Tanz vom Sinn des Lebens

Biennale Bonn: Indien 13.-21. Mai 2006Der Bühnenraum flimmert. Zahlenkolonnen verschwimmen zu einem Meer aus Pixeln, das die Tänzer schier verschluckt. Ein dumpfes Rauschen dringt in den Raum, aus der Ferne indische Klänge. Es knackt, als wäre jemand an ein Lautsprecherkabel gekommen. Nie präsentiert sich die Musik rein und klar dem Ohr des Zuschauers. Die Figuren stürzen sich hinein in die flimmernde Projektion immer neuer Bilder, hinein in die Musik, die sich zwischen traditionellen indischen Klängen und lautem Elektro-Sound bewegt und wie ein Oszillograph mal in die eine, mal in die andere Richtung ausschlägt. Die Tänzerinnen und Tänzer des Attakkalari Centre for Movement Arts aus Bangalore reagieren darauf mit indischer Folklore, dann wieder mit modernen Ausdrucksformen. Als gebe es nichts Natürlicheres, bewegen sie sich mal synchron, mal allein zu dem zeitweise in Rauschen und Zischen versinkenden Rhythmus.

Szenenfoto © Alok JohriEine Stunde lang gibt der Choreograph und Leiter von Attakkalari, Jayachandran Palazhy, den Blick frei auf das zeitgenössische Dilemma, in einem Raum zwischen Tradition und Moderne den »Sinn des Lebens« – so die sinngemäße Übersetzung des Titels »PURUSHARTHA« – zu finden. Welche althergebrachten Elemente finden sich hinter dem Rauschen des »neuen« Alltags noch wieder? Was für eine Bedeutung hat die Tradition, der traditionelle Tanz, in einem Land, das sich im Aufbruch befindet? Diese Fragen und Konflikte thematisiert die Inszenierung durch das Zusammenspiel aus rasch wechselnden Tanzstilen, digitaler Projektionen und elektronischer Musik. Die zehn Tänzerinnen und Tänzer setzen sie mal mit ruhigen Bewegungen, langsam und grazil, mal wie von den Elektro-Beats gejagt, aber immer äußerst präzise und mit beeindruckender Leichtigkeit um. Die strengen Elemente des Kalaripayyattu, eines dem asiatischen Kampfsport ähnelnden Tanzstils, stehen neben anderen traditionellen indischen Tänzen und konträr zum westlichen Modern Dance. Ausdruckstarke und feine Handbewegungen, scheinbar leichte Sprünge und exakte Körperhaltung sind Bestandteil der traditionellen Elemente. Attakkalari schafft es, Brauchtum und Moderne verschmelzen zu lassen.

Szenenfoto © Alok JohriAuf weißem Boden, der nahtlos in eine weiße Leinwand übergeht, flimmern tote Fische, Wolken, Quadrate, erst kühl und trist, dann farbig, und immer scheint über die Tänzer ein feines Netz gespannt zu sein. Ihre weißen, wehenden Kostüme bieten den Scheinwerfern eine weitere Projektionsfläche: Tänzer und Bilder verschmelzen vor den Augen des Zuschauers. Ihre Bewegungen finden sich auf der Leinwand wieder, als würden ihre Abbildungen in die Kulisse eingebrannt. Links und rechts wird die Tanzfläche von zuckenden Lichtsäulen begrenzt. Naoki Hamanaka, Kunihiko Matsuo und Mitsuaki Matsumoto aus Japan stehen am linken Rand der Bühne konzentriert hinter einem Pult mit Computern und blinkenden Knöpfen, die sie rhythmisch bedienen. Sie sind verantwortlich für die spektakulären Projektionen und das Sound-Design, die immer wieder neu auf die Bewegungen und Stimmungen der Tänze abgestimmt werden. Sie verwischen die räumlichen Konturen und lassen den Bühnenraum zeitweise beengend klein wirken, doch schon im nächsten Moment wird er durch das Licht wieder in voller Größe freigegeben.

Doch weder die traditionellen Klänge noch die am Computer abgemischte, künstlich klingende Musik kann sich deutlich und klar gegen das Rauschen und andere Nebengeräusche durchsetzen. Der Konflikt schwebt auf der Bühne. »End« dröhnt es zuletzt aus den Lautsprechern. Kurz ist es still, dann schwillt begeisterter Applaus an. Tanzfläche und Leinwand sind wieder weiß und es erscheint beinahe unglaublich, dass Attakkalari noch kurz zuvor den Bühnenraum so intensiv zum Leben erweckt haben.

 

PURUSHARTHA. A MULTIMEDIA DANCE PRODUCTION. Halle B, Bonn-Beuel.
Weltpremiere: 14.05.2006. Regie/Choreographie: Jayachandran Palazhy. Produktion: Attakkalari Centre for Movement Arts (Bangalore/Indien)
Produktion: Attakkalari Centre for Movement Arts (Bangalore)
Weitere Termine unter www.biennale-bonn.de

5.Jul.06 Ich bin erfreut,

5.Jul.06
Ich bin erfreut, dass mein Kommentar zu diesem Kulturereignis auf Ihrer Website erscheint. Meine Meinung ist auch heute noch identisch.
MfG
Peter Hans Wilhelm Sommer, Berlin

Es ist sehr gut, dass Bonn

Es ist sehr gut, dass Bonn sich Indiens kulturell angenommen hat. DIE WELT berichtete am 27.Mai.06 über die Bonner Biennale.
Wenn es mehr Ereignisse dieser Art in Deutschland geben würde, kämen nicht so schreckensbleiche Berichte über z.B. die "abgewendete Gefahr" des Verkaufs von Arcelor/LUX an Mittal/IND (zugunsten eines russischen Mafiosos der ersten Stunde).
Nochmals: herzlichen Dank für diese Biennale.

Gut war auch die Sonderschau "Indien" dieses Jahr auf der Industriemesse in Hannover.
Das sind alles Beiträge zur Einbettung Indiens in das Bewusstsein der Welt - zuungunsten von heiligen Kühen, Fakiren, Kobras usw..

MfG

Peter Sommer

[Adressdaten aus Spamschutzgründen entfernt; d.Red.]

 

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