Terrorismus als Schrei nach Liebe oder: die RAF auf der Couch

Andres Veiels Wer wenn nicht wir

Wer, wenn nicht wir - Filmplakat Filme über die RAF sind seit Margarete von Trottas Die bleierne Zeit von 1981 so zahlreich gedreht worden, dass man schon von einem eigenen Genre sprechen kann. Es handelt sich um ein Genre, das es durch die Vielzahl der am ›roten Jahrzehnt‹ Beteiligten zulässt, unterschiedlichste Geschichten zu erzählen. Neben Spielfilmen, die die Ereignisse mehr (etwa Baader) oder weniger (Der Baader-Meinhof-Komplex) frei in Szene setzen, gibt es auch eine Reihe bemerkenswerter Dokumentarfilme bzw. Dokudramen zum Thema, die jeweils andere Personenkonstellationen und Kontexte in den Blick nehmen. Einen vielfach preisgekrönten Beitrag zur filmischen Aufarbeitung hatte der Dokumentarfilmer Andres Veiel mit Black Box BRD (2001) geleistet, einem Film über die Lebensgeschichten des ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen und des RAF-Terroristen und mutmaßlich am Attentat beteiligten Wolfgang Grams. Interessierten Veiel dort die Umstände politischen Handelns eines ›spätgeborenen‹ Terroristen und seines Opfers, geht es ihm mit seinem ersten Spielfilm Wer wenn nicht wir um die Vorgeschichte der RAF.

Erzählt wird eine für diese Formationsphase des deutschen Terrorismus in den 60er und frühen 70er Jahren höchst aufschlussreiche, fast zur Parabel taugende Geschichte: Es geht um die zunächst schleichende, sich dann beschleunigende und am Ende radikale Politisierung zweier Menschen, die nicht nebenher, sondern gerade durch diese Politisierung Vaterkonflikte austragen und schmerzhafte psychologische Experimente miteinander und mit sich unternehmen. Diese beiden Menschen gehören zum Herzen der ›Bewegung‹, denn es handelt sich um Bernward Vesper, dessen nachgelassenes Romanfragment Die Reise als literarisches Vermächtnis der Studentenrevolte gilt, und Gudrun Ensslin, die mit Baader und Meinhof die Urzelle der RAF bildete. Der Film kreist um diese beiden Figuren, zu denen sich zur zweiten Hälfte des Films ein Dritter gesellt, der die Verbindung zwischen beiden trennen und Ensslins Radikalisierung abschließen wird: eben Andreas Baader. Es ist auch die Geschichte einer Selbstermächtigung zum Subjekt der Geschichte, ein Narrativ des Auserwähltseins: Wer, wenn nicht wir?

Obwohl der Film also einen anderen Fokus und damit ein anderes Figurenarsenal hat (so kommt Dutschke nur in Nachrichtensequenzen und Meinhof überhaupt nicht vor), lässt sich der Film gewissermaßen als Kommentar, vielleicht sogar als Antithese zu Uli Edels mit Stars geradezu überladener Verfilmung von Stefan Austs Baader-Meinhof-Komplex (2008) verstehen. Wo Edels Film auf die Wucht der medial vorgeprägten Bilder und auf das Tempo sich überstürzender Ereignisse setzt, geht Veiel den entgegengesetzten Weg und liefert damit ein Psychogramm des politischen Exzesses. Hier jagt nicht eine Demonstration und ein Attentat das nächste, hier wird in gemächlichen und sehr sachlichen, wie dokumentarischen Szenen erzählt, wie sich Vesper (August Diehl) und Ensslin (Lena Lauzemis) beim Studium in Tübingen kennenlernen und wie es sie zueinanderzieht. Immer im Hintergrund: Die beiden Väter. Nicht von ungefähr diente Gerd Koenens Buch Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des Terrorismus als Vorlage, verweist doch der Untertitel schon auf das zumindest psychologische Interesse am Thema. Die beiden Väter sind Belastete. Hier der Nazi-Dichter Will Vesper, verbittert, weil verfemt, der in den Schreibübungen seines Sohnes sein eigenes Goethe-Gen ausmacht und ihm das Versprechen abnimmt, seine Bücher neu herauszugeben. Dort der evangelische Pfarrer Helmut Ensslin, der seinem »begabtesten, aber auch schwierigsten Kind« Rechenschaft darüber ablegen muss, sich freiwillig für den Kriegsdienst gemeldet zu haben – obwohl er das Regime ablehnte. Gegen diese Eltern gilt es, sich abzusetzen, und vielleicht auch Sühne zu leisten für das, was sie getan haben.

Doch nicht genug damit, dass diese beiden jungen, sensiblen und begabten Adoleszenten durch die problematischen Väter belastet sind. Sie leben in einer Zeit, in der alles in Frage gestellt wird, was irgendwie den Ruch des Traditionellen hat – auch und gerade im Bereich der Intimbeziehungen. Es wird viel ausprobiert in dieser Zeit: Liebe zum gleichen Geschlecht, Beziehungen zu mehreren Partnern, offene Beziehungen. Bernward und Gudrun stehen am Anfang einer Zeit, die bis heute andauert: einer Zeit nämlich, in der ausprobiert, das heißt erlebt und erlitten werden muss, welche Form der Beziehung die richtige ist. Das Problem ist: Beide stehen auf so wackligen Beinen, dass sie den inneren Aufruhr und die Verletzungen nicht stemmen können. – Im Grunde zeigt der Film eine Zeit, in der man lieber wütend als traurig war, in der emotionale Belastungen in Aggression verwandelt wurden.

Diese Aggressionen richten sich, und das zu zeigen macht eine der vielen Stärken des Films aus, sowohl nach innen als auch nach außen. Bernward und Gudrun schreien durch Suizidversuche nach der Liebe des anderen. Andreas Baader, den Alexander Fehling recht feminin und mit behaupteter Gewalttätigkeit spielt, ist deshalb so anziehend für Ensslin, weil er alle Verletzungen nach außen richtet und mit großer Selbstsicherheit alles intellektuelle Phrasengedresche als Feigheit entlarvt. Der Autor Vesper bleibt wegen seiner vergleichsweise geringen Radikalität auf der Strecke, er wird auf Drogen einen Roman-Essay schreiben und das Kind, das er mit Ensslin hat, in fremde Obhut geben. Gudrun lässt das Kind bei seinem seelenkranken Vater zurück – und unterwirft sich schließlich Baader. Er befreit sie von dem Teil, der sie mit Vesper verbindet, befreit sie, um mit ihr und wenigen anderen »den USA den Krieg zu erklären«, wie es im Film heißt. – Alles das muss katastrophisch enden, und tut es bekanntermaßen auch. Keiner der drei überlebt, alle sterben sie von eigener Hand. In ihrer selbst geschaffenen Logik ist das absolut konsequent.

Veiel lässt den Figuren im Film viel Raum, verknappt die politischen Überzeugungen der Akteure so weit, dass sie wie Projektionen von Psychischem wirken. Anders als der Baader-Meinhof-Komplex stellt er keine ikonischen Bilder szenisch nach, sondern schaltet die Zeitlage nur hin und wieder zu – mittels Nachrichtensequenzen, etwa vom Eichmann-Prozess oder einem blutdurstigen, Napalm abwerfenden GI, allesamt glänzend ausgewählte und die Handlung dynamisierende Elemente, die freilich nicht das einzige Mal Veiels Herkunft aus dem Dokumentarfilm verraten. Hier liegt vielleicht auch der einzige Schwachpunkt in dem ansonsten überaus gelungenen Film: Gerade anfangs tendiert der Film zu dramaturgisch nicht immer gut eingearbeiteten didaktischen Einschüben. So erklärt die Vermieterin Ensslin und Vesper, dass sie eine wilde Ehe in der Wohnung nicht dulden dürfe, da sie sich sonst der Kuppelei strafbar mache. Kann man eleganter erzählen.

Davon abgesehen punktet der Film 1. durch die glaubwürdigen und vielschichtigen Charakterzeichnungen, 2. durch die angenehme Unaufgeregtheit der Kameraführung, die den Blick auf das Geschehen nicht durch zu viel Kunstwollen verstellt, 3. durch detailverliebtes Setting, Kostüm und Maske (das allein schon verdient hat, lobend erwähnt zu werden, weil man fassungslos die scheußlichen Frisuren der Zeit betrachten kann) und 4., und das im besonderen Maße, durch eine exzellent gecastete Besetzung, in der August Diehl, der wohl beste deutsche Schauspieler seiner Generation, hervorsticht, sowie in den Nebenrollen die Eltern des schwierigen Paares, allen voran Imogen Kogge als erkaltete und berührungsängstliche Rose Vesper und Michael Wittenborn als Helmut Ensslin, dessen mit Sorge und Wut gemischte Liebe zur Tochter dem Film anrührende Szenen beschert. In diesem Schauspielerfilm leistet das Ensemble Großes – allein für die Wahnsinnsanfälle von Vesper, Ensslin und Baader lohnt sich der Eintrittspreis schon. Somit schafft Veiel einen packenden Film, der einen wichtigen Beitrag zum Genre leistet. Ein Film, den jeder gesehen haben muss, der sich für die psychologischen Wurzeln von Gewalt oder für die Geschichte der Bundesrepublik interessiert.

 

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