Mehr als eine Bahnfahrt

In ihrem neuen Buch entführt Tina Uebel ihre Leser nach Shanghai

Reiseberichte sind etwas Besonderes. Sie erzählen nicht nur von fernen Ländern, der Freiheit und von Freundschaften, die sich beim Reisen ergeben. Wenn sie so verfasst sind wie Tina Uebels neustes Werk Uebel unterwegs, dann laden sie auch dazu ein darüber nachzudenken, was Glück bedeutet. Sie machen aus der Lektüre ein Ereignis, das man so schnell nicht vergisst.

»Reisen soll Verschwendung sein, Hingabe der Ordnung an den Zufall, des Täglichen an das Außerordentliche... retten wir uns dieses kleine Geviert Abenteuer in unserer allzu geordneten Welt.« In ihrem Reisebericht Uebel unterwegs zitiert die Schriftstellerin Tina Uebel diese Worte Stefan Zweigs. Sie stehen gleichsam als Motto über ihrer Eisenbahnfahrt von Hamburg nach Shanghai, wo Uebel 2010 eine Zeit lang auf Einladung des Shanghaier Schriftstellerverbandes als Stipendiatin gelebt hat. Ehe sie dort ankommt, verbringt sie rund sieben Wochen auf den Schienen und hat auf diese Weise die einmalige Gelegenheit, nicht nur fremde Kulturen, sondern auch ganz unterschiedliche Menschen kennenzulernen.

Uebel hat ihren Reisebericht chronologisch strukturiert. Er erinnert an ein Tagebuch, denn fast jedes Kapital ist mit dem Datum und dem aktuellen Standort überschrieben. Angereichert mit vielen Fotos der Gebäude und Menschen schildert die Reisende teilweise recht ausführlich interessante Beobachtungen während der einzelnen Etappen, die sie mit der Transsibirischen Eisenbahn zurücklegt. Der Leser wird auf diese Weise zu einem Mitreisenden, der vom Einstieg in den Waggon, dem Zu-Bett-Gehen bis zum Ausstieg alles miterleben kann. Dass das so ist, liegt auch an der Sprache, die Uebel für ihren Reisebericht wählt. Der Ton ist konsequent locker und stets angenehm.

Dankbar für Freundschaft und Freiheit

Die Highlights bei Uebels Reisebericht bestehen darin, dass sie erzählt, wie sie an den unterschiedlichen Stationen ihrer Reise interessanten Leuten begegnet. Manche sprechen wenig Englisch, doch gerade die jungen Reisenden sind es, mit denen sie sehr gut umgehen kann. Uebel sucht das Gespräch mit ihnen und macht das, was jeder Reisende tun muss, wenn er etwas Neues kennenlernen will – zuhören. Es entstehen sogar Freundschaften, doch jeder, der eine Reise macht, weiß: Irgendwann muss man sich voneinander verabschieden. Die Freundschaft ist das Geschenk einer Reise, gerade dann, wenn man allein in einer fremden Stadt ist.

Ein anderes Thema, das Uebel in ihrem Reisebericht immer wieder erwähnt, ist die Freiheit. Für fast jedes Land, das sie mit der Bahn durchfährt, musste sie ein Visum beantragen. Dabei realisiert Uebel, wie glücklich sie als Deutsche sein sollte, wenn sie innerhalb des Schengen-Bereichs unterwegs ist. Das Thema Freiheit begegnet Uebel aber auch noch an einer anderen Stelle. Durch ihre Gespräche mit den Leuten während der Reise erfährt sie, dass viele mit ihrem eignen Leben unzufrieden sind. Die Gründe dafür sind ganz unterschiedlich: Arbeitslosigkeit, politische Krisen, die eigene Familie und vor allem die fehlende Möglichkeit, das eigene Leben zu steuern.

Uebels Reise ist damit mehr als nur eine Bahnfahrt von Hamburg nach Shanghai. Sie bildet den Ausgangspunkt, um einmal darüber nachzudenken, wie glücklich man als Mensch ist, gerade auch weil man in einem freien Land lebt. Die Reise erlaubt es Uebel das Leben aus einer anderen Perspektive zu sehen. Das Ergebnis dieser Erfahrung ist jedoch nicht nur bloße Dankbarkeit für das Leben. Mit Uebel unterwegs ist der Autorin nicht zuletzt ein unterhaltsamer und manchmal auch nachdenklich stimmender Reisebericht gelungen. Er liefert viele Informationen für das eigene Reisen in den Osten. Allerdings sollte man das Buch bei allem Vergnügen durchaus mit Vorsicht genießen. Der Detailreichtum der Schilderungen kann die Wahrscheinlichkeit verringern, dass man beim eigenen Erleben der Reiseorte noch Überraschungen erlebt.

Tina Uebel: Uebel unterwegs. Skurriles und Bemerkenswertes vom Landweg Hamburg–Shanghai. Delius Klasing Verlag: Bielefeld, 2016. 243 Seiten. 19,90 Euro. ISBN 978-3-667-10472-4. – Auch als E-Book erhältlich.

 

Spendenaufruf

Die »Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Literatur im Dialog« sowie das Online-Magazin wird von einer jungen, ehrenamtlichen Redaktion betreut. Bitte helfen Sie uns mit einer Spende, mit unserer Arbeit weiterzumachen.

Detaillierte Hinweise für Spenden finden Sie im Impressum.

Wenn Sie mögen, können Sie uns auch ganz einfach unterstützen, während Sie online einkaufen, einen Flug oder Ihren nächsten Urlaub buchen – ohne, dass es Sie mehr als ein paar zusätzliche Mausklicks kostet. Wenn Sie vor dem Einkauf bzw. der Buchung über nachstehenden Button zu einem Online-Shop gehen und dort dann wie gewohnt einkaufen, bekommt die »Kritische Ausgabe« automatisch eine kleine Spende von etwa fünf Prozent des Einkaufswertes gutgeschrieben. Ihnen entstehen dadurch garantiert keine Mehrkosten!

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!