn't know him very well, I really wasn't that close to him at all until the past five years. But my Mom, she had a great record collection and she took me to music lessons every week. So yes, she was very encouraging. She wanted me to go to music camp, and to this arts high school. (...) I don't think it should be in the headline, that he's (a. d. A.: Ravi Shankar) my dad when it's not the most important thing about my music, it's not even relevant to my music.” Ihre Mutter Sue beendet die Beziehung zu Ravi Shankar, als dieser die Mutter von Anoushka heiratet. Schon mit fünf Jahren singt Norah in einem Kirchenchor. Zwei Jahre später nimmt sie ihre ersten Klavierstunden und versucht sich für kurze Zeit am Saxophon. Im Alter von 15 Jahren geht Jones auf die renommierte Booker T. Washington High School for the Performing Arts, wo auch die Soul-Sängerin Erykah Badu und der Jazztrompeter Roy Hargrove ausgebildet wurden. Auf der High School gewinnt sie mehrere Down Beat Music Student Awards, so 1996 eine Auszeichnung für die "Best Original Composition" und in den Jahren 1996 und 1997 jeweils eine Auszeichnung für den "Best Jazz Vocalist". Zeitgleich singt sie in einer Jazzrock-Band. Nach Beendigung der High School besucht sie die University of North Texas, wo sie einen Major in "jazz piano" erwirbt. Zwei Jahre später zieht sie nach New York City, wo sie für rund ein Jahr regelmäßig mit der Funk-Fusion-Gruppe Wax Poetic in Hotelbars und Kneipen auftritt. Grundbaustein für ihren Erfolg ist Jones' Band, die sie mit dem Gitarristen und Songwriter Jesse Harris, dem Bassisten und Songwriter Lee Alexander und dem Schlagzeuger Dan Rieser gründet. Harris und Alexander schreiben in den folgenden Jahren auch zahlreiche Kompositionen für Jones, darunter Don't know why (Harris) und Painter Song (Alexander).

Der erste Plattenvertrag

Im Oktober 2000 nehmen die vier Musiker ihre erstes Demo für Blue Note Records auf. Drei Monate später werden sie von dem zu EMI gehörenden Jazzlabel unter Vertrag genommen. Neben den Proben und Konzerten mit ihrer eigenen Band tritt Jones live mit der Gruppe des Gitarristen Charlie Hunter auf, der auch bei Blue Note unter Vertrag steht. 2001 trägt sie die Vocals zu zwei seiner Stücke auf dem Album Songs from the Analog Playground bei. Die jazzig interpretierten Cover-Songs der Pop-Klassiker More than this (Orig. v. Roxy Music) und Day is done (Orig. v. Nick Drake) werden 2003 vom Jazz-Label auf dem Sampler The Cover Art of Blue Note in Kooperation mit dem Playboy-Magazine wieder veröffentlicht. Auch die CD New York City, auf der einige Songs enthalten sind, zu denen Norah Jones ihre Stimme beisteuert, erscheint 2003. Jones hatte drei Jahre zuvor zusammen mit dem Gitarristen und Songwriter Peter Malick und seiner Gruppe einige Jazz-, Blues und Folksongs über Liebe, Sehnsucht und das Leben in New York aufgenommen. Diese Neuveröffentlichungen mögen auch mit Jones' überraschenden Erfolg begründet sein, der modernen Jazz wieder als feste Größe an der Spitze amerikanischer und europaweiter Musikcharts etablierte. Ihr 2002 erschienenes Debütalbum Come away with me gewinnt international 80 Mal Platin. Feels like home, ihr zweites Album, folgt im Februar 2004. Ohne sich einem Erwartungsdruck an ihr Nachfolgewerk auszusetzen, produzierte Jones ein fast noch stimmungsvolleres und entspannteres Werk als den gefeierten Vorgänger. Als musikalische Vorbilder für ihre Musik nennt Jones im Interview von Brian Wise die international bekannte Jazz-Sängerin Cassandra Wilson und den Blues- und Soul-Musiker Ray Charles: "I've been very heavily influenced by Cassandra. Her record, New Moon Daughter from about five or six years ago, that's one of my favourite records. (...) My mother owns every Ray Charles record he ever made … to a certain year [laughs] and I grew up listening to him. And she has been kind enough to give me a few of his old records. I mean, he's one of the most amazing musicians of the past 200 years." Ihrem eigenen großen Erfolg steht sie übrigens eher unentschlossen gegenüber: “It's funny because I'm a weird combination of someone who loves attention, but at the same time, not to the degree that a lot of different people want it or love it.”

Sorgfältig durchkomponierte Songideen

Jones' unkomplizierte und zärtliche Art, ihre Songs anzugehen, berührt. Ihre Songtexte wirken manchmal schlicht, jedoch zu keiner Zeit austauschbar. Fernab beliebigem, nichtssagendem Mainstream überrascht Jones mit stets gefühlvollen und sorgfältig durchkomponierten Songideen, die nicht selten auf ungewöhnliche Stilrichtungen verweisen. Jones verzichtet auf jegliche Finessen oder Tricks, die ihre Kompositionen nicht natürlich klingen lassen könnten und vertraut auf ruhige, einfallsreiche und sinnlich anmutende Melodien. Norah Jones gelingt es, geheimnisvoll zu bleiben, ohne ein Geheimnis um ihre Person zu machen. Ihr Erfolg steht gleichzeitig für ein Revival des Unspektakulären: Ihre Musik entführt in eine Welt, in die man sich verlieren möchte, in der man sich gerne eine Ruhepause, ein Durchatmen gönnt.

Zum Weiterlesen (und -hören):

Norah Jones' offizielle Homepage: www.norahjones.com Norah Jones in der Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Norah_Jones

 

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